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Lübeck Klingende Schätze unter Lübecks Türmen
Lokales Lübeck Klingende Schätze unter Lübecks Türmen
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15:38 06.01.2018
Die Orgel in St. Jakobi beeindruckt mit ihren bemalten Pfeifen und durch ihren Klang. Quelle: Roessler
Lübeck

Schon der Aufstieg ist ein Abenteuer. Eng windet sich eine Wendeltreppe durchs Backsteingemäuer. Ein hölzerner Steg führt zu einem kleinen Türchen: Tief gebückt schlüpft man auf die Orgelempore der Marienkirche. Dann sitzt man schon mittendrin im riesigen Instrument: Die Große Orgel der Marienkirche hängt 25 Meter über den Kirchenbänken, bis zur Decke ist es fast noch einmal so hoch. 

Fünf Manuale, also fünf Tastaturen, hat St. Mariens Kemper-Orgel. Dazu kommen noch die Pedale, damit auch die Füße eine Stimme spielen können. Die weißen Registerknöpfe lassen den Arbeitsplatz des Organisten wie ein Flugzeugcockpit wirken. Sie bestimmen, welche Pfeifenkombinationen erklingen sollen. Dann: Ein entschlossener Druck auf die Tasten, die mehr Widerstand bieten als ein Klaviertasten –, und ein Akkord flutet das Kirchenschiff, schwebt sekundenlang durch den weltweit höchsten Backsteinbau.

Wunder der Technik

Die Orgel wurde vor mehr als 2000 Jahren in Ägypten erfunden und gelangte über Byzanz nach Europa. Deutschland zählt heute zu den wichtigsten Ländern für Orgelbau und -musik. Den Angaben zufolge gibt es bundesweit derzeit rund 400 handwerkliche Orgelbaubetriebe mit mehr als 2800 Mitarbeitern sowie Zehntausende haupt- und ehrenamtliche Organisten. Mehr als 50 000 Orgeln sind im Einsatz.

Der Klang entsteht in den Orgelpfeifen, die durch ein Gebläse mit Luft versorgt werden. Am Spieltisch steuert der Organist über die Tasten und Registerzüge verschiedene Pfeifen und Pfeifengruppen an.

Der Tastendruck wird mechanisch, pneumatisch oder elektrisch auf die Pfeifenventile übertragen. Mechanisch bedeutet, dass Züge aus Holz oder Metall von der Taste zur Pfeife führen. Bei der pneumatischen Übertragung verbinden Schläuche Taste und Pfeifen, ein Luftstrom bedient das Ventil. Bei der elektrischen Traktur übernehmen Elektromagnete diese Funktion. Teilweise sind die Übertragungsmechanismen auch gemischt in Orgeln verbaut.

Lübeck mit seinen vielen großen Kirchen ist seit jeher auch eine Stadt der Orgeln. Die Unesco hat den deutschen Orgelbau und die deutsche Orgelmusik zum Weltkulturerbe ernannt: eine Würdigung jahrhundertealter Tradition und Baukunst. Anlass genug, sich in der Hansestadt auf eine Reise zu den Königinnen der Instrumente zu begeben.

Still liegt das Schiff von St. Jakobi. Die letzten Besucher sind gegangen, Kirchenmusikerin Ulrike Gast öffnet den Aufstieg zur Orgelempore. Das Licht vom Koberg dringt noch durch die hohen Kirchenfenster, eine kleine Lampe erhellt den Spieltisch der Großen Orgel. Jakobi hatte Glück im Krieg, Kirche und Inventar blieben verschont. Somit sind auch die Orgeln dort noch Zeugnisse früher Baukunst. Reste des Fundaments stammen aus dem 15. Jahrhundert, aber mehrfach wurde die Große Orgel umgebaut – zuletzt 1984 von der Firma Schuke aus Berlin und 2012 neu intoniert.

Ulrike Gast zieht für mich Register, mischt einen orchestralen Klang. Dann darf ich spielen. Hinter mir baut sich ein mächtiger Klang auf, die Akkorde verschmelzen im Kirchenschiff. „Darf man hier auch Bach spielen?“ frage ich und beginne das Präludium aus dem Werk „Das Wohltemperierte Klavier“. Doch Ulrike Gast nickt: „An einer Orgel darf man alles – ich habe hier neulich sogar einen Bolero gespielt.“

Wir gehen weiter zur weltberühmten Stellwagen-Orgel an der Nordwand. Sie gilt als älteste erhaltene Orgel mit Pfeifen aus Gotik und Renaissance und ist einfach wunderschön. Ich spiele ein Stück von Händel an. Der Klang ist nicht so brausend wie an der Schuke-Orgel, sondern fein tragend, klar, durchsichtig und trotzdem kräftig. 

Jakobis Stellwagen-Orgel ist Lübecks historisch wertvollste Orgel. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Ein erhebendes Gefühl: Musikalisch hat man hier den direkten Draht ins Mittelalter. Das bewegt auch Jakobis Organisten Arvid Gast jedes Mal: „Von dieser alten Substanz geht eine große Faszination aus!“ Er kennt die historischen Jakobi-Instrumente in- und auswendig, kann kleinere Fehler beheben oder verschiedene Pfeifen bei Temperaturschwankungen sogar selbst stimmen. „Für größere Eingriffe muss aber ein Fachmann kommen“, sagt er.

Ähnlich wie Jakobi hat auch St. Aegidien den Krieg fast unbeschadet überstanden. Prächtig prunkt der Orgelprospekt in der reich ausgestatteten Kirche. 1625 entstand die Scherer-Orgel, der Name des Holzschnitzers Michael Sommer ist weit oben im Holz verewigt. Das jetzige Instrument mit einigen alten Pfeifen wurde aber von der Firma Klais 1982 eingebaut. „Es ist eine neue, universal einsetzbare Orgel auf der man alle Literatur spieln kann“ erklärt Kirchenmusiker Eckhard Bürger und spielt sie gekonnt in verschieden Stilarten an.

Es ist die Kunst der Organisten, den Klang zu mischen. Orgelregister haben Namen von Blas- und Streichinstrumenten wie Flöten, Oboe, Gambe oder Violoncello, und sie klingen ganz verschieden. Manche Register ahmen warm die menschliche Stimme nach, andere sind schrille Trompeten, die waagerecht aus der Orgel herausragen. Lautstärkenunterschiede lassen sich durch unterschiedliche Register erzielen. Denn anders als beim Klavier bestimmt nicht die Kraft des Anschlags die Lautstärke, sondern der Luftstrom aus dem Blasebalg. Die Fertigkeit der Orgelbaumeister kennt keine Grenzen. Wie viele unterschiedliche Pfeifen es gibt: Sie unterscheiden sich nach Bauart und in unzähligen Varianten.

Manchmal gibt es pro Ton sogar mehrere Pfeifen, die sich gegenseitig zu einem Gesamtton ergänzen und ihn wundersam verstärken. Der Ton erklingt, weil in den Pfeifen Luft schwingt. Vielleicht ist das das Besondere, das Erhebende am Orgelspiel: Der Klang, ausgelöst am Orgeltisch, entsteht ganz woanders im großen Instrument und verselbstständigt sich.

Das erlebe ich im Dom. Eine moderne Orgel der dänischen Firma Marcussen vertritt die im Krieg verloren gegangene Arp-Schnitger-Orgel aus dem Jahr 1696. Die Marcussen von 1970 passt sich trotz des modernen Äußeren in den alten Dom ein – und ihr Klang dringt in den letzten Winkel. Domorganist Hartmut Rohmeyer lässt mich allein in der nächtlichen Kirche probieren. Das Wort Orgel „spielen“ bekommt eine neue Bedeutung. Ich gebe Register hinzu, versuche mich an den Bässen im Pedal. Kurz entsteht das Gefühl, als ob ich die erzeugte Klangwolke schieben und kneten könne. Ich füge Töne hinzu oder lasse der Akustik Zeit sich zu fangen, ehe neue Töne sie erneut anschieben. „Macht Spaß, nicht wahr?“, fragt Rohmeyer später. Er kennt wie die anderen Meister seines Fachs dieses Gefühl in allen Schattierungen. Manchmal schmunzelt er, wenn Leute vom „Spiel der Orgel“ sprechen. „Dabei sitzt immer ein Mensch an den Tasten.“

Seine Domorgel lobt er: „Es ist ein ehrliches Instrument“. Trotzdem reift der Wunsch, die Schnitger-Orgel von Weltrang ersetzen zu können. Der Kirchgemeinderat will das Vorhaben realisieren und ist bereits auf der Suche nach Geldgebern.

Lübecks bedeutendste Organisten

Dietrich Buxtehude (ca. 1637-1707) gilt als wichtigster Komponist des norddeutschen Barock. Seine Kompositionen für die Orgel sind Standardrepertoire für Organisten. Als Kirchenmusiker in Lübeck setzte er sich mit seinen Abendmusiken für Konzertreihen ein, die mit großer Besetzung weit über die Grenzen Lübecks hinaus Beachtung fanden. In der Marienkirche nutzte er für Konzerte auch Emporen als Standorte für die Musiker – er ließ dafür bereits vorhandene Plätze auf den Emporen sogar erweitern. Buxtehude ist in St. Marien beigesetzt.

Hugo Distler (1908-1953) war sechs Jahre lang Organist an St. Jakobi. Distlers Kompositionsstil fand in ganz Deutschland Beachtung. Der Klang der kleinen Jakobi-Orgel soll sein Werk entscheidend geprägt haben. Distler wechselte nach seiner Lübecker Zeit nach Stuttgart und dann Berlin als Hochschulprofessor. 

Walter Kraft (1905-1977) wurde 1929 Organist an St. Marien. Er pflegte die langen kirchenmusikalischen Traditionen und huldigte den Kompositionen Buxtehudes, Tunders und ihrer Kollegen. Durch die Gründung des „Lübecker Kirchenorchesters“ etablierte er die Aufführung Alter Musik in Lübeck und genießt auch als Komponist großen Stellenwert. Nach dem Krieg setzte er sich für den Aufbau der Totentanzorgel (1955) und der Kemper-Orgel (1962-1968) ein.

Johann Sebastian Bach  besuchte Lübeck und wählte Buxtehude als Lehrer aus, um sein eigenes Schaffen zu vervollkommnen. Im Herbst 1705 machte sich Bach zu Fuß aus dem thüringschen Arnstadt nach Lübeck auf, um Buxtehude kennenzulernen. Er blieb etwa ein Vierteljahr. Zwei frühe Quellen belegen diesen Aufenthalt in Lübeck. So musste Bach sich vor der Kirchengemeinde Arnstadt für sein langes Fortbleiben rechtfertigen. Und in einem Nachruf auf Bach heißt es rund 50 Jahre später, dass er die Reise antrat, „um den dasigen berühmten Organisten an der Marienkirche Dietrich Buxtehuden zu behorchen“.
Quellen: Stiftung Kirchenmusik „4 Viertel“; Althöfer/Schnoor: „Als Bach Buxtehude behorchte“

Lübeck verfügt neben den großen Instrumenten über viele andere, in ihrer Art ebenso bedeutende Orgeln. In der Briefkapelle von St. Marien steht ein Positiv aus dem Jahr 1723, das aus dem ehemaligen Ostpreußen nach Lübeck kam. Ein Schmuckstück ist die kleine italienische Barockorgel im Dom, Eigentum der Musikhochschule. Die moderne Orgel in der Probsteikirche Sankt Jesu ist – je nach Bedarf – gefällig oder mächtig im Ton und leicht zu spielen. Sie läuft sozusagen wie ein Schweizer Uhrwerk. Kein Wunder, Hersteller ist die Schweizer Firma Kuhn. Und vor den Toren der Stadt erklingt in St. Gertrud Lübecks einzige Orgel mit pneumatischer Traktur. Eine Rarität: Luft überträgt bei dieser Walcker-Orgel von 1910 den Befehl der Taste an die Pfeifen. Für Ungeübte ist der Zeitversatz, der zwischen Tastendruck und Klang entsteht, ein Hindernis. Anders bei Kirchenmusiker Peter Wolff: Ihm gehorcht das Instrument hörbar mühelos und beglückt mit einem Schwall romantischen Klangs.

Für manchen Hörer wirken Orgeln unnahbar. Aegidiens Kantor Bürger nennt es „unantastbar“. So tröstlich kann ihr Klang sein, aber auch so fordernd, so distanziert, so majestätisch. „Nicht umsonst bezeichnet man sie als Königin der Instrumente“ sagt Bürger, wohl wissend, dass jeder Organist versucht, dieser Königin möglichst nahe zu kommen.

Zurück in St. Marien: Respekteinflößend ist die Kemper-Orgel allein schon durch ihre Größe – sie war in ihrer Entstehungszeit Ende der 60er Jahre die weltgrößte ihrer Art. 101 klingende Stimmen ertönen auf mehr als 8500 Pfeifen. Die größten sind über zehn Meter hoch und 400 Kilogramm schwer, erklärt Organist Johannes Unger. Nun versuche ich mich an diesem berühmten Ort an einer Canzonetta von Buxtehude, die ich monatelang am Klavier geübt habe – ein ehrfürchtiger Gruß an den großen Komponisten, der in St. Marien beigesetzt ist.

So groß die Kemper-Orgel ist, so anfällig ist sie auch. Es gibt Kritik an den verbauten Materialien und den festen Entschluss, das Instrument zu ersetzen. Ein Riesenprojekt – 17 Jahre brauche man für Planung und Bau, sagt Unger. Jetzt sei man etwa im Jahr sieben. Also wäre ein Treffen 2028 an der neuen Marien-Orgel möglich? Unger lacht: „So ungefähr.“

Von Nick Vogler

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