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Lübeck Kein Plastik-Meer!
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12:40 27.10.2018
Bundestagsabgeordnete Gabriele Hiller-Ohm und Dr. Rüdiger Wenzel (l.) führten durch den Abend. Quelle: Agentur 54°/ John Garve
Lübeck

“Haben Sie schon mal in Ihre Küche geschaut oder sich Ihr Bad genauer angesehen? Also, ich war erschüttert.“ Mit diesen Worten begrüßte Gabriele Hiller-Ohm (SPD) am Freitag ihre Gäste im Haus der Kulturen, in das sie zu ihrem 2. Zukunftscafé mit dem Thema Plastik geladen hatte. „Berge von Flaschen, Behältern und Dosen. Shampoos, Cremes und Peelings habe ich dabei entdeckt – alles in Plastikverpackungen“, so die SPD-Bundestagsabgeordnete. „Das ist der Wahnsinn.“

Und der Wahnsinn ist Alltag. Denn das, was ein jeder von uns Zuhause an Plastik ein- und ausschleppt, summiert sich im Jahr bundesweit auf Millionen Tonnen Kunststoff, die wir an Müll produzieren. Müll, der sich nicht einfach wieder verwerten lässt, sondern der in einem langwierigen und umweltschädigenden Prozess abgebaut werden muss.

Bundestagsabgeordnete Gabriele Hiller-Ohm Quelle: 54° / John Garve

Die Folge: Gigantische Plastiklawinen in den Weltmeeren, verendete Fische, vollgekippte Strände und ein zerstörtes Ökosystem, das gegen diese Gewalt nicht ankommt.

Warum eigentlich Plastikbesteck?

Wie man bei sich selbst im Kleinen anfangen und Plastik vermeiden kann – und im Großen dazu beiträgt, dem Konsum entgegenzuwirken, war an diesem Abend das Thema, das im Mittelpunkt stand und mit Experten diskutiert wurde.

Greenpeace-Aktivistin Ingrid Boitin demonstrierte an einem Kurzfilm, wie aufwendig und umweltschädigend es ist, Plastikbesteck zu produzieren, und stellte die simple Frage, warum man nicht einfach einen Metalllöfel benutzt, den man waschen und immer wieder benutzen kann. Außerdem stellte sie in einer Präsentation die größten Plastikprobleme dar, die sich in unseren Alltag geschlichen haben: PET-Flaschen und Mikroplastik in Kosmetika zum Beispiel.

Ingrid Boitin von Greenpeace Lübeck. Quelle: 54° / John Garve

„Wissen Sie, wie viele Mikroplastikteilchen in einem Fleece-Pulli stecken, den Sie in der Waschmaschine waschen, und die ungehindert über den Abfluss in unsere Gewässer geraten?“ „Haben Sie schon mal überlegt, ein Peeling aus einfachsten Hausmitteln selbst herzustellen?“ „Und können Sie sich vorstellen, wie umweltfreundlich es ist, wenn Sie einen Stoffbeutel mitnehmen, wenn Sie einkaufen gehen?“, fragte Boitin.

Appell an die Politik

Und es blieb natürlich nicht bei den Fragen, die die zahlreichen Gäste angeregt mitdiskutierten – Boitin hatte auch Antworten und eine Menge praktischer Tipps parat, wie sich Plastik im Alltag vermeiden beziehungsweise minimieren lässt. Und sie hatte auch einen Appell an Hiller-Ohm: „Wenn die Eigenverantwortung der Bürger nicht genug bringt, dann ist es richtig, dass die Politik sich mit Gesetzen einschaltet.“

Und da ein Zukunftscafé ohne den Blick nach vorn kein Zukunftscafé wäre, kamen an diesem Abend drei Lübecker Experten zu Wort, die in Sachen Plastikvermeidung schon viel unternehmen.

Manfred Rehberg, Leiter der Stadtreinigung, von den Entsorgungsbetrieben Lübeck stellte Zahlen rund um den Müll in Lübeck und die bundesweite Kampagne „Wir für Bio“ vor, die er und sein Betrieb von Anfang an mitgestaltet haben und die täglich mehr Unterstützer gewinnt.

Manfred Rehberg von den Entsorgungsbetrieben Lübeck. Quelle: 54° / John Garve

Die Kampagne soll Konsumenten dabei unterstützen, Müll richtig zu trennen – und dabei waren die Macher aus Norddeutschland nicht unkreativ: Mit einem eigens für die Kampagne produzierten Song demonstrierte Rehberg, wie man den Konsumenten erreichen wolle und bekam dafür viel Applaus.

Denn: „Richtiger Kompost kann weiter verarbeitet werden. In Bio-Gas und letztlich auch Strom“, so Rehberg.

Schon bald sollen die über 40 000 Bio-Tonnen in Lübeck mit einem entsprechenden Aufkleber versehen sein, der erklärt, was in die Tonne darf – und was nicht. „So holen wir den Konsumenten direkt an der Tür ab“, so Rehberg.

Einkaufen wie früher

Auch Wiebke Euler, Inhaberin des Unverpackt-Ladens aus der Fleischhauerstraße, war zu Gast und warb für das „eigentlich gar nicht so neue“ Einkaufserlebnis in ihrem Geschäft, in dem die Waren direkt abgefüllt in Behälter werden, die die Kunden mitbringen. „Letztlich“, so Euler, „wurde früher nur so eingekauft, bevor die Plastiktüte auf den Markt drang.“

Wiebke Euler, Inhabern des Lübecker „Unverpackt“-Ladens. Quelle: 54° / John Garve

Und apropos Plastiktüte: Der Erzfeind Nummer 1 war auch an diesem Abend immer wieder Thema. Zudem tauschten die Gäste angeregt Tipps und Tricks aus, wie man sich im Alltag von diesem Umweltverschmutzer fernhalten kann und warum ausgerechnet Bio-Gemüse im Supermarkt in Plastik eingewickelt ist.

Nur das Bewusstsein reicht nicht mehr

„Es fängt alles bei unserem Bewusstsein an“, sagte Gabriele Hiller-Ohm, wurde aber mehrfach an diesem Abend darauf hingewiesen, dass der Wille allein nicht mehr reiche.

Und es geht nicht nur um die Vermeidung, sagte Marc Solterbeck, Geschäftsführer der Fail Deal Trading GmbH aus Lübeck. Denn: „Wir können den Plastikwahnsinn der größten Müllproduzenten wie China oder Indien nicht aufhalten“, so der Unternehmer. Aber: „Wir können ein Konsumbild vorleben, das adaptiert werden kann, in dem wir einfache Systeme entwickeln, die nachahmbar sind.“

Plastikfreie Sneaker aus Lübeck

Dass Konsumgüter wie Sneaker auch plastikfrei produziert werden und deren Bestandteile vollständig zu Bio-Kompost verarbeitet werden können, ist Solterbecks neuestes Projekt, das er an diesem Abend vorstellte.

Marc Solterbeck von der Fair Deal Trading GmbH stellte seinen plastikfreien Sneaker von "Ethletic" vor. Quelle: taf

Es wurde noch lange diskutiert und die große Hausaufgabe, die Hiller-Ohm an diesem Abend mit nach Berlin nehmen durfte: Selbstverpflichtung allein greift nicht. Die Bürger wünschen sich mehr Gesetze in Bezug auf den Plastikkonsum. „Das ist meine große Bitte an die Bundesregierung“, sagte eine Besucherin zum Abschluss der Veranstaltung.

taf

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