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Lübeck Kostenloser ÖPNV kostet 40 Millionen
Lokales Lübeck Kostenloser ÖPNV kostet 40 Millionen
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16:53 16.02.2018
Der Elektro-Bus des Stadtverkehr vor dem Lübecker Audimax.  Quelle: 54°
Lübeck

Die Bundesregierung stößt eine Debatte über den Nulltarif im öffentlichen Personennahverkehr an. Was sagen Autofahrer, Politiker und der Stadtverkehr in Lübeck? Steigen Menschen vom Auto auf den Bus um, wenn der kostenlos ist?

Grüne, GAL und Linke begrüßen den Vorstoß der Bundesregierung. „Kostenloser Busverkehr, das wäre ein starker Anreiz, das eigene Auto abzuschaffen“, sagt Thorsten Fürter, Kreisvorsitzender der Grünen. Das gehe aber nur, wenn der Bund für alle Kosten aufkäme. Fürter: „Sonst ist das für arme Städte wie Lübeck nicht zu wuppen.“ Dem Stadtverkehr würden 40 Millionen Euro im Jahr an Fahrgeldeinnahmen verlorengehen, wenn die Busse für die Kunden kostenlos wären. „Hinzu kämen Investitions- und Personalkosten“, erklärt Unternehmenssprecherin Gerlinde Zielke.

Seit Jahren kämpft die Linke für einen kostenlosen, weil über Umlagen finanzierten ÖPNV. Durch den aktuellen Vorstoß der Bundesregierung fühlt sich die Partei bestätigt. „Wir freuen uns, dass CDU und SPD im Bund klüger zu sein scheinen, als ihre Lübecker Kollegen, die uns vor fünf Jahren auslachten, als wir auf die soziale und ökologische Notwendigkeit eines Perspektivwechsels im Busverkehr hinwiesen“, sagt Katjana Zunft, Spitzenkandidatin der Linken. „Nötig sind mehr Fahrgäste bei geringen Fahrpreisen oder mit Nulltarif“, sagt Hans-Jürgen Schubert. Der GAL-Verkehrspolitiker erhofft sich von einem kostenlosen ÖPNV eine Kehrtwende. In Lübeck sei der Busverkehr zu Lasten der Kunden kaputtgespart worden.

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Der Bund erwägt, einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr einzuführen. Die LN haben die Bürger auf der Straße und per Online-Umfrage gefragt, ob das eine gute Idee ist?
Im Internet haben bis gestern Abend 359 Leser abgestimmt, die Mehrheit (226 Teilnehmer, 63 Prozent) antwortete: „Ja! Dann gibt es weniger Autos, weniger Unfalltote, weniger Schadstoffbelastung in der Luft, weniger Lärm und mehr Platz für Bäume und Bürgersteige.“ Dagegen stimmten 109 Leser (30 Prozent) für: „Nein! Dann muss ich mehr Steuern zahlen – für etwas, das ich vielleicht nicht nutzen werde.“ 24 Leser geht der Vorstoß der Bundesregierung wenig an. Sie entschieden sich für: „Mir egal. Ich fahre einfach weiter Fahrrad.“ (7 Prozent). Auf Facebook finden es viele User überlegenswert, den Wagen stehenzulassen. Voraussetzung wären aber eine bessere Taktung und neue Strecken. Auch die Frage nach den Kosten bewegt viele. „Gefühlt jedes Jahr werden die Fahrpreise erhöht, nun soll es kostenlos sein? Wer soll das bezahlen?“, fragt Heike Rahtgens.

Beim Stadtverkehr ist man skeptisch. Unternehmenssprecherin Zielke glaubt nicht an den massenhaften Umstieg von Autofahrern auf Busse. Das würde erst passieren, wenn das Parken von Autos in der Stadt teuer und eingeschränkt werde. Ulrich Pluschkell (SPD), Aufsichtsratsvorsitzender des Stadtverkehrs, spottet über den Nulltarif für den ÖPNV: „Blinder Aktionismus ersetzt geistige Windstille.“ Auch der Landesvorsitzende von Pro Bahn plädiert für den Ausbau des Busverkehrs statt kostenloser Beförderung. Stefan Barkleit: „Zu den Hauptverkehrszeiten sind die Busse voll. Ich habe Zweifel, dass Menschen umsteigen, wenn der Bus kostenlos, aber voll ist.“

Nicht kostenlos, aber gerechter will die SPD den Busverkehr. In der nächsten Bürgerschaft beantragt sie eine komplette Überprüfung der aktuellen Tarife. „Die aktuelle Preisgestaltung ist nicht gerecht, weil das Zonensystem sehr stark auf die Altstadt ausgerichtet ist“, sagen die SPD-Politiker Pluschkell und Peter Petereit. „Dieses System führt automatisch zur Benachteiligung anderer Stadtteile.“ Die Hansestadt und umliegende Gemeinden sind in Zonen eingeteilt. Die größte ist die Kernzone, aber Moisling, Kücknitz, Travemünde, Roggenhorst, Krummesse und Schlutup liegen in anderen Zonen. „Ist es gerecht, wenn ein Kunde von Moisling in die Altstadt mehr bezahlt als ein Fahrgast, der von Buntekuh nach Marli fährt?“, fragt SPD- Verkehrspolitiker Pluschkell. „Irgendwo müssen wir Grenzen bei den Tarifzonen ziehen“, erklärt Andres Ortz, Chef des Stadtverkehrs. Auf der Zoneneinteilung würden alle wirtschaftlichen Kalkulationen des Unternehmens beruhen. Ortz: „Wenn Veränderungen vorgenommen werden, die unsere Erlöse absenken, muss über eine Finanzierung gesprochen werden.“ Vom Stadtverkehr würden keine Überlegungen ausgehen, die Zonen zu ändern. Kai Dordowsky

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