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„Kinder vor dem Fernseher geparkt“

Lübeck „Kinder vor dem Fernseher geparkt“

Der Förderverein Lübecker Kinder feiert zehnjähriges Bestehen – Die Vorsitzenden erklären im LN-Interview, wie es den Kleinen geht und wie sie deren Lage verbessern wollen.

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„Die Gettobildung nimmt zu.Prof. Hans Arnold

Lübeck. Der Förderverein Lübecker Kinder hat zehnjähriges Bestehen gefeiert. Warum wurde der Verein überhaupt gegründet?

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Der Förderverein Lübecker Kinder feiert zehnjähriges Bestehen – Die Vorsitzenden erklären im LN-Interview, wie es den Kleinen geht und wie sie deren Lage verbessern wollen.

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Hans Arnold: Anstoß war eine Diskussion über die Zukunft Lübecks. Wir sind in die Stadtteile gegangen und mussten feststellen, dass Kinder bei der Einschulung wesentliche Defizite aufwiesen, die in der Vorschulzeit entstanden waren. Uns wurde klar, dass die Betreuung in den Kitas dringend verbessert werden musste. Zunächst einmal haben wir für Kitas und Grundschulen Unterstützung organisiert. Und wir haben verhindert, dass ein Bürgerschaftsbeschluss, die Kita- Etats um 18 Prozent in drei Jahren zu kürzen, umgesetzt wurde.

Anfangs wollten Sie sich um städtische Kitas kümmern, später um alle Kinder. Wieso die Ausweitung?

Arnold: Es war keine Ausweitung, sondern eine Umbenennung. Als wir anfingen, gab es noch Horte, in denen Grundschulkinder betreut wurden. Die Horte wurden in die Schulen verlagert, daraufhin haben wir unseren Verein umbenannt. Der Fokus hat sich nicht verändert, nur der Name.

Klaus Jung: Wir setzen Schwerpunkte auf die Stadtteile Moisling, Buntekuh, Kücknitz und St. Lorenz Nord, die im Armutsbericht genannt worden sind. Die Kitas sind überfüllt, der Markt an Erzieherinnen ist leergefegt, die Leiterinnen sind am Ende ihrer Nervenkraft. Viele Kinder brauchen die öffentliche Betreuung. Ich habe gesehen, dass viele Eltern unverantwortlich mit ihren Kindern umgehen. Wenn Menschen bis zum sechsten Lebensjahr nicht genug Input in ihr Gehirn bekommen haben, dann ist es fast nicht mehr möglich, die nicht aufgebauten Synapsen nachzubauen. Diese Kinder werden in der Regel keinen Schul- und Berufsabschluss schaffen.

Sie haben sich vor zehn Jahren hehre Ziele gesetzt – Betreuung in den Kitas erheblich verbessern, Kinder mit Sprachdefiziten und sozialen Problemen fördern, Gettobildung vermeiden. Ist das gelungen?

Arnold: Nein. Es bleibt viel mehr zu tun, als getan wurde. Wir haben unsere Aktivitäten allerdings von Jahr zu Jahr ausweiten können. Die Gettobildung nimmt wegen des Auseinanderdriftens der Gesellschaft eher noch zu. In Moisling sehen wir, dass Menschen, denen es etwas besser geht, wegziehen. Menschen, die sich nur in Moisling eine Wohnung leisten können, ziehen dort hin. Viele Moislinger geben ihre Kinder auch in andere Schulen als in die vor Ort. Übrig bleiben die Kinder mit Problemen. Es ist nicht gut, wenn sich die Armen in einem Stadtteil sammeln. Insofern sind wir froh, dass die Grundstücksgesellschaft „Trave“ ihren Wohnungsbestand top saniert und attraktive, neue Wohnungen errichtet. Der Bahnhaltepunkt wird den Stadtteil deutlich aufwerten.

Frühe Hilfen, Familienzentren, Willkommensbesuche, Ausbau der Betreuung für Kinder unter drei Jahren, warmes Essen und Nachmittagsbetreuung in den Schulen – es wird viel gemacht, und es reicht nicht aus?

Jung: Es sind Einzelschicksale, die man nur erfährt, wenn man vor Ort tätig ist. Kinder werden – nicht nur in den armen Familien – vor dem Fernseher geparkt. In prekären Familien wird Kindern in der gesamten Vorschulzeit 15 bis 20 Stunden vorgelesen.

Arnold: Wir haben deshalb im Hudekamp eine Wohnung gemietet, in der das Nachbarschaftsbüro kindgerechte Angebote macht. Dort wird Kleinkindern auf Kurdisch und Deutsch vorgelesen. Obwohl sie im gleichen Haus wohnen, haben sich viele Familien anfangs mit dem Angebot schwer getan. Heute kommen vier Gruppen wöchentlich.

Es wird viel angeboten, aber es kommt nicht immer bei denen an, die es nötig haben?

Arnold: Ja. Aber wir müssen Lübeck auch loben. Im Vergleich zu anderen Städten dieser Größenordnung ist es toll, was hier alles passiert. Das bürgerschaftliche Engagement ist fantastisch, und der Bildungsfonds erleichtert vieles.

Jung: Nicht zu vergessen die vorbildliche Stiftungslandschaft. Gerd Rischau, der frühere Finanzsenator und Ideengeber für den Bildungsfonds, hat erklärt, dass die Gründung unseres Fördervereins zu den wichtigsten Daten der jüngeren Lübecker Geschichte zählt. Und dass unser Wirken der Stadt ein deutlich kinderfreundlicheres Gesicht gegeben hat.

50 verschiedene Projekte wurden in zehn Jahren angeschoben. Wer sucht die aus?

Arnold: Die Auswahl trifft der engere Vorstand. Wir setzen auch selbst Ideen um.

Jung: Anfangs haben Prof. Arnold und seine Mitstreiter in den Kitas gefragt, was braucht ihr? Mittlerweile sind wir so bekannt, dass Einrichtungen auf uns zukommen.

Wie finanzieren Sie die Projekte?

Arnold: Wir haben etliche Spender, aus deren Zuwendungen wir kleinere Projekte finanzieren. Bei größeren Projekten wenden wir uns an Stiftungen.

Jung: Wir sammeln fast 20000 Euro Jahresbeiträge bei unseren 240 Mitgliedern ein.

Wie viel Geld bewegen Sie im Jahr?

Jung: In zehn Jahren sind 1,3 Millionen Euro in die Projekte geflossen.

Sie tauschen jetzt den Vorsitzenden: Prof. Arnold wird Vize, Klaus Jung vom Vize zum Vorsitzenden. Warum?

Arnold: Ich werde ja älter und bin dankbar, dass ich den Stab weitergeben kann. Klaus Jung hat in drei Jahren so viel bewegt, einen besseren Nachfolger kann man sich nicht wünschen.

Jung: Ich bin dankbar, dass Hans Arnold dabeibleibt. Das Wissen und die Kontakte kann man nicht so schnell aufbauen.

Frage an den neuen Vorsitzenden: Wie geht es weiter?

Jung: Wir haben einige Projekte in der Planung. Wir wollen das Patenschaftsprojekt verstärken. In der Planung sind die „Traum(a)tage“. Wir wollen uns um traumatisierte Flüchtlingskinder kümmern. Dazu wollen wir Gelder von großen Stiftungen einsammeln, um Fachleute zu engagieren.

Arnold: Wir brauchen auch noch mehr Mitstreiter. Uns fehlen Handwerker, die den Kindern etwas beibringen. Wir überlegen auch, in Erweiterung vorhandener Angebote eine Art Elternschule einzurichten.Interview: Kai Dordowsky

Die Vorsitzenden

Klaus Jung (69) war Versicherungsmakler, ist in Rente und engagiert sich seit drei Jahren beim Förderverein Lübecker Kinder. Jung hat mit Mitstreitern das Migranten-Netzwerk (Lumine) gegründet, bei dem sich 160 Ehrenamtliche engagieren.

Prof. Hans Arnold (78) ist einer der Gründer des Fördervereins Lübecker Kinder. Der frühere Neurochirurg arbeitete in Hamburg, war Ärztlicher Direktor an der Uni Lübeck und von 1999 bis 2002 Rektor der Uni.

Die Leistungsbilanz steht unter www.f-luebecker-kinder.de.

LN

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