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Lübeck Kanaldeckel in Reih und Glied
Lokales Lübeck Kanaldeckel in Reih und Glied
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09:09 10.11.2017
Dr. Ulrich Bayer kennt das Rätsel der Kanaldeckel, die gleichmäßig auf der Burgtorbrücke verlegt sind. Sie sollten helfen, russische Panzer aufzuhalten. Quelle: Eva-Maria Bast

Strammstehen muss man nicht auf der Burgtorbrücke, obwohl sich die dortigen Kanaldeckel unter der Verwaltung der Bundeswehr befinden. Das hat Stadtführer Dr. Ulrich Bayer herausgefunden. 

LN-Serie lüftet Geheimnisse der Hansestadt – Heute geht es um die Burgtorbrücke.

50 Geschichten

Das Buch „Lübecker Geheimnisse – 50 spannende Geschichten aus der Hansestadt“ ist im Verlag Bast Medien in Kooperation mit den Lübecker Nachrichten erschienen. Es hat 192 Seiten, kostet 14,90 € (ISBN: 978-3-946581-25-3) und ist in den Geschäftsstellen der Lübecker Nachrichten, in Buchhandlungen und online unter www.bast-medien.de erhältlich.

Nachdem er während seiner Führungen, die er auch „Spaziergänge mit Kommentaren“ nennt, öfters auf die vielen Kanaldeckel auf der Brücke – die in Reih und Glied liegen, wie sich das für die Bundeswehr gehört – angesprochen wurde, ging er der Frage nach, was es mit den ordentlich angeordneten Kanaldeckeln auf sich hat. Nun kann er den Teilnehmern der Rundgänge berichten, dass sie aus den 80er-Jahren stammen, aus der Zeit des Kalten Krieges (1947-1989) in seiner letzten, heißen Phase, die von beispiellosem Wettrüsten geprägt war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stritten die Supermächte USA und Sowjetunion um die Vorherrschaft. Beide verfügten über ein militärisches Bündnissystem, dessen Führungsmacht sie jeweils waren: die Nato (gegründet 1949) auf Seiten des Westens und der Warschauer Pakt (gegründet 1955 nach dem Nato-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland) auf Seiten des Ostblocks.

Die Bemühungen um Entspannung der politischen Lage nahmen Ende der 70er-Jahre ein jähes Ende: Zum einen wurde der Nato-Doppelbeschluss von 1979 gefasst, der eine Aufrüstung im Bereich der Mittelstreckenraketen (Pershing II) mit der Begründung beabsichtigte, der Warschauer Pakt habe hier in den Jahren zuvor durch die SS-20-Raketen mit deutlich größerer Sprengkraft einen Rüstungsvorsprung erzielt. Der Doppelbeschluss sah Verhandlungen mit der Sowjetunion vor: Diese sollten ihre Mittelstreckenraketen spürbar begrenzen. Sollte die sowjetische Seite nicht zustimmen, würden die USA mit atomaren Mittelstreckenraketen aufrüsten.

Bis Ende 1983 jedoch brachten die Verhandlungen keine Einigung, sodass die Nato letztlich ihre Pershing II-Raketen aufstellte. Am 25. Dezember 1979 marschierte die sowjetische Armee in Afghanistan ein. Aber was hat das alles mit den Kanaldeckeln zu tun? Welchen militärischen Nutzen sollten sie haben? „Unter den Kanaldeckeln befinden sich Löcher“, sagt Ulrich Bayer, „und in die sollten T-Träger eingestellt werden, durch die feindliche Panzer an der Durchfahrt durch Lübeck hätten gehindert werden können.“ Im Grunde handelte es sich also um Aufnahmepunkte für Panzersperren. „Das ist das gleiche Prinzip wie im Mittelalter, als man versuchte, eine Stadt mit Stadtmauern vor Plünderung und feindlicher Übernahme durch fremde Heere zu schützen“, sagt Bayer.

Auch als Aufnahmeschächte für Sprengladungen hätten die Löcher dienen können. Sogenannte Wallmeister waren im Kalten Krieg dafür zuständig, „an strategisch wichtigen Punkten Deutschlands Infrastruktur in Trümmer zu legen, falls die Panzertruppen des Warschauer Pakts angreifen sollten“, schreibt Journalist Per Hinrichs in einem „Spiegel“-Artikel. Dafür hätten die Wallmeister fast 6000 geheime Sprengfallen bundesweit präpariert, vor allem an Brücken, Straßen und Tunneln. „Es waren versteckte Bohrlöcher oder getarnte Gully-Schächte, die teils gewaltige Sprengladungen aufnehmen konnten“, erläutert Hinrichs. „Die Munition wurde an nahegelegenen Standorten gelagert oder in getarnten Bunkern.“

Mit einer Sprengung der Brücke statt dem Aufbau einer Panzersperre wäre die Durchfahrt der Militärfahrzeuge zweifelsohne ebenfalls verhindert worden. Ob es eine solche Planung gab, könnte nur der Wallmeister der Bundeswehr verraten – der aber ist zur Geheimhaltung verpflichtet.

 Eva-Maria Bast

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