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Lübeck Knast-Übergriff: 48-Jähriger vor Gericht
Lokales Lübeck Knast-Übergriff: 48-Jähriger vor Gericht
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16:01 25.10.2013
Anfang Dezember ist im Gefängnis Lauerhof eine Beamtin von einem Häftling überwältigt worden. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Bis jetzt hat Sonja S. das Erlebte nicht verarbeitet. Während ihrer Aussage vor Gericht versagte der 34-Jährigen gestern mehrmals die Stimme. Nach der ersten Hälfte des Verhandlungstages brach sie kurz in Tränen aus. „Es ist nichts mehr so wie vorher.“ Früher sei die Arbeit eine Berufung gewesen, „jetzt sieht alles anders aus“. Vier Monate Therapie waren nötig, seit Mai kämpft sich S. in ihren Job zurück.

Die Justizvollzugsbeamtin passte am 1. Dezember 2012 auf die acht Insassen auf, die an der Adventsandacht im Gefängnis Lauerhof teilnahmen. Einer von ihnen, Klaus-Dieter B., soll damals einen Toilettenbesuch fingiert haben. Als ihm S. im Vorraum die Klotür aufschließen wollte, habe er sie von hinten gepackt. S.: „Er sagte, wenn ich um Hilfe schreie, bringt er mich um.“ Die Frau konnte sich durch einen Biss in die Hand des Angreifers retten, Mithäftlinge kamen ihr zur Hilfe. In den Schuhen von B. fanden die Beamten zwei Zahnbürstenstiele mit angeklebten Plastikspitzen und mehrere Schnürsenkel (die LN berichteten).

Seit gestern muss sich B. deshalb wegen versuchter Geiselnahme vor dem Landgericht verantworten. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen, drei Verhandlungstage sind angesetzt. Der Prozess begann mit einstündiger Verspätung, weil der Häftling in Hamburg im Stau stand. B. wurde nach dem Vorfall erst in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Fuhlsbüttel und schließlich nach Billwerder verlegt.

Der 48-Jährige ist ein verurteilter Sextäter, seit fünf Jahren befindet er sich in Sicherungsverwahrung. Davor verbüßte er eine Haftstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten wegen sexueller Nötigung. In seiner Zelle wurden mehrfach Notizen über weibliches Gefängnispersonal gefunden, der 48-Jährige hat einen Faible für uniformierte Frauen. Ein Kollege von S. sagte aus, bereits 2005 habe es eine Anordnung der JVA Lübeck gegeben, „aufs Schärfste darauf zu achten, dass B. keinen Kontakt mit weiblichen Bediensteten hat“.

Dennoch ging S. mit der kleinen Gruppe — bestehend aus Mördern, Sextätern und Drogendealern — allein in die Kapelle. Laut Vorschrift sind erst ab zehn Gefangenen zwei Wächter nötig. Der 48-Jährige habe sich laut mehrerer Insassen in die dritte Reihe gesetzt, sonst nehme er immer vorne Platz. Mithäftling Holger H.: „Er sagte, er hätte Magen-Darm-Probleme.“ Etwa zehn Minuten nach Beginn habe die Gruppe Hilfeschreie aus dem Vorraum gehört. „Ich dachte immer, die Kirche sei eine Oase“, sagte Pastor Burkhard B. gestern. In mehr als 20 Jahren sei so etwas noch nie passiert.

Sonja S., die auch als Nebenklägerin auftritt, und alle gestern geladenen JVA-Kollegen gehen fest von einer versuchten Geiselnahme aus. „Der Angeklagte plante etwas“, sagte ein Justizvollzugsbeamter.

„Diese Gegenstände hat niemand zufällig bei sich.“ In der Vernehmung nach der Tat sprach B. gegenüber der Kriminalpolizei jedoch lediglich von einem „kleinen Übergriff“, so der zuständige Ermittler gestern. Auch Strafverteidiger Urs-Erdmann Pause gab bereits zu erkennen, die Tat nachträglich als Körperverletzung einstufen zu wollen. „Mit jedem Zeugen wird fraglicher, was mein Mandant wirklich wollte“, sagte er. „Niemand hat etwas gesehen.“

Der Prozess wird am nächsten Donnerstag um 9 Uhr fortgesetzt.

„Er sagte, wenn ich schreie, bringt er mich um.“
Opfer Sonja S. (34)

Peer Hellerling

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