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Lübeck Kinovorführung unter Polizeischutz wegen Feine Sahne Fischfilet-Doku
Lokales Lübeck Kinovorführung unter Polizeischutz wegen Feine Sahne Fischfilet-Doku
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17:09 14.01.2019
61 Neunt- und Zehntklässler aus Timmendorfer Strand schauten gestern mit Charly Hübner (2. Reihe v.r.), Sebastian Schultz und Karin Prien den Film „Wildes Herz“ im Koki. Quelle: Lutz Roeßler
Innenstadt

Zwei Polizeibeamte passten vor der Tür des Filmtheaters in der Mengstraße auf. Beamte des Landeskriminalamtes hatten zuvor die Räume begutachtet. Zahlreiche Medien waren zur Vorführung eingeladen, mussten vorher aber absolutes Stillschweigen bewahren. Im Kinosaal hockten 61 Neunt- und Zehntklässler der Grund- und Gemeinschaftsschule Timmendorfer Strand. Mitten im Publikum: die Bildungsministerin, zwei Regisseure, ein Schulrat, ein Schulleiter und mehrere Lehrer.

Der Film „Wildes Herz“, der unter diesen Sicherheitsvorkehrungen gezeigt wurde, zeigt die Geschichte der umstrittenen Punk-Band Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern. Ende November wollten die Timmendorfer Schüler den Streifen in einem Bad Schwartauer Kino im Rahmen der Schulkinowoche ansehen, doch daraus wurde nichts. Die Vorführung wurde wegen einer anonymen Bombendrohung abgesagt.

„Knallharte Realität“

„Wildes Herz“ erzählt die Geschichte der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, die sich von einer 2009 gegründeten Schülerband zu einer kraftvollen Stimme gegen Rechtsextremismus entwickelt hat. Der Film ist zugleich ein Porträt des Sängers und Bandleaders Jan Gorkow (Monchi), der sich vom Hansa-Rostock-Hooligan zum Kämpfer gegen „Faschos und Nazis“ entwickelt. Die Regisseure Charly Hübner und Sebastian Schultz stellten sich nach einer Filmvorführung im Lübecker Koki der Debatte mit Schülern.

Charly Hübner, der im mecklenburgischen Neustrelitz aufgewachsen ist, gewährte den Schülern einen Einblick in die Nachwendejahre. „In Neustrelitz Anfang der 1990er Jahre war es hart, nicht rechts zu sein“, erzählte der 46-jährige Schauspieler und Regisseur, „wir wurden regelmäßig in Clubs von Glatzen verprügelt.“ Hübner hatte lange Haare, war Schulsprecher und hörte Metal. Einmal seien Glatzen sogar an der Fassade des Wohnheims hochgeklettert, in der Hübner im zweiten Stock wohnte, hätten an sein Fenster geklopft und gerufen, er solle rauskommen, sie wollten ihn verprügeln. „Ich habe so viel auf die Nase gekriegt, ich wollte über meine Heimat nicht mehr nachdenken“, sagte Hübner den Schülern.

Vor 25 Jahren verließ Hübner Mecklenburg-Vorpommern und studierte Schauspiel in Berlin. Mittlerweile lebt er in Hamburg. Der 46-Jährige, der einem großen Publikum durch den Polizeiruf 110 bekannt ist(Hauptkommissar Alexander Bukow), wehrt sich gegen Stereotypen über sein Heimatland. „Es gibt keinen Grund, nicht dorthin zu fahren“, erklärte Hübner den Schülern, „es ist ein Vorurteil, dass dort alles voller Nazis ist.“ Mecklenburg-Vorpommern sei allerdings Bauernland, so Hübner: „Die Menschen wollen gerne, dass alles so bleibt, wie es immer war.“

In „Wildes Herz“ geht es auch darum, dass Monchi Gewalt als politisches Mittel nicht ausschließt. Die Gewalt richtet sich auch gegen die Polizei. Schauspieler Hübner berichtete den Schülern, dass Jugendliche im Osten die Polizei oft auch als aggressiv erlebt hätten. Bandleader Jan Gorkow begründet diese Haltung im Film damit, dass Polizisten Demonstrationen von Rechten schützen. „Polizisten müssen Demos von Menschen schützen, deren Meinung viele von uns nicht teilen“, stellte hingegen Bildungsministerin Karin Prien bei der Filmvorführung klar.

„Ich war auf der Zinne, als ich von der Absage hörte“, berichtete Bildungsministerin Karin Prien (CDU) den Schülern, „niemand hat das Recht, Aufführungen zu verhindern, weil ihm die Inhalte nicht passen.“ Eine freiheitliche Gesellschaft dürfe nicht vor extremistischen Drohungen in die Knie gehen. Die Ministerin hat Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Lübeck gestellt, die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Wie die Regisseure auf die Bombendrohung reagiert hätten, wollte Neuntklässler Michel wissen. „Das war absolut respektlos gegenüber den Schülern, Lehrern, Eltern und Kinobetreiber“, sagte der prominente Schauspieler und Regisseur Charly Hübner, „der Verfasser soll zu uns nach Hamburg kommen, dann reden wir mit ihm.“ Co-Regisseur Sebastian Schultz: „Als ich die Mails gelesen habe, wurde mir etwas schwummrig.“ Es bestehe immer die Gefahr, dass solchen Ankündigungen auch Taten folgen.

Die Filmvorführung im Koki stand unter Polizeischutz. Ende November hatte es eine Bombendrohung gegen ein Kino in Bad Schwartau gegeben. Quelle: utz Roeßler

Die Angst, dass auch das Koki bedroht werde, war gegenwärtig. Schulleiter Hans-Georg Rath berichtete, dass „am Wochenende noch einige Eltern den Kinobesuch ihrer Kinder abgesagt haben.“ Er sei seit 40 Jahren Lehrer, sagte Rath: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Die Umstände hätten aber dazu geführt, dass die Schüler sich intensiver mit dem Film und dem Thema auseinandergesetzt hätten. Sorge bereitet dem Schulleiter, „dass diese Bombendrohung so viel zustimmende Resonanz im Netz gefunden hat.“

61 Schüler sahen Film von Charly Hübner

Auch im Förderverein des Koki gab es Debatten. „Wir haben im Vorstand einen Beschluss gefasst, den Film hier zu zeigen“, sagen die Vorständler Andres vom Ende, Karl-Heinz Georg und Claus-Peter Lorenzen, „aber der Beschluss war nicht einstimmig.“ Eine Vorführung unter Polizeischutz – das habe das Koki in den vergangenen 25 Jahren auch noch nicht erlebt, sagte vom Ende. „Aber wir sind ein streitbares Kino, wir wollen Filme zeigen, die Diskussionen auslösen“, erklärten die Vorständler.

Die Diskussionen im Anschluss an den Film zeigten, dass die Timmendorfer Schüler keinen Bezug zur „knallharten Realität in Mecklenburg-Vorpommern Anfang der 1990er Jahre“ (Hübner) haben. Die Hälfte der 14- bis 16-Jährigen würde ein Konzert von Feine Sahne Fischfilet in Timmendorfer Strand besuchen, die andere Hälfte kann mit der Musik nichts anfangen.

„Das ist mir zu linksradikal, ich mag das Linke nicht“, erklärte ein Schüler. Maximilian dagegen hält es für richtig, „sich dafür einzusetzen, dass Links- und Rechtsradikalismus keinen Platz in Timmendorfer Strand haben.“ Der Neuntklässler lehnt jede Form von Gewalt ab.

Standort sicher

Das Kommunale Kino (Koki) kann für eine längere Zukunft planen. „Der Standort ist für die nächsten zehn Jahre sicher“, erklärt der Vorstand. Derzeit würden Gespräche mit der Hansestadt zur Ausgestaltung des Untermietvertrages für das Gebäude an der Mengstraße laufen. Hauptmieter ist die Stadt, die mit der Grundstücksgesellschaft „Trave“ einen Mietvertrag bis Ende 2028 und einer möglichen Verlängerung um weitere fünf Jahre abgeschlossen hat. Damit ist das Jugendzentrum Röhre an diesem Standort ebenfalls gesichert. Der Bürgerschaftsbeschluss vom November 2012 ist damit aufgehoben. Damals forderten die Politiker die Grundstücksgesellschaft „Trave“ auf, sich von allen Immobilien zu trennen, die nicht zum Wohnen benötigt würden. „Wir werden jetzt auch die vereinbarten Instandsetzungen an dem Gebäude in Angriff nehmen“, sagte „Trave“-Chef Matthias Rasch

Das tut Feine Sahne Fischfilet nicht und dafür wird die Band auch kritisiert. Gerade auch für Texte, in denen Gewalt gegen die Polizei angesprochen wird. „Wir sind heute alle froh, dass die Polizei auf uns aufpasst“, sagte die Bildungsministerin im Koki. Dieses Verhältnis zur Polizei sei „der schwierige Punkt an der Band“. Claus-Peter Lorenzen vom Förderverein wollte wissen, ob „Monchi“, der Sänger und Leader der Band, denn das Polizeiauto, das er vor vielen Jahren abgefackelt habe, später bezahlt habe. Regisseur Hübner: „Das haben seine Eltern bezahlt.“ Bevor die Band kommerziell erfolgreich wurde.

Hübner distanzierte sich auch eindeutig von Gewalt: „Das ist keine Lösung.“ Gewaltandrohungen sind auch keine Lösung. „Wildes Herz“ wurde im Rahmen von Schulkinowochen in allen 16 Bundesländern gezeigt. Nur in Schleswig-Holstein kam es zu einer erzwungenen Absage. Ministerin Prien: „Das war ein Einzelfall.“

Kai Dordowsky

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