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Lübeck Feuer, Eisen und Fortschritt: Die Eisenbahn
Lokales Lübeck Feuer, Eisen und Fortschritt: Die Eisenbahn
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18:29 11.09.2018
Der erste Lübecker Bahnhof (Aufnahme von 1898) lag am Holstentor. Er hatte nur ein Gleis. Von hier fuhren die Züge nach Büchen. Quelle: Vintage Germany
Lübeck

Der Bauer aus dem Herzogtum Lauenburg: Die Eisenbahn führt weit an meinem Dorf vorbei durchs Land. Manchmal höre ich sie aus der Ferne pfeifen und rattern. Aber die Folgen spüre ich hier bei mir. Ob ich schon auf der Eisenbahn gefahren bin, fragen Sie? Sie machen wohl Witze! Dafür ist mir mein Geld zu schade. Ich habe mein Fuhrwerk. Die Eisenbahn hat uns nur Unglück gebracht. Erst die schlesischen Wanderarbeiter in der Bauzeit, die Schlägereien angezettelt und unsere Mädchen verführt haben. Sprechen kein Plattdeutsch und sind katholisch, die passen einfach nicht zu uns. Dann, als die Eisenbahn fertig war, hat sie uns das Geschäft mit den Fuhren kaputt gemacht. Früher kam man als Bauer hier im Herzogtum einigermaßen über die Runden, wenn man ein gutes Fuhrwerk und tüchtige Pferde hatte. Vor allem im Winter, wenn auf dem Feld nicht viel zu tun war, habe ich für Hamburger Kaufleute Waren nach Lübeck gebracht – Holz, Garn, Tuch, Felle, alles, was anfiel. Jetzt ist dieses Geschäft tot. Wenn’s nach mir ginge, sollte man die Eisenbahn lieber heute als morgen wieder abschaffen.

Das früheste Foto der Lübecker Eisenbahngeschichte: Zug vor dem Holstentor 1859. Quelle: Vintage Germany

Der Lübecker Kaufmann: In England gibt es die Eisenbahn seit mehr als 25 Jahren. In Deutschland seit mehr als 15 Jahren. Und hier in Lübeck? Haben wir sie gerade erst bekommen. Sieben Jahre später als Kiel, ich bitte Sie! Und wem haben wir diese Verspätung zu verdanken? Den sturen Holsteiner Bauern und der dänischen Krone! Die Dänen, die in Schleswig-Holstein herrschen, wollen sie nicht, weil dann die Waren zwischen Lübeck und Hamburg nicht mehr per Schiff um Dänemark herum transportiert würden, wofür die Dänen einen unverschämten Zoll erheben. Und den Holsteiner Bauern ist das gerade recht. Sie fürchten, dass ihre elenden Käffer das Nachsehen haben. Ja, jetzt gibt es die Eisenbahn endlich. Wir Kaufleute sollen uns darüber freuen. Aber wo fährt sie hin? Nach Hamburg? Nein: nach Büchen! Und wir müssen der dänischen Krone trotzdem Zoll entrichten! Ich habe mich nie viel für die Politik außerhalb meiner Vaterstadt interessiert, aber nach dieser Geschichte, das sage ich Ihnen, bin ich für ein deutsches Reich! Stellen Sie sich das vor: ein riesiges Land ohne Zollgrenzen, ohne Provinzfürsten oder fremde Könige, die einfach eine Eisenbahn verhindern können!

Der Eisenbahner: Eisen und Feuer, damit bin ich groß geworden. Mein Großvater war Schmied, mein Vater ist Schmied, ich war Schmied und wäre es auch heute noch, wenn die Eisenbahn nicht gekommen wäre. Als Junge sah ich in einer Kaufmannsdiele ein Bild vom „Adler“, der Lokomotive, die auf der Strecke zwischen Nürnberg und Fürth fährt. Eine Maschine wie ein großes, mächtiges Tier aus Eisen; eine Maschine, die von selbst fährt, ohne Pferde! Ich bettelte bei meinen Eltern, sie möchten mit mir nach Nürnberg fahren. Das ging natürlich nicht. Selbst mit Postkutschen dauert es mindestens eine Woche, und das hätte sich meine Familie niemals leisten können. Irgendwann kommt die Eisenbahn auch zu uns, hat mein Vater gesagt. Als sie dann endlich gebaut wurde, bin ich zu dem Kaufmann gegangen, bei dem ich damals das Bild vom „Adler“ gesehen habe. Er hat viel Geld in die Eisenbahn gesteckt. Er hat mich bei der Lübeck-Büchener Eisenbahn empfohlen. Anderthalb Jahre später stieg ich das erste Mal auf den „Pfeil“, meine nagelneue Lokomotive von Borsig aus Berlin. Die Arbeit ist gefährlich. Ich stehe bei Wind und Wetter im Qualm auf dem Führerstand, und wenn es einen Unfall gibt, falle ich als erster herunter. Aber ich will es nicht anders. Eisen und Feuer und der Fortschritt, das ist jetzt mein Leben!

Hanno Kabel

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