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Lübeck Arbeiten wie in der Steinzeit
Lokales Lübeck Arbeiten wie in der Steinzeit
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09:29 15.09.2018
Manfred Pfeifer (64) mit einem selbstgeknüpften Fischernetz aus Brennnesselfasern. Quelle: Lutz Roeßler
Kücknitz

Sonnabends ist Manfred Pfeifer (64) aus Neustadt auf dem Gelände des Geschichtserlebnisraums in Kücknitz anzutreffen. Er sitzt dort unter dem Vordach einer Hütte und arbeitet. Seine Hände sind immer in Bewegung. Sie zwirbeln, flechten, schleifen, klopfen, schaben, je nachdem, was er gerade anfertigt. Um sich herum hat er seine Produkte (oder die von befreundeten Herstellern) ausgestellt: Beutel, Dolche, Kämme, Beile, Pfeilspitzen, ein Fischernetz – Dinge, die der Mensch braucht, der in und mit der Natur lebt. So wie die Menschen, die vor vielen Tausend Jahren diese Gegend bevölkerten, lange, bevor Metall hier bekannt war.

Materialkosten hat er keine. „Ich geh’ ins Kaufhaus der Natur“, sagt er, „da gibt’s immer Sonderangebote. Jede Jahreszeit bietet was. Ich muss sowieso raus mit dem Hund. Ich hab’ die Augen immer offen, ich guck’ nicht aufs Display. Bei mir auf dem Hof liegt überall Flint-Abschlag.“ Er nimmt einen Beutel, eine Art Handtasche, von der Wand. Er hat ihn aus Lindenbast geknüpft. „Da habe ich 42 Stunden dran gesessen und kein Werkzeug gebraucht. Ohne Webrahmen, ohne Nadel. Nur mit den Händen. Wie viele Stunden ich da schon investiert hab. . . Aber ich sehe das nicht als Investition“, sagt er.

Was Manfred Pfeifer mit seinen Händen herstellt, gibt es nirgends zu kaufen. Aber das Material kann jeder finden, der die Augen offen hält.

Wenn jemand seine Produkte kaufen wollte, würde Pfeifer sich die Arbeitszeit bezahlen lassen wie ein Handwerker, und dann würde die kleine Lindenbast-Tasche mehr als 2500 Euro kosten. Manchmal verschenkt er etwas, zu seinen Bedingungen. Ihm geht es auch nicht darum, archäologische Funde aus der Steinzeit nachzubauen. Ihm geht es darum zu zeigen, was man ohne Hilfsmittel aus dem Material machen kann, das die Natur bietet. Er probiert aus, was geht – so wie es die Steinzeitmenschen auch getan haben. Pfeifer holt ein Messer hervor, eine Steinklinge mit einem Holunderholzgriff, der den ganzen Rücken der Klinge einschließt. Es war seine Idee. „Ein paar Jahre später wurde so eins tatsächlich in Dresden gefunden“, sagt er.

Manfred Pfeifer ist kein Berufsarchäologe. Er ist 15 Jahre zur See gefahren, daran erinnern die Tätowierungen auf seinen Unterarmen. Danach hat er in der Krankenpflege gearbeitet. Jetzt ist er im Ruhestand, aber er hat schon lange vorher angefangen mit dem Steinzeit-Handwerk. Das meiste hat er sich selbst beigebracht. Er ist ja kein Steinzeitmensch, der es von den Älteren im Clan lernen könnte. So machte er anfangs Fehler, die einem erfahrenen Steinbearbeiter vor 7000 Jahren wohl nicht unterlaufen wären: „Ich habe jede größere Flintknolle mit nach Hause geschleppt. Und dann merkt man, dass die voller Frostsprünge ist. Die haben nur bestimmte Steine zum Bearbeiten genommen. Am besten sind Quarzit-Gesteine.“

Grundstein für das Kloster

Beim Kulturwochenende des Geschichtserlebnisraums Roter Hahn (Pommernring 58) am Sonnabend, 29., und Sonntag, 30. September, wird Manfred Pfeifer sein Handwerk zeigen. Die Veranstaltung dauert am Sonnabend von 12 bis 18 und am Sonntag von 12 bis 17 Uhr.

Die Schmiede, die während des trockenen Sommers ruhen musste, ist dann wieder in Betrieb. Daniel Sonntag wird dort mit glühendem Eisen am Amboss das alte Handwerk präsentieren.

Der Grundstein für die mittelalterliche Klosteranlage, die dort in den nächsten Jahren entstehen soll, wird am Sonnabend um 13 Uhr gelegt.

Er macht Angelschnüre aus Brennnesselfasern, Seile aus Lindenbast, Angelhaken aus Tierknochen, Taschen aus Lachs- oder Aalhaut und Dosen aus Birkenrinde. Vor mehr als 20 Jahren probierte Manfred Pfeifer aus, wie man mit einem Holunderstab, Sand und Wasser Löcher in Steine bohrt. So hätten es die Steinzeitmenschen gemacht, das war damals die Lehrmeinung. „Da hab ich mir gesagt: Ich mach’ das auch. Und dann hab ich an dem Holunderholz so’n orientalischen Fransenteppich gehabt.“ Er fand die Lösung: Er ließ das Wasser weg. So schaffte er es, in etwas unter acht Stunden ein 28,2 Millimeter tiefes Loch zu bohren. Das Experiment war seine Eintrittskarte in die Archäologie. Er nahm an Grabungen teil, und im Archäologischen Landesamt in Schleswig ist er häufig zu Gast.

An Steinzeitlagern nimmt er nicht teil. „Das hab’ ich als Kind gemacht in Eichholz an der Wakenitz. Das sind unsere Steinzeitlager gewesen, da haben wir unsere Höhlen gehabt.“ Um die Kinder und ihre Eltern geht es ihm auch jetzt. Bei jeder Gelegenheit zeigt er ihnen, was er macht – und freut sich über jeden, der selbst etwas ausprobiert. „Die heimatliche Natur und die heimatliche Geschichte, das ist mir wichtig“, sagt er. „Es gibt Leute, die fahren nach Australien und wissen nicht, wo die Schwartau fließt.“ Frank Thomas, Leiter des Geschichtserlebnisraums Roter Hahn, ist froh, dass Pfeifer bei ihm Stammgast ist: „Danach würde sich jedes Museum die Finger lecken!“

Ungelöste Rätsel gibt es noch immer. Zum Beispiel das Birkenpech. Die Steinzeitmenschen verwendeten es zum Abdichten, das ist bekannt. Aber wie haben sie es hergestellt? „Das weiß kein Mensch“, sagt Pfeifer. „Ich bin dabei, das auszutüfteln. Ich hab es mit zwei Töpfen gemacht, das hat nicht funktioniert. Ich habe zwei Steine heiß gemacht, wie bei einem Toaster, das hat auch nicht funktioniert. Oftmals, wenn man nicht einschlafen kann, dann denkt man an solche Sachen.“

Hanno Kabel

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