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Lübeck Kein Gosch: Wie viel Macht hat der Gestaltungsbeirat?
Lokales Lübeck Kein Gosch: Wie viel Macht hat der Gestaltungsbeirat?
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10:01 27.01.2018
Streit um die Travewiese: Direkt an der Travepromenade erstreckt sich dieses grüne Areal im lübschen Seebad. Der Gestaltungsbeirat will den Wiesen-Charakter erhalten, aber die Politiker befürworten einen Neubau. Gosch möchte dort einziehen. Quelle: Lutz Roessler, Thomas Krohn (4)
Travemünde

Die Antwort ist eindeutig – jedenfalls für CDU-Fraktionschef Christopher Lötsch. „Der Gestaltungsbeirat hat so viel Macht wie wir ihm geben“, sagt er. Die Entscheidung treffe die Politik – nicht der Beirat, stellt Lötsch klar. Er bewertet es kritisch, dass der Gestaltungsbeirat diskutiert, ob gebaut wird oder nicht. „Das Gremium ist dazu da, über Architektur zu beraten“, sagt Lötsch. Aber nicht zu entscheiden, ob es eine „Null-Lösung“ gibt – also keine Bebauung. Der Bauausschuss muss das Thema jetzt diskutieren. Lötsch kann sich vorstellen, dass die Politiker einen Bebauungsplan beschließen, der einen Neubau auf der Travewiese vorsieht. Anders als Gestaltungsbeirat und Stadtplanung es wollen.

Kein Gosch-Neubau auf der Travewiese: Das ist das Votum des Gestaltungsbeirates. Die Stadtplanung stimmt zu. Doch Politiker und Bürger protestieren. Wie viel Macht hat das Experten-Gremium, das über Lübecks Baukultur wachen soll?

Der Hintergrund: Das Gremium aus renommierten Architekten hat einen Neubau abgelehnt. Denn: Der Charakter als Wiese solle erhalten werden. Die Stadtplanung hat diese Haltung übernommen. Doch der Kurbetrieb will dort seit Jahren ein Restaurant. Gosch will bauen, und die Bürger sind auch dafür.

Daher reagiert Ulrich Krause (CDU) sauer: „Die Stadtplanung übernimmt die Meinung des Gestaltungsbeirates sklavisch.“ Der Neubau sei einfach vom Tisch gewischt geworden. „Das ist ein bisschen billig von der Verwaltung.“ Denn: „Der Investor ist bereit, einen Wettbewerb für das Gebäude zu bezahlen“, sagt Krause. Vor allem: „Direkt hinter der Wiese entsteht mit dem Aja-Hotel ein riesiger, achtstöckiger Betonbau.“

Unverständnis bei SPD- Wirtschaftsmann Jörg Hundertmark. „Ich wundere mich, dass die Stadtplanung das Votum im vorauseilenden Gehorsam übernimmt.“ Zuvor hätten die Bürger in einem Workshop angeregt, dass dort ein Restaurant samt Außenterasse entsteht. „Ich hätte mit gewünscht, dass der Beirat das reflektiert.“ Kurdirektor Uwe Kirchhoff sagt: „Man hat das Gremium über die Anforderungen des Seebads nicht informiert.“ Denn Travemünde verdopple die Zahl der Betten – von 3500 auf satte 8000. „Da muss man Gastronomie und abendliche Angebote bieten.“ Er könne schlecht zu den Gästen sagen:

„Fahren Sie abends nach Scharbeutz.“ Außerdem: „Der Standort Travewiese ist ideal für Entertainment.“ Denn dort wohne niemand und fühle sich gestört.

Völlig anderer Ansicht ist Carl Howe (GAL). „Der Gestaltungsbeirat hat viel zu wenig Macht“, kritisiert er. Die Stadt brauche „Anstöße von außen“. Außerdem hätten andere Welterbe-Städte wie Bamberg oder Regensburg ebenfalls ein solches Gremium. Den Vorwurf der blinden Gefolgschaft widerspricht die Stadtplanung. „Wir teilen die fachliche Einschätzung des Beirats“, sagt Chef Karsten Schröder.

Seit Jahren werde über ein Restaurant auf der Travewiese diskutiert. „Der Beirat hat sich für Gastronomie an punktuellen Stellen ausgesprochen“, so Schröder. Dort, wo Bäckerei Junge, Fisch Paul und die Backskiste Verkaufsstände haben. „Die historische Zäsur Travemündes mit der Travewiese soll erhalten bleiben“, erläutert Stadtplanerin Christine Koretzky. Schröder meint: „Der Blick von außen kann helfen, den eigenen Blick zu weiten.“ Aber: „Zum Schluss muss die Politik die Beschlüsse fassen.“

Viele Bürger Travemündes wünschen sich eine Entscheidung für Gosch. „Wenn ich gepflegt Scampi essen möchte, muss ich immer nach Timmendorf fahren“, so Sabine Herrmann. „Gosch in Travemünde wäre toll.“ Sie ist sich sicher, dass ein neues Restaurant für die heimischen Betriebe keine Konkurrenz darstellt. Für Tobi Strubel wäre Gosch „eine tolle Sache“. Er steht hinterm Tresen der Ostsee-Lounge an der Strandpromenade. Entlang der Flaniermeile gebe es zu wenige Restaurants. „Es käme neue Kundschaft dazu, von der wir und andere profitieren würden.“

Werner Kaiser aus Travemünde steht dem Gosch-Vorhaben positiv gegenüber: „Da würde ich bestimmt Fisch essen und ein Bier trinken.“ Die Geschwister Sandra und Daniel Guttmann sind zurückhaltend:

„Gosch ist lecker, aber nicht billig.“ Trotzdem: „Ein Magnet für Travemünde wäre es auf jeden Fall.“ Andreas Pommer bietet im Fischereihafen Dorsch und Schollen direkt vom Kutter an. Auswirkungen auf sein Geschäft fürchtet er nicht: „Die Gosch-Brötchen haben nicht die Qualität unserer Produkte. Außerdem verkauft Gosch keinen Frischfisch.“

Expertengremium

Seit 2003 werden

markante Bauvorhaben vom Gestaltungsbeirat begutachtet. Er besteht aus externen Experten. Das Geld kommt von der Possehl-Stiftung. Die Stadtplanung bestimmt, welche Vorhaben er diskutiert. Das Gremium kann Empfehlungen geben, an die sich Stadt und Bauherren in der Regel halten. Die Mitglieder wechseln. Zurzeit sind Petra Kahlfeldt aus Berlin und Hilde Bartz-Malfatti aus Weimar dabei sowie Zvonko Turkali aus Frankfurt, Per Pedersen aus Berlin und Jörg Springer aus Berlin. Das Gremium tagt vier Mal im Jahr.

 Josephine von Zastrow und Thomas Krohn

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