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Lübeck Strahlen und Messer: Die Google-Suchen des Angeklagten
Lokales Lübeck Strahlen und Messer: Die Google-Suchen des Angeklagten
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17:28 30.01.2019
Der 34-jährige Angeklagte gilt wegen seiner psychischen Krankheit als nicht schuldfähig. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Am zweiten Verhandlungstag gegen den Kücknitzer Bus-Attentäter vom Sommer 2018 haben Polizeibeamte am Mittwoch über die Auswertung seiner Computer- und Handynutzung berichtet. Der 34-jährige Mann soll am 20. Juli in einem Linienbus um sich gestochen und zwölf Menschen verletzt haben, einige davon lebensgefährlich.

In der Verhandlung vor dem Landgericht geht es um die dauerhafte Unterbringung des Angeklagten in der Psychiatrie. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn schon zu Beginn für nicht schuldfähig erklärt.

Auswertung der Google-Suche

Die erste Zeugin am Mittwoch, eine 42-jährige Hauptkommissarin, legte detailliert dar, welche Suchbegriffe über das Google-Konto des Angeklagten in den Monaten vor der Tat verwendet wurden. Der zweite Zeuge, ein 41-jähriger Hauptkommissar, ergänzte das digitale Profil um Daten aus einem Notebook, das der Angeklagte höchstwahrscheinlich benutzt hatte. Ab April, sagte die Kommissarin, habe der Nutzer verstärktes Interesse an Themen wie Mikrowellen, Radar, Laserpointer oder Strahlenfolter gezeigt. Häufig seien auch Begriffe aufgetaucht, die mit Augenverletzungen zu tun haben, wie „Augenschäden“, „thermisches Augenbrennen“ oder „Netzhautverbrennung“.

Die Aussagen der Zeugen, die der Vorsitzende Richter Christian Singelmann aus den Akten ergänzte, ergaben das Bild eines Menschen, der von den Gefährdungen durch Strahlen und unsichtbare Wellen besessen ist: „Elektrosmog“, „Laserpointer“, „Bodenradar“, „Mikrowellenstrahlung“, „Strahlenangriffe“, „Strahlenfolter“, – und nach Mitteln sucht, sich davor zu schützen: „Laserschutzbrille“, „Mikrowellen-Schutzbrille“, „Sonnenschutzfolie“, „Bleiweste“.

Videos von Messerattacken

Diese Obsession teilte der Angeklagte wohl mit vielen Menschen, die unter Verfolgungswahn leiden. Allerdings kamen ab April 2018 Suchbegriffe hinzu, die schon auf die Tat hindeuten. Im Mai 2018 häuften sich Begriffe wie „Jagdmesser“, „Ausbeinmesser“, „Dolchmesser“, „Einhandmesser“ oder „Schlachtereimesser“. Er habe sich auch Nachrichtenvideos über Messerattacken angesehen. Schon im Herbst 2017 hatte er begonnen, sich für Spiritus und andere leicht entzündliche Substanzen zu interessieren. Im November sah er sich ein Video eines brennenden Linienbusses in Paris an.

Als der Vorsitzende Richter ihn fragte, ob die Aussagen über seine Suchanfragen zuträfen, bejahte der Angeklagte das. Hauptsächlich habe er sich für Gesundheitsschäden interessiert. „Meine Haut, die hat ja immer gebrannt. Das ist ja merkwürdig. Da muss ja ein Einfluss sein. Die einzige Lösung ist, dass was gegen mich verwendet wurde, sonst würde das ja nicht so brennen.“

Recherche zu Brandanschlag

Drei Wochen vor der Tat stellte der Nutzer Recherchen zum Thema Brandanschlag an. In den Tagen vor der Tat gingen die Suchanfragen zu Strahlen zurück. Er rief Seiten zu Schizophrenie, Depression und Zwangseinweisung auf, er interessierte sich für prominente Todesfälle. Am 11. Juli stellte er die Frage: „Wann sind Busse leer?“ und erkundigte sich nach der Rushhour. Am Morgen des 14. Juli suchte er nach dem Busfahrplan für die Haltestelle Solmitzstraße. Die Haltestelle, an der er am 20. Juli in einen Bus der Linie 30 einstieg, trotz der Hitze in einem dicken Anorak, im Rucksack zwei Flaschen Brennspiritus und ein 30 Zentimeter langes Küchenmesser.

Die Verhandlung wird am Freitag, 8. Februar, um 9 Uhr vor dem Landgericht, Schwartauer Landstraße 9-11, fortgesetzt.

Die Lübecker Nachrichten berichteten zu der Tat

Messerangriff in Linienbus: Die LN berichteten im LIVE-Ticker

Die Zusammenfassung des Geschehens am Tag der Tat

Bildergalerie: Alle Eindrücke vom Tatort in Kücknitz

Video: Held von Kücknitz – dieser Busfahrer hat sich dem Messerangreifer entgegen gestellt

Video: Diese Zeugen saßen im Bus und sprechen über das Erlebte

Busfahrer Peter Spoth: Der Held von Kücknitz im Interview

Reportage aus Kücknitz: Ein mulmiges Gefühl bleibt – das sagen die Anwohner

Elf Tage nach der Tat: Beschuldigter der Bus-Attacke von Kücknitz schweigt

Anklage: Staatsanwaltschaft wirft Angreifer versuchten Mord in 48 Fällen vor

Erster Prozesstag: Linienbus-Attentäter fühlte sich von Laserstrahlen verfolgt

Reportage aus dem Gerichtssaal: „Worte können das nicht wieder gut machen“

Zweiter Verhandlungstag: Strahlen und Messer: Die Google-Suchen des Angeklagten

Hanno Kabel

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