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Lübeck Lokomotiven in der Schwebe
Lokales Lübeck Lokomotiven in der Schwebe
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22:26 19.04.2017
Großer Bahnhof im Lübecker Hafen: Neue Lokomotiven von Siemens werden nach Finnland verschifft. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Siegfried Fehrs gibt am Seelandkai in Herrenwyk das Startsignal: „So, Männers, das Frühstück ist vorbei“, ruft der Projektleiter der Lübecker Hafengesellschaft (LHG). Zwei Kräne heben die massive Lok vorsichtig Zentimeter für Zentimeter an, bis sie frei schwebt. Die elektrische Zugmaschine wiegt 90 Tonnen. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Am Boden wird sie mit Handzeichen in die gewünschte Position dirigiert. Als die Lok mit ihrem ganzen Gewicht auf dem Anhänger abgesetzt wird, ächzt und knarzt das Holz der Halterungen.

Am Seelandkai sind drei Loks nach Finnland verschifft worden – Bis 2026 werden 72 weitere folgen.

Lokomotiven aus München

Die 80 Zugmaschinen ersetzen nach und nach die alten finnischen Lokomotiven im Güter- und Personenverkehr sowie die dort zum Teil aus den 1970er Jahren stammenden Loks sowjetischer Bauart. Der Auftragswert beträgt mehr als 300 Millionen Euro. Gebaut werden die elektrischen Loks des Typs „Vectron“ in München, die Fahrwerke im österreichischen Graz.

Gestern sind drei fabrikneue Siemens-Lokomotiven von Lübeck nach Finnland verschifft worden. Dort werden sie für die finnische Staatsbahn, die VR-Gruppe, auf den Schienen unterwegs sein. Bevor die Loks von der Schiene auf Rolltrailer verladen werden können, müssen die Helfer Vorbereitungen treffen. An den Maschinen werden an vielen Stellen zusätzliche Halterungen angebracht. „Ohne diese Laschpunkte hätten wir keine Möglichkeit, die Loks auf dem Rolltrailer mit Spanngurten zu fixieren“, sagt Fehrs. „Das ist wichtig für die Ladungssicherung.“

Für die interessiert sich auch der Kapitän der „MS Trica“. Das Schiff der Reederei Transfennica bringt die gewichtige Fracht später ins finnische Hanko. „Er war morgens da und hat sich dafür interessiert, wie wir die Loks sichern“, berichtet Fehrs. Denn die schwere Fracht muss sicher stehen, weil sonst das Cargoschiff Gefahr läuft zu kentern. „Wir werden die Loks deswegen hintereinander und mittig ins Hauptdeck stellen“, erklärt Frank Rücker von Transfennica.

Finnlands Staatsbahn hat bei Siemens insgesamt 80 elektrische Lokomotiven vom Typ „Vectron“ bestellt. „Für Siemens ist dies der bislang größte Einzelauftrag für die neue Lokomotiven-Generation ,Vectron‘ und der erste Auftrag für dieses Modell in Breitspur“, sagt Jochen Eickholt, Geschäftsführer der Siemens-Sparte Rail Systems.

Fünf Maschinen wurden bereits aus Rostock in die finnische Hafenstadt Hanko verschifft. Weil die Fährverbindung der SOL Continent Line jedoch gekappt wurde, werden bis 2026 die restlichen 75 Loks vom Seelandkai aus verschifft. Die nächste Umladung ist für Mai geplant.

Am Seelandkai sind die Arbeiten vorerst kurz unterbrochen. Wichtige Kanthölzer fehlen. Ohne sie können die Drehgestelle der Loks nicht fixiert werden. Die Siemens-Loks für Finnland werden in München gefertigt. Nach Lübeck sind sie auf eigener Achse gefahren – allerdings nicht schneller als 60 Stundenkilometer. Zwei bis drei Tage dauert ein Weg, je nachdem wie viel Verkehr auf der Strecke ist. Da Personenzüge immer Vorfahrt haben, muss der Güterverkehr Platz machen.

Ein LHG-Mitarbeiter hat derweil neue Hölzer aufgetrieben. Die Kranbesatzung sowie die Mitarbeiter des Hafens und der Hamburger Spedition Trans-Trading GmbH nehmen ihre Arbeit wieder auf. Als die Loks auf den Trailer gesetzt werden, ist Maßarbeit gefragt.

Da die Maschinen in Breitspur ausgelegt sind, passen sie nicht in die Laufschienen der Trailer. Die Verlader müssen sie daher in fest montierte Holzhalterungen platzieren. Mit ihren Köpfen hängen sie dabei unter der Lok. Über ihnen hängen in diesem Moment 90 Tonnen, gehalten von vier dicken Gurten an zwei Kränen.

Nach etwas mehr als zehn Minuten ist es geschafft: Die Lok steht auf dem Trailer. Gegen 22 Uhr verlässt die „MS Trica“ den Seelandkai. 30 Stunden später wird sie in Hanko ankommen. Wegen der montierten Breitspurbahn können die Loks dort direkt vom Anhänger auf die Schiene gehoben werden, dann sind sie wieder in ihrem Element.

Ein kurzes Video von den Lokomotiven finden Sie unter www.LN-online.de/Kuecknitz

 Jan Dresing

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