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Lübeck Kinder immer länger in der Kita
Lokales Lübeck Kinder immer länger in der Kita
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22:13 08.06.2018
Tausende Lübecker Kinder sind ganztags in Kitas oder Tagespflegestellen – oft, weil beide Eltern arbeiten. Quelle: dpa
Lübeck

Die aktuelle Kitaplanung der Hansestadt zeigt: Die Gesellschaft in Lübeck ist im Wandel. 2280 von 5745 Kindern unter drei Jahren werden in einer Kita oder Tagespflegestelle betreut. Von diesen 2280 Kindern haben 89 Prozent einen Ganztagsplatz, neun Prozent einen Dreiviertelplatz (sechs Stunden) und nur ein Prozent einen Halbtagsplatz. „In den letzten zehn Jahren hat sich die Situation für Familien drastisch verändert“, sagt Joachim Karschny, Geschäftsführer von Kinderwege. Oftmals würden beide Eltern 30 und mehr Stunden in der Woche arbeiten. Immer mehr Lübecker Arbeitnehmer würden Richtung Hamburg pendeln und kaum mit den acht bis zehn Stunden einer Ganztagsbetreuung auskommen.

Als der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz eingeführt wurde, buchten Eltern noch vermehrt halbe Tage für ihre Kleinen. „Berufstätige Eltern fassten schnell Vertrauen in die Betreuung“, sagt Renate Heidig, städtische Jugendhilfeplanerin. „Sie wollten dann ganztags arbeiten und fragten entsprechend diese Betreuungsplätze nach.“ Alle Experten nennen übereinstimmend einen ganz profanen Grund, warum gerade Krippenkinder den ganzen Tag angemeldet sind. „Eine sechsstündige Betreuung bedeutet, dass Krippenkinder um 13.30 Uhr abgeholt werden müssen“, sagt Dörte Eitel vom größten Anbieter Kitawerk. „Dann schlafen aber noch viele Krippenkinder, so dass sie aufgeweckt werden müssten. Aus diesem Grund entscheiden sich viele Eltern für eine Ganztagsbetreuung.“

2006 waren 48 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen fünf Stunden täglich in der Kita. 2017 waren es nur noch neun Prozent. Dagegen verbrachten 74 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen acht und mehr Stunden täglich in der Kita. Landesweit verläuft die Entwicklung ähnlich.

Ein Dreiviertelplatz sei bei den ganz Kleinen sinnlos, da sie dann in der Zeit des Mittagsschlafs abgeholt werden müssten, bestätigt die dreifache Mutter und Kita-Aktivistin Jenny Scharfe. Bei einem Halbtagsplatz könnten Eltern gerade einmal drei Stunden arbeiten. Aber für Eltern gebe es immer weniger Auswahl, weiß Scharfe aus ihrer Facebook-Gruppe: „Also ist man froh, wenn man überhaupt einen Krippenplatz bekommt.“

Die Kreiselternvertretung sieht den Abbau von Halbtagsplätzen kritisch. „Eltern, die gezielt einen Halbtagsplatz suchen, da sie nicht berufstätig sein wollen oder können, müssen dann einen Ganztagsplatz bezahlen oder auf eine Tagespflegeperson ausweichen“, sagt Vorsitzender Christian Weise.

6373 Kinder in Lübeck sind drei bis sechs Jahre alt. 5389 werden in Kitas, 349 in Tagespflegestellen betreut – das macht 90 Prozent aller Kinder. 74 Prozent bleiben den ganzen Tag in der Einrichtung, 17 Prozent sechs Stunden und nur neun Prozent den halben Tag. Zum Vergleich: 2006 buchten die Eltern zu 40 Prozent Ganztagsbetreuung und noch zu 48 Prozent halbe Tage. Kinder immer länger in die Kitas – das ist ein landesweiter Trend. Laut Kieler Sozialministerium liegt die Zahl der Krippenkinder, die mehr als sieben Stunden in der Kita verbringen, landesweit bei 49,9 Prozent, bei den größeren Kindern bei 38 Prozent – Tendenz steigend. „Viele Eltern wollen flexiblere und längere Betreuungszeiten, um Familie und Beruf besser in Einklang bringen zu können“, sagt Familienminister Heiner Garg (FDP), „die Stärkung des Betreuungsangebotes ist daher ein Schwerpunkt der Landesregierung.“ Die pumpt in dieser Wahlperiode 500 Millionen Euro zusätzlich in den Kita-Bereich.

Aber es gibt auch eine prominente, kritische Stimme. Bildungssenatorin Kathrin Weiher (parteilos): „Ich sehe das mit wachsender Skepsis.“ Es sei nicht wünschenswert, gerade die ganz kleinen Kinder acht oder gar mehr als zehn Stunden in Einrichtungen zu haben. Weiher: „Es kann doch nicht sein, dass berufliche Anforderungen immer mehr an Gewicht gewinnen und familiäre Bindungen in den Hintergrund gedrängt werden.“ Christian Weise von der Kreiselternvertretung kontert: „Ich sehe keinen Nachteil für Krippenkinder, die ganztags betreut werden, fällt doch ein Teil der Betreuungszeit ohnehin in eine Schlafphase am Mittag.“

 Von Kai Dordowsky

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