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Lübeck Jüdische Gemeinde im Chaos: Bau geht trotzdem weiter
Lokales Lübeck Jüdische Gemeinde im Chaos: Bau geht trotzdem weiter
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20:51 01.06.2017
Architekt Thomas Schröder-Berkentien zeigte gestern in der Synagoge den Baufortschritt. Als nächstes wird mit Hilfe der Holzkonstruktionen in dem Raum vor der Gebetshalle die Gewölbedecke neu gegossen. Quelle: Foto: Olaf Malzahn
Innenstadt

Der Führungsstreit fällt ausgerechnet in die Zeit der millionenschweren Sanierung der Synagoge.

Machtkampf im Vorstand: Polizei soll Unterlagen beschlagnahmt haben – Hausverbot für stellvertretenden Vorsitzenden – Rabbiner gekündigt.

6,3 Millionen Euro kostet die Sanierung der Synagoge in der St.-Annen-Straße. 2016 standen die Bauarbeiten auf der Kippe, weil Bund und Land nicht länger zahlen wollten.

Lange Geschichte

Am 8. Juli 2014 begann mit dem offiziellen Spatenstich die Sanierung der Synagoge. Einen Monat später wurde das Gotteshaus entwidmet. Die Synagoge wurde 1880 geweiht, von den Nazis geschändet und umgebaut, 1945 an die Jüdische Gemeinde zurückübertragen und steht seit 1991 unter Denkmalschutz.

Am 2. Mai habe der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Alexander Olschanski, seinen Rücktritt erklärt. Das behauptet der bisherige Stellvertreter Oleg Nakoshnyy. Tatsächlich existiert ein Schriftstück, demzufolge der Vorsitzende aus gesundheitlichen Gründen aus dem Gemeinderat zurücktritt. Der 45-jährige Nakoshnyy will die Jüdische Gemeinde wenigstens als kommissarischer Vorsitzender führen. Doch der 63-jährige Olschanski erklärt auf LN-Anfrage: „Ich bin nicht aus dem Vorstand ausgetreten, ich war und bin der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde.“ Über Nakoshnyys Ansprüche auf den Vorsitz könne er nur lächeln. Stattdessen habe der Gemeinderat in einer Sitzung am 7. Mai Nakoshnyy als stellvertretenden Vorsitzenden abberufen. Dafür legt Olschanski beglaubigte Abschriften an das Amtsgericht Lübeck vor. Zum neuen stellvertretenden Vorsitzenden wurde Vladimirs Gavrilovs berufen.

Beide Seiten bestätigen, dass am 18. Mai ein Hausverbot gegen Oleg Nakoshnyy ausgesprochen wurde. In einer Mail an den Vorstand erklärte der Ausgeschlossene, dass er das Hausverbot für rechtswidrig halte und rechtlich prüfen lassen werde. Am 19. Mai soll es einen Polizeieinsatz in der Gemeindeverwaltung in der St.-Annen-Straße gegeben haben. Das geht aus einem Schreiben von Nakoshnyys Anwalt an die Polizeidirektion Lübeck hervor. Dabei sollen Unterlagen des bisherigen Stellvertreters beschlagnahmt worden sein. Wegen des Streits seien sämtliche Konten der Jüdischen Gemeinde gesperrt worden, sagt Nakoshnyy. Das bestätigt der Vorsitzende Olschanski auf LN-Anfrage indirekt: „Heute hat die Jüdische Gemeinde kein Problem mit der Bank.“

Auch der Rabbiner Dr. Yakov Yosef Harety, seit 2015 geistliches Oberhaupt, ist Leidtragender der Auseinandersetzung. „Mir wurde gekündigt“, sagt der fassungslose Rabbiner. Der Rechtsanwalt von Olschanski, Andreas Schwartz, erklärt auf LN-Anfrage: „Die Jüdische Gemeinde hat dem Rabbiner aus betrieblichen Gründen gekündigt.“ Welche Gründe das sind, ist nicht bekannt. Der Rabbiner hat ebenfalls einen Rechtsanwalt eingeschaltet.

Das Chaos im Gemeindevorstand überschattet die laufenden Sanierungsarbeiten an der Synagoge. Architekt Thomas Schröder- Berkentien widerspricht allen Gerüchten, dass wegen des Streits nicht weiter gebaut werde. „Die Arbeiten laufen weiter“, erklärt Schröder-Berkentien. Zimmerleute seien gerade dabei, die Vorsynagoge, also den Raum vor der Gebetshalle, zu sanieren. Dabei wird die Gewölbedecke von 1880 nachgebaut, aber mit modernen Materialien – Sichtbeton und Stahl. Dach und Außenmauer sind fertig, Fenster wurden erneuert oder ausgebessert, das Außengerüst ist abgebaut. „Als nächstes starten die Restaurationsarbeiten in der Gebetshalle“, sagt der Architekt, „das Geld ist da, jetzt folgt die Ausschreibung.“ Anfang Juli wird eine Natursteinplatte an der Fassade der Synagoge feierlich enthüllt. Schröder-Berkentien: „Damit schließt der dritte Bauabschnitt ab.“

Der vierte Abschnitt der Synagogen-Sanierung und die Planung für die Sicherung des Gebäudes starten im Hochsommer. Dabei geht es um den Innenausbau. 2019 soll alles fertig sein. 6,3 Millionen Euro kostet die gesamte Sanierung, die vom Bund, dem Land und der Possehl-Stiftung finanziert wird.

Ein unwürdiges Schauspiel

Man kann ja nur von Glück sagen, dass der Vorstand der Jüdischen Gemeinde dieses Schauspiel nicht im vergangenen Jahr abgeliefert hat. Damals stand der Fortgang der Synagogen-Sanierung auf der Kippe, weil der Bund die Maßnahmen als nicht mehr förderungswürdig einstufte. Die Folge war ein Baustopp. Nur weil Bund, Land und Possehl-Stiftung doch wieder Geld gaben, ging die Sanierung weiter. Ein Machtkampf mit Polizeieinsatz, Hausverbot und Rabbiner-Kündigung hätte die Geldgeber wohl endgültig verschreckt.

Wenn Vorstände sich zerlegen, ist das zunächst eine vereinsinterne Angelegenheit. Aber in diesem Fall geht es um eine Religionsgemeinschaft, die ihr Gotteshaus nur durch die Zuwendung von 6,3 Millionen Euro an öffentlichen Geldern und privaten Zuschüssen sanieren kann. Da hat die Öffentlichkeit schon Interesse daran, dass mit den Spenden auch vernünftig umgegangen wird. Der Vorstand sollte sich dringend Gedanken über sein öffentliches Erscheinungsbild machen und den Streit beilegen.

 Kai Dordowsky

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