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Lübeck Schreckensfahrt nach Travemünde
Lokales Lübeck Schreckensfahrt nach Travemünde
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12:57 21.07.2018
Notfallsanitäter kümmern sich um die Fahrgäste.  Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Lübeck

Es ist etwa 13.50 Uhr, als Anwohner Lothar H. (87) an der Elbingstraße in Lübeck-Kücknitz am Freitag plötzlich laute Schreie hört. „Wie zwei Völker, die sich abschlachten.“ Entsetzt läuft er zur Straße. „Dort stand ich vor blutenden Menschen, die gerade aus einem Bus kamen.“

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„Die Leute standen unter Schock“, sagt ein anderer Augenzeuge. Polizei und Rettungsdienste sind vor Ort. Erste Verletzte werden abtransportiert. Unter den Opfern, die vor dem Bus stehen, ist auch der Fahrer Peter S. Sein blaues Diensthemd ist blutverschmiert. Er fuhr die Linie 30, die auf dem Weg nach Travemünde war.

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„Der Bus war ziemlich voll“, erinnert er sich. Plötzlich bemerkt er Qualm in der Mitte des Gelenkbusses. Peter S. stoppt – der Bus steht, etwa 300 Meter vor dem Bahnhof Kücknitz. Peter S. öffnet geistesgegenwärtig die Türen, rennt nach hinten, um zu löschen. Im Rucksack, stellt er fest, ist eine Flasche. „Vermutlich Spiritus.“ Dann wird er niedergeschlagen.
„Der Täter kam von hinten und hat dem Fahrer einen Fausthieb versetzt“, berichtet Augenzeuge Maikel H. (25), der mit im Bus sitzt. „Der Mann hatte eine Sonnenbrille auf und eine Winterjacke an.“ Plötzlich habe er ein Messer gezogen, wahllos auf die Fahrgäste eingestochen. „Wir haben versucht, uns zu verteidigen.“ Panik sei ausgebrochen. „Dann war auch schon die Polizei da.“
Wahrscheinlich habe der Fahrer über seine Leitstelle noch Alarm gegeben, vermutet Polizeisprecher Dierk Dürbrook von der Polizeidirektion Lübeck. Die Polizisten sind sehr schnell am Tatort. Der Täter wurde schnell überwältigt. Er wird in polizeilichen Gewahrsam genommen.

Eine entsetzliche Bluttat erschüttert Lübeck: Ein junger Mann entzündet im Bus nach Travemünde seinen Rucksack, schlägt und sticht dann wahllos auf die Fahrgäste ein. Auch der Fahrer wird verletzt. Das Motiv ist unklar.

Der verkohlte Rucksack bleibt im Bus zurück. Der Kampfmittelräumdienst wird gerufen, um ihn zu sichern. Polizeibeamte sperren die Straße, auf den Fußwegen patrouillieren Streifen mit Hunden, während am Bus die Spurensicherung ihre Arbeit aufnimmt. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt etwas über die Hintergründe des Anschlags.

Der Täter habe nichts gerufen, informiert Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU), der am Nachmittag selbst am Tatort erscheint, um sich ein Bild zu machen. Die Tatwaffe: offenbar ein Küchenmesser. Einen terroristischen Hintergrund will Grote zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausschließen. Doch: „Es gibt keine Verlautbarungen des Täters diesbezüglich. Die Motivlage ist unbekannt.“
„Es gab keine Toten“, erklärt Oberstaatsanwältin Ulla Hingst vor Ort. Sie weiß von einem Schwerverletzten, neun Verletzten. Manche haben Messerstiche abbekommen, andere Faustschläge, manche sind gestürzt. „Die Menschen sprangen und fielen in Panik aus dem Bus“, berichtet Zeuge Lothar H.

Die Staatsanwaltschaft will noch keine näheren Angaben machen. Alles ist zu ungewiss, der Täter und die vielen Zeugen müssten vernommen werden.  So weit sie dazu bereits in der Lage sind. Als ein zweiter Bus vorfährt, um die nicht verletzten Fahrgäste abzuholen, steigt eine Reihe von Menschen ein, denen man die Belastung der letzten Stunden ansieht. Darunter einige Senioren.

Am Straßenrand sitzen zwei Frauen, sie telefonieren verzweifelt mit dem Handy. „Wir suchen unsere Kinder“, sagt eine von ihnen. Es sind drei Freunde im Alter von 13 Jahren, die mit dem Bus nach Travemünde an den Strand wollten. „Wir wissen nicht, ob sie in diesem Bus waren“, sagt die Frau. Zwar gibt es zu diesem Zeitpunkt bereits eine Telefonnummer, bei der Angehörige anrufen und sich erkundigen können, doch dort habe man ihnen bisher nichts sagen können. Bald darauf erhalten die Mütter eine Nachricht, die sie ein wenig erleichtert: Unter den Patienten, die vom Bus aus ins Krankenhaus gebracht wurden, sind keine Kinder.

„Wir waren auf dem Weg zur Travemünder Woche“, sagt wenige Meter entfernt Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau (SPD), der sich vor Ort ein Bild machen will. Gemeinsam mit Innenminister Hans-Joachim Grote wollte er das Windjammer-Treffen feierlich eröffnen. Ob und wie er dies tue, überlege er nun, „vor dem Hintergrund so einer entsetzlichen Tat“. Er habe aber keine Bedenken, dass die Travemünder Woche wie geplant stattfinden könne. Der Anschlag stelle die Form der Eröffnung in Frage. „Viele Menschen sind jetzt verunsichert.“ Innenminister Grote sieht das ähnlich. Die Frage, wie Großveranstaltungen wirksam geschützt werden könnten, sei Thema auf der letzten Innenministerkonferenz gewesen. Er will nun Kontakt zu den Opfern aufnehmen, sagt er, sie im Krankenhaus besuchen. „Wenn es geht.“

Nicht nur die Polizei, auch der Verfassungsschutz ermittelt. Doch die Vermutung, dass es einen terroristischen Hintergrund geben könnte, bleibt vage. „Hinweise, dass der Täter in irgendeiner Form politisch radikalisiert wurde, haben wir nicht“, gibt Hingst im Verlauf des Nachmittages bekannt. Und Grote erklärt nach einer näheren Besichtigung des Tatortes, dass ein Terror-Akt auf den ersten Blick nicht erkennbar sei.
Der Lebenslauf des Täters – wie sich herausstellt ein Deutscher aus Lübeck, der im Iran geboren wurde – spricht ebenfalls nicht unbedingt dafür. Der 34-Jährige sei schon mehrere Jahre im Land, habe in Kiel studiert, heißt es. All das wird die Behörden die nächsten Tage und Wochen beschäftigen.

Am Tatort trifft gegen 18 Uhr das Abschleppfahrzeug ein, das den Bus fortbringen soll. Feuerwehrautos machen sich auf den Rückweg. Der Kampfmittelräumdienst hat seinen Job gemacht, die Spurensicherung ebenfalls. Von der Tat zeugen am Abend nur noch ein paar Blutflecken auf dem Gehweg.

Von Marcus Stöcklin

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