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Lübeck Kunst-Spaziergang mit Erinnerungen
Lokales Lübeck Kunst-Spaziergang mit Erinnerungen
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22:22 15.11.2016
Martha Scharatow (r.) kennt keine Berührungsängste gegenüber den Kunstwerken. Gabriele Wagner (l.) ist fast blind und lässt sich von Annette Klockmann zur Kunst führen. FOTO: LUTZ ROESSLER
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Innenstadt

Die kleine Gruppe steht im Landschaftszimmer des Behnhaus Drägerhaus und betrachtet an einem trüben Novembertag ein wunderschönes Landschaftsbild aus Italien. Kunstvermittlerin Annette Klockmann fragt: „Was macht man am Strand?“ Martha Scharatow antwortet spontan: „Die Beine hochlegen.“ Ob man auch picknicken könne? Klar, „wir nehmen Obst, Brot, Naschis mit, denn die Kinder wollen ja auch was haben“, findet Scharatow. „Einen Fotoapparat“, sagt hingegen Doris Stegmann.

Die beiden alten Damen sind – wie zwei weitere Teilnehmerinnen der ganz besonderen Museumsführung – leicht- bis mitteldement. Begleitet werden sie an diesem Tag von Uta Henke (Pflegestützpunkt), Ellen Engelke-Wunder (Pflegedienstleiterin der Tagespflege der Villa Humanitas und Memoritas) sowie Heidemarie Juhl-Damberg, Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Lübeck.

Gemütlich, ohne Hast, geht es weiter zu Möbeln und anderen Bildern im Behnhaus. Vor Hermann Lindes Bild „Schuhflicker in Cairo“ bleibt das Grüppchen wieder stehen. Auf dem Bild beugt sich ein kleiner Junge zu einem älteren Schuhflicker – vermutlich ist es sein Großvater – hinunter. „Was könnten die wohl bereden?“, fragt Klockmann. Wieder ist es Martha Scharatow, die als Erste antwortet: „Guck mal, Opa, da sind so viele Leute draußen.“ Doris Stegmann findet, der kleine Junge mit dem Turban sehe von Weitem aus wie ein Eis. Karin Hölz, selbst ehemalige Künstlerin, hält sich zurück, läuft leicht nervös durch die Räume, während Gabriele Wagner, die fast blind ist, ganz nah an die Bilder herangeführt werden muss.

Immer wieder gibt Klockmann Anreize, stellt Fragen zu den Bildern, wartet auf die Reaktionen der Teilnehmer. Im Idealfall entstehen kleine Geschichten. „Floating“ nennt sich das, was sie mit den an Demenz erkrankten Museumsbesuchern macht, freies Erzählen und Assoziieren vor möglichst großflächigen Exponaten. Viele Jahre hat sie am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ein ähnliches Angebot gemacht und sich an der Berliner Universität der Künste im Studium „Dialogische Kunstvermittlung“ weitergebildet.

Dass aus der freien Assoziation eine Geschichte wird, geschieht fast unmerklich. Beim Gespräch über ein Bild mit Blumenwiese und Bäumen sowie zwei spielenden Kindern verrät Martha Scharatow: „Ich war selbst ein halber Junge, bin immer auf Bäume geklettert, und meine Eltern haben mich gesucht.“ Vor dem Bild „Diesiger Wintertag“ des Dänen L. A. Ring, auf dem Vater und Sohn zu sehen sind, die einen Schlitten hinterher ziehen, fragt die Kunstvermittlerin: „Hatten Sie als Kind auch einen Schlitten?“ Und erstmals sagt auch Gabriele Wagner etwas: „Ja, aber mein Schlitten hatte keine Lehne.“ Und wenig später erinnert sie sich daran, dass sie „immer eiskalte Hände“ hatte. Annette Klockmann weiß Abhilfe, erinnert an heiße Schokolade zum Aufwärmen. Und als sie mit den Teilnehmern die Vorstellung von duftenden Bratäpfeln im Ofen heraufbeschwört, meint man fast, den Geruch der Äpfel wahrzunehmen. Die Teilnehmerinnen lächeln, jede versunken in ihre Erinnerungen an die Kindheit.

Wer das Behnhaus besucht, sollte auch dem Bild „Die Söhne des Dr. Linde“ von Edvard Munch einen Besuch abstatten. Vier Jungs sind es, man sieht, dass es Brüder sind, dennoch hat jeder seine ganz speziellen Eigenheiten. „Wer ist der Freche?“, fragt Annette Klockmann – und erhält erst einmal keine Antwort. Als sie jedoch nach dem Träumer unter den vier Brüdern fragt, ist für Doris Stegmann klar: „Der Linke.“ Und mit Blick auf den Kleinen im Matrosenanzug stellt sie fest: „Der hat was vor.“ Gemeinsam geben die Damen allen vier Jungs neue Namen. Von links nach rechts heißen sie: Paul, Fridolin, Paulchen und Friedrich.

Als die Teilnehmerinnen langsam Richtung Ausgang gehen und an einer Museumsaufsicht vorbeikommen, sagt Martha Scharatow: „Vielen Dank, das war ein sehr schöner Tag bei Ihnen.“ Es ist gelungen, die Kreativität der Besucher zu wecken, was Selbstbewusstsein gibt. Klockmanns Leitsatz für die Arbeit mit dementen Menschen: „Nicht sie folgen uns, sondern wir folgen ihnen.“

Spezielles Projekt

„KunstImPuls“ sind die Nachmittage für Menschen mit einer früheren oder mittleren Demenz sowie deren Angehörige überschrieben. Sie finden stets im Behnhaus Drägerhaus, Königstraße 9-11, statt. Termine sind: Mittwoch, 23. November, 14. und 28. Dezember, 4. und 18. Januar 2017, 1. und 15. Februar, 1. und 15. März, 3. und 17. Mai, 7. und 21. Juni, jeweils von 14 bis 16 Uhr. Weitere Termine stehen bereits fest und sind im Flyer zu ersehen, den es im Behnhaus gibt. Jeder Teilnehmer der Führung zahlt vier Euro plus Eintritt (sieben, ermäßigt 3,50, Kinder 2,50 Euro). Anmeldung unter Telefon 0451/1224148, Ansprechpartner vom Bereich Museumspädagogik unter Telefon 0451/122-4273 oder -4131.

 Sabine Risch

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