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Lübeck Kunst im Bauch der Wissenschaft
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22:18 15.04.2016
Magisch angezogen: Wer eintritt in das Fraunhofer-Institut, den zieht der Blick die Treppe hinauf auf die Galerien.

Etwas ist anders. Ganz anders. Die schwere Tür schließt sich mit einem satten, sanften Geräusch, und dann ist da nur noch der Raum. Dieser riesige, hohe, weiße Raum.

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Das Fraunhofer-Institut hat eine außergewöhnliche Entstehungsgeschichte — und Architektur.

Er ist mehr Ausstellungshalle als Forschungsbau. Mehr Design als Funktion. Mehr Kunst als Wissenschaft. Lübecks erstes Fraunhofer-Institut, jüngst auf dem Hochschulcampus eröffnet, hat eine außergewöhnliche Entstehungsgeschichte — und eine eben solche Architektur.

Beides gebe es nicht ohne den Mann, der Naturwissenschaftler ist und eine künstlerischer Ader hat. So zieht Charli Kruse einen kleinen Glücksbringer aus seiner Hosentasche, den er gefertigt hat — eine silberne Scheibe mit zartem Goldrand. Seine Mitarbeiter hatten dem gebürtigen Rostocker einen Goldschmiedekurs geschenkt. „Dabei komme ich auf andere Gedanken“, sagt der 55-jährige Professor.

Der Meeresbiologe sitzt in seinem Büro, das nicht viel größer ist als als jenes, in dem er vor zwölf Jahren gearbeitet — und die revolutionären Zellen entdeckt hat. Die adulten Stammzellen im Drüsengewebe — ähnlich wandlungsfähig wie embryonale Stammzellen, aber ethisch unbedenklich. Damals war Kruses Entdeckung in der Welt der Wissenschaft mächtig umstritten, heute konzentriert sich Stammzellen-Forschung hauptsächlich auf eben diese adulten Alleskönner.

Der Erfolg hat Kruse kaum verändert. Wohl aber alles um ihn herum. Sein Büro ist platziert inmitten dieses 5000 Quadratmeter großen Design-Komplexes. Erbaut für 30 Millionen Euro, entworfen vom Berliner Architekturbüro Müller Reimann — und zu etwas Außergewöhnlichem gemacht von der Künstlerin Friederike Tebbe. Die Berlinerin ist für die Kunst am Bau zuständig — oder in diesem Fall für die Kunst im Bau. Sie hat das Farbkonzept entworfen, das ein spezielles Raumgefühl hervorruft — fein, unterschwellig, unaufdringlich.

Wer eingetreten ist in diesen Bauch der Wissenschaft, steht in einem riesigen, hellen Raum — dem Atrium. Der Blick wird von der schnörkellosen Freitreppe angezogen, die geraden Linien führen hinauf in die erste Etage. Jedes Stockwerk hat eine umlaufende Galerie — und einen leicht anderen Farbton. Wer nicht darauf achtet, nimmt es kaum wahr. Die Farben sind dem Meer entlehnt, denn es ist das Institut für Marine Biotechnologie. Während im Kellergeschoss der Farbton gräulich-blau vorherrscht, ist das Erdgeschoss von einem sanften Grünton geprägt. Im ersten Stock wird der Ton bläulicher, im zweiten blau. Nur Wände und Boden sind farbig, der Rest weiß. Darauf hat Kruse bestanden. Den angedachten sandfarbenen Ton fand er zu düster. Doch der findet sich an anderer Stelle wieder — nur sichtbar für Kruses Mannschaft. Im ersten Stock hinter der Bibliothek ist der Dünenhof mit Palmen samt Muschel-Strand. Dort wird entspannt — von der Arbeit in den Laboren. Zudem gibt es zwei weitere Höfe links und rechts vom Gebäude: den Algenhof mit einem 30 Meter langen Wasserbecken für die Algenzucht, ganz in Grün, — und der grau gehaltene Wirtschaftshof.

Das Institut hat die Form von zwei übereinander stehenden Rechtecken. Das untere ist etwas größer und hat einen Sockel aus hellem Sandstein. Darüber ragt als etwas kleineres Rechteck das eigentliche Gebäude auf — mit auffällig grün-silbernen Mauerblenden, den Lisenen. Das Wort hat Kruse auch erst gelernt, als er den Neubau mitgeplant hat. Er musste beim Aufbau des Institutes viel lernen, was nichts mit Meeresbiologie zu tun hat.

Ob er noch zum Forschen kommt? Hauptsächlich in der Freizeit. Es sei kurios. „Man hat Erfolg mit dem, was man gut kann“, beschreibt Kruse. „Aber je mehr Erfolg man hat, desto weniger macht man das, in dem man gut ist.“

Forschung für Geld

62,6 Millionen Euro an Geldern — inklusive Neubau — haben Charli Kruse und die Fraunhofer-Gesellschaft seit 2004 nach Lübeck geholt.

Drei Millionen Euro Umsatz macht das Institut pro Jahr, eine Million Euro an Kosten hat es.

65 Projekte für Forschung und Entwicklung hat Kruse an Land gezogen: 31 für die Industrie, 34 für die öffentliche Hand. Das Institut übernimmt auch kleine Aufträge — erstellt beispielsweise Sonderanfertigungen mit dem 3-D-Drucker. 90 solcher Aufträge für insgesamt 70000 Euro wurden bearbeitet.

Von Josephine von Zastrow

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