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Lübeck Pöppendorf: Das vergessene Flüchtlingslager
Lokales Lübeck Pöppendorf: Das vergessene Flüchtlingslager
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13:48 27.10.2018
Kinder im Lager Pöppendorf, Sommer 1947. Im Hintergrund sind die typischen Nissenhütten aus Wellblech zu erkennen. Quelle: Theodor Scheerer/Vintage Germany
Kücknitz

Als Elfjähriger wurde Horst Goetzmann (82) mit seiner Mutter und seinem Bruder in der pommerschen Stadt Stolp in einen mit Stroh ausgelegten Viehwaggon gesteckt. Wo sein Vater sich befand, ob er überhaupt noch lebte, wusste er nicht. Wohin die Fahrt ging, auch nicht. Von Stettin aus ging es im Personenzug weiter, und eine Woche später kamen die Drei in Lübeck an. Genauer: im Wald bei Pöppendorf am Stadtrand von Lübeck – wie Hunderttausende andere in den Jahren 1945 bis 1951.

Anfangs waren darunter Zwangsarbeiter aus den befreiten Ländern, später fast ausschließlich Flüchtlinge und Vertriebene aus den verlorenen Ostgebieten. Die Geschichte dieses Lagers erzählt eine Ausstellung im Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk.

Horst Goetzmann (82) verbrachte 1946 als Elfjähriger einige Tage im Lager Pöppendorf. Quelle: Hanno Kabel

Fast nichts erinnert heute noch daran. Nur auf Luftaufnahmen des Waldhusener Forsts lässt sich die Lage noch deutlich erkennen: Dort, wo das Lager war, wachsen heute vorwiegend Nadelbäume. Für die Archäologen blieben nur noch die Latrinengruben im Waldboden.

620 000 registrierte Insassen hatte das Lager in der Zeit seines Bestehens, dazu kommt eine unbekannte Zahl von Bewohnern, die sich nicht registrieren ließen – zum Beispiel, um der Zuweisung zu entgehen und sich den zukünftigen Wohnort selbst zu suchen. Pöppendorf war, zumindest bis 1947, ein reines Aufnahme- und Durchgangslager. In den ersten Jahren brachte kaum jemand hier mehr als ein paar Tage zu. So war es auch bei Horst Goetzmann. Er machte die normale Prozedur durch: Registrierung und danach Entlausung – eine Dusche mit warmem Wasser und einem Insektizid. „Das war meine erste Dusche. Wir hatten in meinem Heimatort nur Badewannen.“ Er schlief auf einem Strohsack in einer Nissenhütte. Das war eine einfache Unterkunft aus gebogenem Wellblech.

Hunderttausende Flüchtlinge und Vertriebene durchliefen zwischen 1945 und 1951 das Auffanglager in Lübeck-Pöppendorf. Die Bilder zeigen, wie beengt es dort war – und wie sich die Menschen mit den Verhältnissen arrangierten.

„Für viele Vertriebene war das Lager ein Zufluchtsort, wo sie zum ersten Mal wieder ohne Angst schlafen konnten“, sagt der Historiker Christian Rathmer, Kurator der Ausstellung. „20 Prozent der Ankömmlinge kamen erst mal ins Krankenhaus. Die sind hier auch gut versorgt worden, dafür hat die britische Besatzungsmacht gesorgt.“

In der Öffentlichkeit der Stadt spielte das Lager eine relativ geringe Rolle – mit einer allerdings spektakulären Ausnahme: Im Herbst 1947 wurde das Lager vorübergehend geräumt und für sechs Wochen zum Internierungslager umfunktioniert, in dem die Briten 4000 europäische Juden festhielten, die versucht hatten, mit dem Schiff „Exodus“ das britische Mandatsgebiet Palästina zu erreichen. In dieser Zeit machte das Lager Pöppendorf weltweit Schlagzeilen. Danach ebbte das Interesse wieder ab. „Es gab gar nicht so viel an Berichterstattung“, sagt Rathmer. „Was ja auch ein Zeichen dafür ist, dass es gut lief.“

Die Historiker Christian Rathmer und Lea Märtens haben die Ausstellung gestaltet. Quelle: Hanno Kabel

Das heißt nicht, dass man sich in Lübeck nicht für das Thema Flüchtlinge interessiert hätte. Im Gegenteil. Lübeck Einwohnerzahl wuchs in der Kriegs- und Nachkriegszeit von 160 000 auf zeitweise 250 000 und lag 1951, als das Lager Pöppendorf geschlossen wurde, bei 230 000. In die Klasse 6d der Volksschule Rangenberg gingen 51 Mädchen, davon waren 20 Flüchtlinge.

Die Ausstellung

Die Ausstellung „Vertrieben – verloren – verteilt. Drehscheibe Pöppendorf 1945-1951“ wird am Sonntag, 28. Oktober, um 11 Uhr im Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk eröffnet (Kokerstraße 1-3). Sie ist bis zum 28. April 2019 zu sehen.

Zum Rahmenprogramm gehören neben Führungen und Vorträgen auch ein Kinder-Workshop und eine Lesung aus Zeitzeugenberichten. Das ganze Programm gibt es unter www.geschichtswerkstatt-herrenwyk.de.

Eine Sammlung von Aufsätzen dieser Kinder ist Teil der Ausstellung. Ein Mädchen, dessen Vater an der Ostfront gefallen und dessen vier Geschwister bei einem Bombenangriff gestorben waren, erinnert sich an 1945: „21 Tage sind wir von Waren (Müritz) nach Lübeck gefahren. Oft mußten wir aus den Waggons heraus, denn Tiefflieger beschossen den Zug. Da gab es dann Verwundete und viele Gejammer.“

Horst Goetzmann, der 1946 einige Tage in Pöppendorf verbrachte, hatte mehr Glück. Ein Jahr später bekam seine Mutter Post von seinem verschollenen Vater. Er hatte eine schwere Kriegsverletzung überlebt und war in Lübeck untergekommen. So wurde Lübeck schließlich doch noch Goetzmanns neue Heimat, und er ist heute einer der wenigen in der Stadt, die noch aus eigener Erinnerung vom Lager Pöppendorf erzählen können.

Hanno Kabel

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