Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Kapitän Schmidts zweites Leben
Lokales Lübeck Kapitän Schmidts zweites Leben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:22 08.10.2016
Stefan Schmidt vor einem Gemälde in seiner Wohnung in St. Lorenz Nord. Die Seefahrt ist für ihn Vergangenheit – „eine schöne Erinnerung“, wie er sagt. Quelle: Lutz Roeßler

Seine Mutter presst ihm einen Waschlappen aufs Gesicht. Er soll den Staub nicht einatmen, der nach jedem Bombeneinschlag im Luftschutzkeller auffliegt. Das ist die älteste Erinnerung Stefan Schmidts. Er war drei Jahre alt und lebte mit seiner Schwester und seiner Mutter in Stettin, und es war Krieg. Daran muss Kapitän Schmidt aus Lübeck, Flüchtlingsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein, heute denken, wenn er Bilder aus Aleppo sieht und Menschen begegnet, die vor dem Krieg geflohen sind. „Irgendwo ist diese Erfahrung mit dem Bombenlärm und dem Staub im Unterbewusstsein hängengeblieben“, sagt er.

Zur Galerie
Stefan Schmidt, der als Kapitän der „Cap Anamur“ Flüchtlinge rettete, wird heute 75. Als Kind war er selbst Flüchtling.

„Ich habe in meinem Ehrenamt mehr erreicht, als ich gedacht hätte.“Stefan Schmidt (75)

Nicht lange nach dieser Erfahrung wurde Stefan Schmidt selbst zum Flüchtling. Die Familie landete in Hamburg, Elmshorn und schließlich Lübeck. In einer Klarsichthülle bewahrt Schmidt noch immer seinen 1957 ausgestellten Flüchtlingsausweis auf. Er wurde Seemann – Schiffsjunge, Matrose, Offizier, Kapitän, Reederei-Inspektor, Leiter einer Seefahrtsschule in der Südsee.

Aber dann begann er noch einmal ein neues Kapitel. 2004 wurde er Kapitän des Schiffs „Cap Anamur“. Das war ein Stückgutfrachter, der in Lübeck für den Transport von Hilfsgütern umgebaut worden war.

Schmidt bekam, wie alle Besatzungsmitglieder, 1100 Euro im Monat. Im Juni 2004 rettete die Besatzung der „Cap Anamur“ 37 afrikanische Flüchtlinge aus dem Mittelmeer vor dem Ertrinken und brachte sie nach Italien – mit der Folge, dass Schmidt dort wegen Schleuserei vor Gericht gestellt wurde. 2009 wurde er endlich freigesprochen. Da fuhr er schon längst nicht mehr zur See. Aus dem Kapitän war ein Aktivist geworden. 2007 gründete Stefan Schmidt mit Gleichgesinnten die Menschenrechtsorganisation „Borderline-Europe“, die sich vor allem gegen die Abschottung Europas richtet.

Im Oktober 2011 wählte der Landtag ihn zum Flüchtlingsbeauftragten Schleswig-Holsteins – einstimmig. Er wird zu allen Verordnungs- und Gesetzesvorhaben angehört, die Flüchtlinge und Einwanderer betreffen, und leistet Öffentlichkeitsarbeit. Anders als in anderen Bundesländern ist dies ein Ehrenamt. Ein Referent und eine Sekretärin unterstützen ihn. „Wir sind Cheflobbyisten für Flüchtlinge bei der Bevölkerung“, sagt er.

Ende 2015 rückten die Flüchtlinge in den Mittelpunkt der politischen Aufmerksamkeit – und in Schleswig-Holstein kamen 60000 von ihnen an. „Ich war statt an ein, zwei Tagen in der Woche jeden Tag in Kiel“, sagt er. „Da wurde zum Beispiel von einem Tag auf den anderen plötzlich wieder eine neue Kaserne zur Erstaufnahme umgewandelt.“ An den Rückzug ins Private denkt er keine Minute. Weiterhin engagiert sich Schmidt für Borderline-Europe. Gerade ist er von einer Reise auf die griechische Insel Lesbos zurückgekehrt und berichtet von fürchterlichen Zuständen in den Flüchtlingslagern. Wenn seine Amtsperiode als Flüchtlingsbeauftragter im nächsten Jahr ausläuft, könnte er sich gut vorstellen, sich noch einmal zur Wahl zu stellen.

Die Seefahrt ist Vergangenheit. Inzwischen hat er auch seine Tätigkeit als Lehrer an der Seemannsschule auf dem Priwall aufgegeben. Trotzdem: „Ich fühl’ mich schon noch als Seemann“, sagt er. „Das ist eine schöne Erinnerung, ein bisschen Nostalgie.“ Und wenn er heute auf der „Passat“ in Travemünde mit 80 Gästen seinen 75. Geburtstag feiert, dann werden auch Shantys gesungen.

Hanno Kabel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Telefonseelsorge bietet neue Ausbildungsgruppe.

08.10.2016

Schatte GmbH unterzeichnet Kooperationsvertrag.

08.10.2016

Die Nachwuchsbesten des Landes haben um den Helmut-Roock-Pokal gerungen.

08.10.2016
Anzeige