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Lübeck „Kinderbetreuung ist letztes Jahrhundert“
Lokales Lübeck „Kinderbetreuung ist letztes Jahrhundert“
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21:49 02.05.2018
Kämpfen seit vier Jahren mit den unterschiedlichen Betreuungszeiten in Lübeck: Luise (vorne, 5), Paula (8), Marlene (10), Christian (42) und Elisabeth (45) Eggert. Quelle: Lutz Roessler
Lübeck

Die Familie – Luise (5), Paula (8), Marlene (10), Christian (42) und Elisabeth (45) – hat einen Kalender mit verschiedenen Farben vorbereitet. Dunkelrot sind die Tage und Wochen angekreuzt, an denen Kita oder Schule zu sind, an denen die Eltern sehen müssen, wie sie ihre Töchter betreuen. Es sind viele dunkelrote Tage. „Die Schulferien summieren sich inklusive der beiden Tage vor Luises Einschulung auf 70 Tage“, rechnet Elisabeth Eggert vor. Zwölf Tage seien durch Betreuung abgedeckt. Bleiben 58. „Mein Mann arbeitet Vollzeit und hat 30 Urlaubstage, ich arbeite 80 Prozent und habe 25 Urlaubstage, sagt die Lübeckerin. Hinzu kommt noch ein Schulentwicklungstag. Vier Tage sind durch Betreuung nicht abgedeckt, selbst wenn Vater und Mutter ihren gesamten Jahresurlaub opfern. „Vier Tage sind offen und wir haben dann nicht einen gemeinsamen Tag Urlaub“, erklärt die Projektmanagerin.

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Vor dreieinhalb Jahren zog die Familie nach Lübeck. „Es war immer unser Traum, in diese wunderschöne Stadt zu ziehen“, erinnert sich die dreifache Mutter. Dann der erste Schock: Die meisten Kitas schließen sechs Wochen im Jahr.“So etwas haben wir noch nie erlebt, wir haben in Nordrhein-Westfalen auf einem Dorf gelebt, in dem die Kita nur zwei Wochen im Jahr geschlossen war“, so Elisabeth Eggert. Dann der zweite Schock: Die Schließzeiten der Kita passten nicht zu den Schließzeiten der Schulkindbetreuung.

Dass Familien mit mehreren Kindern, die in verschiedenen Einrichtungen betreut werden, Riesenprobleme in Lübeck haben, war Thema im Bürgermeister-Wahlkampf . Deswegen hat sich sogar eine Elterninitiative gegründet. Und die hatte Erfolg, brachte die Politiker dazu, Reformen bei der Kinderbetreuung in Gang zu setzen. Die Schließzeiten der Kitas werden von 30 auf 20 Tage im Jahr verringert. Bei der Vereinheitlichung mit der Schulkindbetreuung mussten die Politiker aber zurückrudern.

„Wir brauchen schnell eine Lösung“, drängt die Familie Eggert. „Ende vergangenen Jahres habe ich gesagt: Ich streiche die Segel“, sagt die Projektmanagerin. Vier Jahre lang habe sie versucht, die Betreuung der drei Kinder irgendwie zu organisieren. Elisabeth Eggers ist zu Kita und Schule gegangen und hat „Runde Tische“ organisiert, damit sich die Einrichtungen abstimmen. Sie hat Eltern der Einrichtungen befragt. Aber immer wieder sei sie auf Widerstände gestoßen. Schließlich wechselten die Kinder die Kita, aber das Ferienbetreuungsproblem sei geblieben. Elisabeth Eggert hat schließlich in diesem Jahr ihren Arbeitgeber um zwei unbezahlte Urlaubswochen gebeten. „Ein halbes Monatsgehalt fällt weg“, rechnet die 45-Jährige vor, „wie sollen Alleinerziehende das machen?“

Schwieger- und Großeltern können auch nicht einspringen. Die einen wohnen in Köln, die anderen in Bremen. „Natürlich helfen wir uns unter Nachbarn“, sagt die Projektmanagerin, „aber damit kann man ein paar Tage überbrücken, nicht ganze Wochen.“ Im Sommer kommt Marlene in die weiterführende Schule. „Dort gibt es keine Betreuung“, berichtet Eggert. Aber eine Zehnjährige könne man nicht tagelang alleine zu Hause lassen. In anderen Bundesländern gebe es Ferienbetreuung bis zum 14. Lebensjahr. Beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei Lübeck im vergangenen Jahrhundert stehen geblieben.

Immerhin: In jüngster Zeit sei ein bisschen Bewegung in das Thema gekommen. Die beschlossene Reduzierung der Kita-Schließtage auf 20 im Jahr empfindet Familie Eggert als richtig und hilfreich. Dass Familien, die ihre Schulkinder in den Ferien betreut wissen wollen, sich jetzt beim gemeinnützigen Träger Kinderwege melden können, sei ein Fortschritt. Bei Kinderwege sind aber bisher kaum Meldungen von Eltern eingegangen. „Ich glaube nicht, dass es den Bedarf nicht gibt“, erklärt Eggert. Viele würden das Angebot gar nicht kennen. „Die meisten haben auch gar keine Kraft mehr zu kämpfen.“ Kai Dordowski

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