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Lübeck JVA-Prozess: Mauruschat verteidigt ihr Handeln bei Geiselnahme
Lokales Lübeck JVA-Prozess: Mauruschat verteidigt ihr Handeln bei Geiselnahme
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09:53 04.02.2016
Agnete Mauruschat. Quelle: Jens Büttner/dpa
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Lübeck

Langersehnte Aussage: Lübecks frühere Gefängnis-Chefin Agnete Mauruschat musste gestern Nachmittag im Geiselnahme-Prozess am Landgericht als Zeugin auftreten. Die 54-Jährige stellte sich zahlreichen Fragen rund um das Thema Alkohol — und was ihr die Beamten in der Justizvollzugsanstalt (JVA) berichteten. Außerdem ging es auch darum, warum die Polizei erst einen Tag später ins Gefängnis gerufen wurde. Ihre Antworten brachten jedoch wenig Neues zu Tage.

Nach Mauruschats 45-minütiger Aussage meinte Kahaberi A.s Anwalt Oliver Dedow, die Ex-JVA- Chefin habe sich bei allen relevanten Punkten „in die Vergesslichkeit geflüchtet“. Besonderes Unverständnis rief bei den Verteidigern das Argument dafür hervor, warum die Polizei nicht sofort nach dem Ende der Geiselnahme gerufen wurde — obwohl es der sogenannte Alarmplan ausdrücklich vorsieht: „Die Geiselnahme war vorbei“, so Mauruschat. Das von mindestens zwei Mitarbeitern angesprochene Prozedere beziehe sich aber bloß auf noch laufende Geiselnahmen.

„Es stand nie außer Frage, dass die Polizei für eine Strafverfolgung gerufen wird“, sagte Mauruschat. Aber an Heiligabend habe sie erst einmal wieder Ruhe einkehren lassen wollen, die Ermittlungen konnten auch am nächsten Tag beginnen — sonst hätte die komplette Schicht bleiben müssen. „Mit der Logik könnte man das auch bei einem Banküberfall machen, der schon vorbei ist“, kommentierte Gintaras A.s Anwalt Frank-Eckhard Brand. „Dann muss man die Polizei auch nicht mehr rufen.“

Agnete Mauruschat war mit ihrem Anwalt Erich Joester erschienen. Der Jurist hatte Anfang Januar auf das Aussageverweigerungsrecht seiner Mandantin verwiesen. Der Grund: Da nach der Geiselnahme anfangs wegen einer möglichen Strafvereitelung gegen Mauruschat ermittelt wurde und immer noch ein Disziplinarverfahren anhängig ist, könne sie sich womöglich selbst belasten. Das Gericht lud sie daher aus, doch auf Antrag der vier Verteidiger entschied sich die Strafkammer wenig später wieder um (die LN berichteten). Entsprechend wortkarg trat die 54-Jährige daher vor ihrer Aussage auf und verschwand danach sofort wieder aus dem Gerichtsgebäude.

Der Fokus aller habe laut Mauruschat an Heiligabend darauf gelegen, „wie es den beteiligten Beamten geht“. Als die 54-Jährige von der Inspektorin vom Dienst informiert wurde, habe sie umgehend um das sogenannte Kriseninterventionsteam (KIT) gebeten. Die speziell geschulten Beamten betreuen Opfer nach traumatischen Erlebnissen. Mit Geisel Rene K. habe sie „nur ganz, ganz kurz gesprochen“.

Allerdings wisse sie nicht mehr, ob es dabei auch um den Tathergang ging. Unmittelbar nach der Geiselnahme habe sich die Anstaltschefin bloß mit der Inspektorin vom Dienst, dem Schichtführer und den KIT-Beamten unterhalten. K. habe seine Erlebnisse erst im Januar per E-Mail geschildert. „Wobei ich mich nicht mehr an den Inhalt erinnern kann.“

Dass die Angeklagten Alexej S., Eugenijus F., Gintaras A. und Kahaberi A. jedoch betrunken gewesen sein sollen, konnte Mauruschat gestern nicht bestätigen. „Ich weiß noch, dass ich laut nachgedacht habe, ob wir einen Test machen müssen.“ Der Schichtführer habe ihr jedoch mitgeteilt, dass der medizinische Dienst keine Auffälligkeiten festgestellt habe. „Ich hatte keinen Anlass, an meinen Mitarbeitern zu zweifeln.“ Dass die vier Männer betrunken gewesen sein sollen, sei erst sehr viel später thematisiert geworden. Mauruschat wurde jedoch Ende Januar nach Kiel abgeordnet. „Von da an weiß ich nichts mehr.“

Obwohl Agnete Mauruschat dem Gericht gestern eine Dreiviertelstunde Rede und Antwort stand, habe sie laut Eugenijus F.s Anwalt Jan Kürschner nicht wirklich zur Aufklärung beigetragen. „Es zeigen weiter alle mit ihren Fingern auf andere.“ Auch jetzt noch bewertet Kürschner Mauruschats Verhalten als „schwer verständlich“.

„Frau Mauruschat hat

sich in ihre Vergesslichkeit geflüchtet.“

Kahaberi A.s Anwalt Oliver Dedow

„Mit der Logik muss man nach einem Bankraub auch nicht die Polizei rufen.“

Gintaras A.s Anwalt Frank-Eckhard Brand

„Es zeigen weiterhin

alle mit ihren Fingern

auf die anderen.“

Eugenijus F.s Anwalt Jan Kürschner

Peer Hellerling

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