Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Katholiken auf Sparflamme: Lübeck bekommt Großpfarrei
Lokales Lübeck Katholiken auf Sparflamme: Lübeck bekommt Großpfarrei
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:55 30.05.2016
Haben am Konzept gearbeitet: Frank-Eckhard Brand (v. l.), Monika Eissing, Matthias Schultz, Franz Mecklenfeld und Thomas Gronemeyer.

„Furchtlos. Gemeinsam. Aufbrechen.“ Das Motto für die nächsten Jahre steht. Zeit genug, um es zu schmieden, war ja schließlich auch; denn der Beschluss für diese „Strukturrevolution“ ist schon sieben Jahre alt. Die katholische Kirche in Lübeck und Umgebung will sich im nächsten Jahr ein komplett neues Gesicht geben – weg vom einzelnen Kirchturmdenken hin zur Großgemeinde, die sie unter dem Begriff „Pastoraler Raum“ zusammenfasst.

Zur Galerie
Haben am Konzept gearbeitet: Frank-Eckhard Brand (v. l.), Monika Eissing, Matthias Schultz, Franz Mecklenfeld und Thomas Gronemeyer.

Dr. Michael Hollinde (51) über die Neuordnung der

katholischen Gemeinden

zu einem „Pastoralen Raum“

Ein Drittel der Priesterstellen wird gestrichen, die Zahl der Gottesdienste folglich reduziert, Zuständigkeiten vor Ort in „Kompetenzzentren“ gebündelt; zudem folgt eine Personalrochade. „Der demografische Wandel und die gesellschaftlichen Entwicklungen zwingen uns zu diesen Veränderungen“, sagt Propst Franz Mecklenfeld, „uns führt der Weg nun von einer priesterzentrierten Kirche zu einer Kirche der Eigenverantwortung.“

Folge: Zum 26. März 2017 werden die bisherigen Pfarreien Propstei Herz Jesu, St. Joseph-St. Georg, St. Bonifatius, Heiliger Geist, St. Birgitta und Maria Königin aufgelöst und in einer neuen Pfarrei aufgehen. Mit über 24000 Katholiken – acht Prozent der dort ansässigen Bevölkerung entsprechend – wird die neue Groß-Gemeinde mit dem Namen „Zu den Lübecker Märtyrern“ dann die größte Schleswig-Holsteins sein. Mit dabei sind unter anderem auch die Gläubigen in Bad Schwartau, Lüdersdorf, Groß Grönau sowie Scharbeutz.

Eine zehnköpfige Lenkungsgruppe hat im Auftrag des Erzbistums Hamburg diese „Organisationserneuerung“ in den vergangenen Jahren ausgearbeitet. Dabei war auch Frank-Eckhard Brand. Für ihn steht fest:

„Das Konzept bedeutet in der Tat immense Einschnitte ins Gemeindeleben.“ Und sein Mitstreiter Matthias Schultz sagt: „Bisher hatte man als Orientierungsmarke immer seine ,physikalische Gemeinde‘ mit dem Priester vor Ort im Kopf, also den Ort, der einen Turm hat. Das ändert sich demnächst fundamental.“

Daher wundert es Monika Eissing, Gemeindereferentin in der Liebfrauen-Gemeinde, überhaupt nicht, dass sie sich plötzlich mit Fragen wie „Werde ich denn dann noch beerdigt?“ konfrontiert sieht. „Wenn die Menschen davon zum ersten Mal hören, sind sie auf einmal komplett verunsichert. Das wird wohl auch noch Jahre anhalten“, mutmaßt sie.

Für Thomas Gronemeyer, der sich ebenfalls in der katholischen Kirche engagiert, ist die Richtung der zukünftigen Entwicklung klar. „Wir werden uns vom Konsumchristentum abwenden müssen; der ,Supermarkt Kirche’ wird sich verändern. Dahinter steckt die schlichte Erkenntnis – was wir nicht haben, können wir nicht ausgeben“, bilanziert er. Und die Konsequenz aus dem Personalabbau der Hauptamtlichen sei, dass als Kompensation sehr viel ehrenamtlich aufzufangen sei.

Um diese Hoffnung zu nähren, verweisen die Verantwortlichen auf zweierlei Dinge: Erstens sind laut einer eigenen Erhebung bereits etwa neun Prozent der Katholiken der zukünftigen Großpfarrei in ihrer jetzigen Gemeinde aktiv. Und zweitens seien die Orte kirchlichen Lebens wie katholische Kitas, Seniorenheime, Caritas, Eheberatung, Kolping et cetera schon sehr zahlreich in der Fläche vertreten. Die Stärkung der Ehrenamtlichkeit setze aber ein Umdenken der Hauptamtlichen voraus, so der Verweis von Propst Mecklenfeld. „Denn diese sehen sich oft als Macher und die anderen als Helfer.“

Mecklenfeld selbst wird im November bereits verabschiedet und versetzt. Was bis auf Pastor Peter Otto auch für die anderen Geistlichen gilt, die bisher im Zuständigkeitsbereich der neuen Großpfarrei gewirkt haben.

Eine Portion zu viel

Was wir nicht haben, können wir nicht ausgeben.“ Dieser Satz drückt aus, unter welchem Druck die Kirche steht – ob katholisch oder evangelisch. Auch bei der Fusion zur Nordkirche waren sinkende Mitgliederzahlen und die schwindende finanzielle Basis die Auslöser der Reform.

Was aber in den Lübecker Pfarreien passieren soll, ist eine Portion zu viel. Nicht nur, dass zwei Priesterstellen wegfallen – es werden mit Franz Mecklenfeld und Joachim Kirchhoff per Dekret aus Hamburg die „Gesichter der Ökumene“ aus Lübeck abgezogen.

Zudem werden die gestressten Geistlichen wohl zukünftig von Kirche zu Kirche und von Gottesdienst zu Gottesdienst eilen müssen. Auch der feste Seelsorger vor Ort könnte zum Phantom werden. Und ob die Ehrenamtlichen wirklich mehr Befugnisse bekommen, ist in einer hierarchischen, katholischen Struktur anzuzweifeln.

 Michael Hollinde

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Drachencup und offizielle Landesmeisterschaft des Kanu-Verbandes in Lübeck.

28.05.2016

1866 kam die Arbeiterbewegung nach Lübeck: Aus überschaubaren Anfängen wurde die stärkste, politische Kraft der Stadt – aber in der Gegenwart schwinden Mitglieder- und Wähler.

30.05.2016

Niels Kabbert (20) wurde als Mädchen geboren – Auf eines kann er sich verlassen: die Liebe seiner Familie.

30.05.2016
Anzeige