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Lokales Lübeck Lübeck als Vorreiter: Städtische Busse sollen alle mit Strom fahren
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09:42 03.05.2016
Der bayerische Hersteller „ebe Europa“ und sein Vertriebspartner Eurabus touren derzeit mit einem Vorführbus durch Norddeutschland. Erste Station war gestern Lübeck. Willi Nibbe (v. r.), Ulrich Pluschkell und Michael Düde zeigen die Zukunft: Busse an die Steckdose. Quelle: Fotos: Maxwitat
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Da können sich gestandene Geschäftsführer, Techniker und Politiker freuen wie kleine Kinder. „Der ganze Motor sitzt in der Nabe“, sagen Willi Nibbe, Chef des Stadtverkehrs, und Ulrich Pluschkell (SPD), sein Aufsichtsratsvorsitzender. Dabei zeigen die beiden voller Begeisterung auf die Hinterränder des 13 Tonnen schweren Fahrzeugs. Batterie auf dem Dach, das Fach für den Stecker hinter einer kleinen Klappe an der Seite, kein Tank für den Diesel, kein Getriebe und innen drin alles ebenerdig. Das Fahrzeug rollt zudem nahezu geräuschlos, kein Vibrieren im Innenraum. Der Hintergrund: Der Stadtverkehr schaut sich Elektrobusse an, „denn wir wollen in die Elektromobilität“, sagt Nibbe.

Leise und ohne Abgase: Stadtverkehr will gesamte Flotte gegen E-Fahrzeuge austauschen.

Der Umwelt zuliebe

27Millionen Fahrgäste befördert der Stadtverkehr pro Jahr.

86 Tonnen CO2 spart ein Elektrobus pro Jahr.

„ebe Europa“ aus Bayern baut Elektrobusse, Eurabus vertreibt die Fahrzeuge. Fünf Busse des Unternehmens sind derzeit auf einer Landesgartenschau in Baden-Württemberg im Einsatz. Der Vorführbus wird in Kiel, Husum, Eckernförde, Itzehoe, Flensburg und Schwerin gezeigt.

Bis 2035 will der Geschäftsführer die gesamte Flotte von Stadtverkehr und Lübeck-Travemünder Verkehrsgesellschaft (LVG) auf die neuen Busse umstellen. Nibbe geht davon aus, dass die Industrie bis 2017 serienreife Fahrzeuge liefert, dann könnte es losgehen. Immer wenn die alten Busse ausrangiert werden, schafft der Stadtverkehr E-Fahrzeuge dafür an. Bei 200 Bussen ist das ein Millionenprogramm. Derzeit kosten die ersten Prototypen der E-Busse eine halbe Million Euro, konventionelle Dieselbusse nur die Hälfte. „Die E-Busse müssen in Serie gefertigt werden, dann kosten sie auch weniger“, sagt Nibbe, der zudem staatliche Förderprogramme für die Finanzierung anzapfen will. Geld für die sukzessive Erneuerung des Fuhrparks stellt das Unternehmen ohnehin in seinen Wirtschaftsplan ein. Vorteil der E-Busse: Den Strom, den sie benötigen, liefern die Stadtwerke — das Geschäft bleibt also im Konzern. Zum Vergleich, so Nibbe: „Wir geben jährlich 4,5 Millionen Euro für den Einkauf von Diesel aus.“

„Unsere Kunden wollen in leisen und abgasfreien Fahrzeugen unterwegs sein“, erklärt Aufsichtsratsvorsitzender Pluschkell. Da der kommunale Energieversorger mittlerweile ein Drittel seines Stromes aus regenerativen Quellen schöpft, könnten die städtischen Busse sogar mit Ökostrom unterwegs sein. „Die Stadtwerke positionieren sich als Treiber der Elektromobilität“, sagt Pluschkell. Am Ausbau eines stadtweiten Netzes von Ladestationen für Pkw ist der kommunale Versorger bereits beteiligt (LN berichteten). Da dürfe das Busunternehmen nicht hintenan stehen, erklärt der Aufsichtsratsvorsitzende.

Nach Angaben von Michael Düde, technischer Leiter der Firma Eurabus, die die E-Busse vertreibt, schafft das Fahrzeug mit einer Stromladung 250 Kilometer. Diese Reichweite ist ausreichend für Lübeck, erklärt Bernd Raasch, Betriebsleiter der Stadtwerke. Alle 200 Fahrzeuge rollen abends wieder auf den Betriebshof im Ratekauer Weg und werden in vier bis acht Stunden wieder aufgeladen. „Das ist für unsere Strategie entscheidend“, sagt Geschäftsführer Nibbe, „wir wollen Busse nicht unterwegs aufladen müssen.“ Dazu bräuchte es ein aufwendiges Netz an Ladestationen. Auf dem Betriebshof sei schon alles vorhanden — die Werkstätten sind bereits für E-Busse gerüstet, die Mitarbeiter vorbereitet und neue Mechatroniker werden auf diese Technologie geschult.

Denn für den Stadtverkehr ist der moderne Antrieb kein komplettes Neuland. Vor fünf Jahren kaufte das Unternehmen die ersten Hybridbusse, die sowohl mit Dieselmotor als auch elektrischem Antrieb ausgestattet sind. Zehn dieser Fahrzeuge rollen mittlerweile über Lübecks Straßen. „Das war von vornherein als Übergangstechnologie gedacht“, sagt Aufsichtratsvorsitzender Pluschkell. „Wir wollten damals schon mehr, aber die Industrie konnte nicht liefern.“ Der SPD-Politiker lässt kein gutes Haar an den Herstellern. „Die großen Firmen haben in Sachen Elektromobilität kläglich versagt.“ So weit geht Geschäftsführer Nibbe nicht. Aber auch er sagt: „Es ist wichtig, dass kleine Hersteller die großen wie MAN, Mercedes und Volvo vor sich hertreiben, denn die haben zu wenig Drive.“

Von Kai Dordowsky

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