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Lübeck Kostbare jiddische Bibel restauriert
Lokales Lübeck Kostbare jiddische Bibel restauriert
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20:32 04.12.2017
Kostbares und seltenes Stück: Die Bibel enthält mehrere Holzschnitte.
Innenstadt

„Tse’enah u-re’enah“, übersetzt „Kommt heraus und schaut (ihr Töchter Zions“) – so lautet der Titel des heiligen Buches, das die fünf Bücher Mose, dazugehörige Prophetenabschnitte für Feiertage und Kommentare in Jiddisch, der Sprache der nordeuropäischen Juden, enthält. Ein Buch, das der Ethnologe und Kunsthändler Julius Carlebach (1909-1964) im Jahr 1932 erworben hatte, um im Lübecker Museum für Völkerkunde eine jüdische Abteilung aufzubauen. Sein Ziel: „Wir wollen, um dem Antisemitismus zu begegnen, alle jüdischen Gebräuche erklären im Museum.“

Es ist eine jiddische „Frauen“-Bibel in hebräischer Schrift und mit Holzschnitten. Eine Tora, die vermutlich aus dem Jahr 1799 stammt und im Bombenangriff an Palmarum 1942 stark beschädigt wurde. Jetzt hat die Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde sie restaurieren lassen.

Das Museum am Dom brannte an Palmarum ab, 80 Prozent der Bestände konnten zwar gerettet, aber nicht sachgemäß gelagert werden. „Sie wurden mehr oder weniger unverpackt einfach auf Lkw geladen“, sagt Dr. Brigitte Templin, Leiterin der Völkerkundesammlung. Auch besagte Bibel (oder Tora) wurde dabei leicht angekokelt und beschädigt.

Im Frühjahr 2017 hatte sich die Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde mit einem Restaurierungsprojekt – unter anderem für die jiddische Bibel – am Wettbewerb der Gemeinnützigen Sparkassenstiftung beteiligt, war aber nicht unter die zehn Gewinner gekommen. „Jetzt haben wir als Verein gesammelt“, sagt Prof. Renate Kastorff-Viehmann, Vorsitzende der Gesellschaft. Knapp 6000 Euro kamen dabei zusammen, etwas mehr als 3000 Euro wurden für die Restaurierung der Bibel (Tora) verwendet. „Nächstes Jahr“, sagt Kastorff-Viehmann, „würden wir eigentlich 125 Jahre Völkerkundesammlung feiern.“ Das habe die Gesellschaft zum Anlass genommen, einige Stücke zu restaurieren, die seit Schließung des Museums 2007 im Magazin lagern.

Papierrestauratorin Viola Meradi hat im Spätsommer mit der Arbeit begonnen. Das komplette Buch mit seinen 264 Seiten hat sie auseinander genommen, jede Seite auf Sieben gewässert, „um den Schmutz herauszuwaschen“, die Seiten im noch leicht feuchten Zustand nachgeleimt, Risse im Papier vorsichtig mit Papier unter- oder überklebt und schließlich die Seiten wieder zusammengeklebt. Dabei brauchte sie jedoch Hilfe, „denn ich kann kein Hebräisch und wusste nicht, wo einige herausgefallene Seiten hingehörten.“

Unterstützung bekam sie von Esther Prinz und deren Tochter Nina aus der jüdischen Gemeinde Lübeck. Die fehlenden Seiten waren Anweisungen für den Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag, erklärt Nina Prinz. Die Kommentare in der jiddischen Bibel dienten dem besseren Verständnis der Texte. Ungewöhnlich finden sie und ihre Mutter die 60 Holzschnitte im Buch, „denn im Judentum sind Abbildungen nicht so erwünscht“. Warum das Buch auch als „Frauen“-Bibel bezeichnet wird, lässt sich nur vermuten: wegen der Abbildungen, die – so mögen böse Zungen gesagt haben – für Frauen leichter verständlich seien als Wörter.

Für Restauratorin Meradi eine spannende Arbeit, die mit dem Einkleben der Seiten noch nicht beendet war. „Sie wurden neu geheftet, in Lagen habe ich sie dann angenäht und in Kordelbünden befestigt“, sagt sie. Auch die Schließen für das Buch ergänzte sie, den schadhaften hinteren Deckel besserte sie aus, die Bibel bekam einen neuen Lederrücken. Jetzt kann sich das Buch, das vermutlich 1799 in Sulzbach gedruckt wurde, wieder sehen lassen.

Welchen Wert es hat, kann Brigitte Templin nur grob schätzen – wohl um die 3000 Euro. „Es ist nicht das einzige erhaltene Exemplar, einige Universitätsbibliotheken haben auch solche Bände“, sagt sie.

Aber: „Es zählt ja auch der ideelle Wert, denn das Buch erzählt einiges über die Geschichte der Juden in Lübeck.“ Esther Prinz blättert immer wieder im Buch und liest einzelne Stellen. „Ich bin total fasziniert davon“, sagt sie.

Die jiddische „Frauen“-Bibel ist von heute an zwei Wochen in einer Vitrine im Eingangsbereich der Stadtbibliothek in der Hundestraße zu bewundern.

Die wichtigen Bücher

Tora im engeren Sinne sind die fünf Bücher Mose, im weiteren Sinne gehören zur hebräischen Bibel (Tanach) auch die Propheten.

Talmud ist Hebräisch und heißt „Belehrung“ oder „Lehre“. Die Schrift erklärt die 613 Gebote und Verbote der Tora und gibt Juden Antworten auf alle wichtigen Fragen des Lebens. Der Talmud ist neben der Tora das wichtigste Buch des Judentums.

Sabine Risch

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