Lübeck. Wie ein Verbrecher ist sich Lothar Bönke vorgekommen, als der Supermarkt-Detektiv plötzlich auf ihn zugeeilt kam. „Er hat mich gleich mitgenommen und abgesucht“, sagt der 72-Jährige. Der Grund: die Alarm schlagende Sicherheitsschranke am Ausgang. Bönke hatte nichts mitgehen lassen, stattdessen wurde er Opfer einer neuartigen Technik. Im Pullover steckte das eigentlich deaktivierte Sicherheitsetikett. Es hatte sich offenbar selbstständig wieder angeschaltet.

So wie dem 72-Jährigen ergeht es derzeit vielen Lübeckern. Bönke allein war an jenem Tag in drei Geschäften, in denen die Sicherheitsanlagen lospiepten. Auslöser sind neuartige Radiofrequenz-Chips (RF), die etwa bei Jacken und Pullovern in einer kleinen Tasche neben dem Waschhinweis vernäht sind. Die Technik ersetzt nach und nach die bisherigen großen Plastik-Sicherungen. Die Chips werden unter anderem bei C & A vernäht.

Die Filialleiterin eines Lübecker Supermarkts hat schon Routine, wenn es in ihrem Laden piept: „Wir fragen direkt, ob Kunden eventuell bei C & A eingekauft haben.“ Auf den kuriosen Umstand angesprochen, bestätigt die C & A-Zentrale in Düsseldorf das Problem. „Bei dem Fehler handelt es sich um eine Kinderkrankheit“, sagt Unternehmenssprecher Thorsten Rolfes. In dem Chip befindet sich eine Metallspule, die an der Kasse eigentlich elektronisch zerstört wird. Rolfes: „Doch durch das Waschen und Schleudern der Kleidung kann sie sich aber wieder aktivieren.“ Den Fehler habe C

& A inzwischen abgestellt. „Vielleicht handelt es sich bei den betroffenen Textilien um ältere Wintermode, die erst bei der jetzigen Witterung hervorgeholt wird“, sagt Rolfes.

Davon betroffen ist zum Beispiel Abdallah Mohammedani. Der 31-Jährige ging kürzlich durch die Innenstadt, beim Betreten eines Geschäfts piepte plötzlich die Sicherheitsanlage — und sämtliche Blicke der umstehenden Kunden gingen Richtung Mohammedani. „Das war schon unangenehm.“ Zuerst vermutete der 31-Jährige sein Handy, Schlüssel oder das Portemonnaie hinter dem Fehlalarm. Erst, als er sogar schon die Jacke abgelegt hatte, fand Mohammedani den kleinen RF-Chip am Pullover — diesen besitzt er seit etwa zwei Jahren.

„Der Fehler darf natürlich nicht sein“, sagt Jürgen Dax, Hauptgeschäftsführer vom Bundesverband des deutschen Textileinzelhandels (BTE). Ein solcher Fall sei ihm bislang nicht bekannt gewesen. Dax erinnert sich lediglich an entsprechende Sorgen zur Markteinführung. „Die Technik ist jedoch erst im Kommen.“ Vorteil der neuen RF-Chips: Sie sind kleiner und leichter. „Dadurch stören sie zum Beispiel nicht bei der Anprobe“, sagt C & A-Mann Rolfes. Im Gegensatz zu den großen Plastikvorgängern haben sie auch keine Nadeln, die durch die Kleidung gestochen werden.

Doch was tun, wenn Kunden einen fehlerhaften Chip in ihrer Kleidung haben? „Der Chip kann daheim einfach abgeschnitten werden“, sagt Rolfes. „Dafür können die Kunden auch gerne in die Filiale kommen.“ Beim Kauf werden viele Kunden aber gar nicht erst auf das Etikett hingewiesen, was Dax vom BTE jedoch begrüßen würde.

Doch auch C & A selbst wird hin und wieder Opfer von fehlerhaften Etiketten anderer Geschäfte. Das erlebte Susanne Krause. Die 54-Jährige hatte eine Bluse in Bad Segeberg gekauft, bei C &

A an der Mühlenstraße setzte das große Piepen ein. „Das war wirklich unschön“, sagt Krause. Sie hat nun sämtliche Etiketten in der Bluse herausgeschnitten. Seitdem sei Ruhe.

Lübecks Ladendiebe

1939 Ladendiebstähle hat die Polizei im vergangenen Jahr registriert, ein Rückgang um 7,9 Prozent. 2011 lag die Zahl bei 2105 Fällen.

Die Aufklärungsquote sank marginal von 92,4 auf 92,3 Prozent.

Die neuen Radiofrequenz-Chips versprechen mehr Sicherheit für Geschäfte. Geübte Diebe konnten die großen Vorgänger leicht entfernen. Die Chips seien laut Bundesverband des Textileinzelhandels unauffälliger und günstiger.

Peer Hellerling

Peer Hellerling