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Lübeck Kleingärtner ohne Zuhause
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19:25 24.06.2017
Blick ins Ungewisse: Jan Heinicke (45, l.) und Josef Buse (59) vor dem provisorischen Vereinsheim auf Parzelle 513. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Von wegen Idylle. Die Kleingärtner an der Schlutuper Straße sind sauer. Sie haben einen Handel mit der Stadt gemacht – und gucken nun in die Röhre. So ist ihre Sicht der Dinge. Der Deal: Der Kleingartenverein Lauerhof gibt acht Hektar Land an die Stadt zurück, dafür bekommt er ein neues Vereinsheim. So steht es im Vertrag zwischen den Parteien. Die Laubenpieper haben ihren Teil der Abmachung erfüllt. Die Stadt nicht. So sehen es Jan Heinicke und Josef Buse vom Vorstand.

Lauerhofer bekommen kein Vereinsheim – Stadt hatte es im Tausch gegen Flächen zugesagt.

Die beiden Männer sitzen in einem kleinen Raum in der Laube auf Parzelle 513. Zwischen ihnen der Wimpel des Vereins von 1981. Damals waren alle 536 Parzellen auf dem 25 Hektar großen Areal belegt.

Doch vor zwölf Jahren endete die Blütezeit. Dann ging es irgendwann steil bergab. Parzellen standen leer, das Areal vermüllte, einer der früheren Vorstände veruntreute Geld – der Verein stand kurz vor der Insolvenz. Das war 2014.

Jetzt berappeln sich die Lauerhofer langsam wieder. „Wir wollen den Verein wieder auf solide Füße stellen“, sagt Schatzmeister Buse. Der Verein hat sich verkleinert. Von den 25 Hektar Fläche zwischen Schlutuper Straße und Edelsteinsiedlung hat der Verein acht Hektar abgegeben. 156 Parzellen mussten weichen, davon waren 92 noch belegt. Die Stadt will daraus Bauland machen, der städtebauliche Wettbewerb läuft schon. Sie hat die Pächter mit je 5000 Euro entschädigt. Das hat 460 000 Euro gekostet. Dennoch: „Es sind Tränen geflossen“, sagt Buse. Vor allem bei älteren Damen. Auf den 17 verbliebenen Hektar Kleingarten-Gelände gibt es jetzt noch 380 Lauben. Davon sind 215 belegt.

„Aber wir haben wieder Zuwächse“, sagt Vorsitzender Heinicke. Was dem Verein nun fehle, sei ein Heim. Denn das Vereinsheim wurde abgerissen, lag dort, wo die Stadt bald Wohnungen bauen lässt. Auf Parzelle 440 soll der neue Treffpunkt entstehen. 120000 Euro hat die Stadt dafür veranschlagt. 10 000 Euro sollen die Leitungen kosten. Aber passiert ist nichts. „Wir brauchen ihn sofort“, sagt Heinicke. Man müsse für die Mitglieder ansprechbar sein. „Ein Verein kann nicht nur einen virtuellen Vorstand haben“, sagt Heinicke. Aktuell sei er nur per E-Mail und Handy zu erreichen. „Wir brauchen eine Adresse“, sagt Buse. Deshalb haben sie eine rosafarbene Laube hergerichtet, den Zaun in Enzianblau gestrichen und einen Briefkasten aufgehängt. Ein Provisorium – kein Vereinsheim.

Das wird es auch nicht geben. „Die Leerstände sind einfach zu hoch“, sagt Hans-Dieter Schiller, Chef des Kleingartenverbandes – zu dem 26 Vereine gehören, darunter die Lauerhofer. Die müssen nicht nur ihre eigene Pacht zahlen, sondern auch für die Pacht der leeren Lauben aufkommen. „Wir helfen dem Verein, wo wir können“, sagt Schiller.

Und die Stadt? Der Kreisverband habe erklärt, dass die Lauerhofer gar kein Vereinsheim mehr bauen wollen, sagt hingegen Sprecherin Nicole Dorel. Die Stadt wollte 13000 Euro als Entschädigung fürs alte Heim zahlen und 7000 Euro für Versorgungsleitungen. Doch bisher gebe es keine Kostenschätzungen dazu, so Dorel weiter.

„Wir haben welche für die Leitungen eingeholt“, sagt indes Heinicke. Aber es würde nur ein Anschluss gesetzt werden, die Leitungen müssten der Verein selbst verlegen. „Ich bin kein Ingenieur. Das können wir nicht“, macht Heinicke klar. Daher hätten sie das Angebot der Stadt abgelehnt. Aber: Nach LN-Recherche bekommt der Verein jetzt zumindest die Entschädigung von 13000 Euro. Schiller: „Das Geld soll nächste Woche überwiesen werden.“

„Angebot der Stadt ist inakzeptabel“

Wohnungen statt Lauben. Das ist die Devise der Stadt. Sie will Kleingarten-Gelände in Bauland verwandeln. Wenn die Laubenpieper einverstanden sind. Sind sie aber nicht. Nachzulesen ist das in einem Bericht, der am Donnerstag auf der Tagesordnung der Bürgerschaft steht. Aktueller Fall: Der Kleingartenverein Mühlentor soll auf 14 Hektar verzichten – mit 350 Parzellen. „Wir sind nicht bereit, auch nur einen Quadratmeter abzugeben“, macht Vorsitzender Wolfgang Moll klar. Es geht um Flächen am Hochschulstadtteil. „Das sind die Lauben, die am stärksten nachgefragt sind“, sagt Moll. „Da haben wir keine leeren Lauben.“ Der Verein betreut vier Anlagen auf 1200 Hektar Fläche. Nach Angaben von Moll gibt es zehn Prozent Leerstand. Doch diese freien Parzellen befinden sich eher in Strecknitz oder im Fahlenkampsweg. Nicht in St. Jürgen Ost und West.

Doch auf diese beiden Kleingarten-Gelände hat die Stadt es abgesehen. Denn sie liegen direkt am Hochschulstadtteil. Der Plan der Stadt: Die Edisonstraße soll bis zur Dorfstraße gebaut werden und dann weiter bis zur B 207. Dort soll dann Bauland entstehen. „In diesem Bereich sind 13 Prozent der Gärten an Migranten verpachtet“, macht Moll auf den sozialen Aspekt der Kleingärten aufmerksam. Und auch die Mitglieder des Vereins lehnen die Pläne der Stadt ab. Sie haben auf einer Versammlung Ende März die Daumen gesenkt. „Wir wollen das nicht“, sagt Moll. Und: „Wir gewinnen neue Mitglieder.“

Vergangene Woche hätten die Leute vor dem Vereinsheim Schlange gestanden.

Finanziell sei der Vorschlag der Stadt völlig unattraktiv. „Wir hätten Einbußen von 16 000 bis 20 000 Euro im Jahr“, rechnet Moll vor. Denn dann würden die Mitgliedsbeiträge verlorengehen. Der Fall sei anders gelagert als im Kleingartenverein Lauerhof. „Der Verein Mühlentor ist finanziell kerngesund“, sagt Moll. Außerdem: „Die Stadt hat uns 1000 Euro Entschädigung pro Parzelle angeboten.“

Darüber ärgert sich auch Hans-Dieter Schiller, Chef des Kleingartenverbandes: „Das ist kein Angebot.“ Außerdem würden die Menschen wieder in die Kleingärten wollen – vor allem Familien und auch Flüchtlinge. Er hat nächste Woche ein Gespräch mit Bausenatorin Joanna Glogau (parteilos) zum Thema Kleingärten. In Lübeck vereint der Verband 26 Kleingartenvereine mit 9000 Parzellen und 8500 Mitgliedern.jvz

 Josephine von Zastrow

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