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Lokales Lübeck Lübeck bei Schulbegleitern spitze – aber es gibt Verlierer
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13:56 12.10.2016
Schule Tremser Teich: Integrationshelferin Britta Pagenkopf – hier eine nachgestellte Szene in einer achten Klasse – ist seit 2012 an der Schule. Sie hilft allen Schülern, nicht nur denen mit Integrationsbedarf. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat
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Lübeck

3,6 Millionen Euro bringen Stadt und Land in diesem Schuljahr dafür auf, 3875 Stunden in der Woche leisten die 200 Integrationshelfer in den Schulen. „Wir sind ziemlich stolz auf unser Poolmodell“, sagte Bildungssenatorin Katrin Weiher (parteilos) gestern bei der Präsentation der neuesten Zahlen. „Wir sind Vorreiter in der ganzen Republik“, erklärte Sozialsenator Sven Schindler (SPD). Renate Prüß, Regionalleiterin der Arbeiterwohlfahrt (Awo), attestierte der Stadt: „Lübeck hat mit diesem Modell einen Quantensprung auf dem Weg zur inklusiven Bildung gemacht.“

Senatoren bejubeln das sei drei Jahren praktizierte Poolsystem für Integrationshelfer – Viel mehr Kinder als früher profitieren – Kritik an zu wenig Helferstunden.

Einsatz an 58 Schulen

200 Integrationshelfer sind derzeit an 58 Lübecker Schulen im Einsatz.

3,6 Millionen Euro werden dafür aufgewendet.

30 Prozent aller geistig behinderten Schüler in Lübeck gehen mittlerweile an eine reguläre Schule und sind nicht mehr an einem Förderzentrum.

Schulrat Gustaf Dreier: „Damit ist Lübeck spitze im ganzen Land.“

Die Idee des von Weihers Vorgängerin Annette Borns (SPD) erfundenen Pools: Nicht jedes Kind mit einem speziellen Förderbedarf bringt eine Begleitperson mit in den Unterricht, sondern die Integrationshelfer arbeiten zusammen mit Lehrern und Sozialpädagogen in den Klassen und kümmern sich gleich um mehrere Kinder. Schindler: „Bis zu drei Schulbegleiter in einer Klasse – das hat viel Unruhe gebracht. Jetzt ist eine Person in der Klasse, die für alle zuständig ist.“

Trotzdem sind nicht alle Schulen glücklich mit dem Pool. An der Kaland-Schule wurden 164 Wochenstunden an Schulbegleitung angemeldet, aber nur 81 Stunden zugeteilt. „Lübeck gibt mehr Geld als im letzten Jahr – und auch das Land stellt Mittel bereit“, sagen Monika Schröder, Geschäftsführerin des Betreuungsbands, und die Elternvorsitzende Andrea Wichern, „aber das reicht bei Weitem nicht.“ In den Klassen sitzen Kinder mit Autismus, ADHS, geistiger Behinderung, Lernbehinderung, Epilepsie oder Diabetes. Dass alle Kinder die Regelschulen besuchen (Inklusion) sei richtig, sagen die Geschäftsführerin und die Elternvorsitzende: „Aber es ist naiv zu glauben, dass man alle Kinder einschulen kann und dann ruckelt sich alles von selbst zurecht.“

Die Vertreterinnen der Kaland-Schule haben an das Kieler Bildungsministerium geschrieben und mehr Geld eingefordert. Andrea Wichern: „Eine Antwort steht noch aus.“ Auch Jörg Haltermann, Leiter der Schule Tremser Teich, hält den Helferpool für ein „gutes Modell, das aber nicht ausreichend mit Ressourcen ausgestattet ist“. 131 Wochenstunden wurden der Grund- und Gemeinschaftsschule zugebilligt – für rund 25 Kinder. Haltermann: „Wir kommen damit nicht aus.“

Nach Angaben von Schulrat Gustaf Dreier wurde die Verteilung der 3875 Wochenstunden neu organisiert. Schulen wie die Albert-Schweitzer-Schule gehören zu den Gewinnern, Einrichtungen wie die Kaland-Schule oder die Schule Grönauer Baum gehören zu den Verlierern. Unter den Leitern der 58 Schulen habe es bei der Neuverteilung der Stunden für Integrationshelfer bemerkenswerte Diskussionen gegeben, berichtete Roland Combach vom Malteser Hilfsdienst. Die Malteser sind einer von sieben Trägern, bei denen die Integrationshelfer, die in die Schulen gehen, angestellt sind. „Die betroffenen Schulen haben zu Unrecht zu viele Stunden bekommen, das Verfahren ist jetzt gerechter“, sagte Bildungssenatorin Weiher. Die Senatorin räumte auch ein, dass die Stadt dank ausgeweiteter Landesmittel Geld sparen konnte. Weiher: „Die Stadt macht schon viel mehr, als sie sich leisten kann.“

Für die Verliererschulen ist die Kürzung der Stunden ein Problem. Monika Schröder von der Kaland- Schule: „Wenn ein Kind zehn Stunden braucht, bekommt es plötzlich nur noch fünf.“ Darunter würden aber nicht nur die Kinder mit Handicaps leiden, so die Elternvorsitzende Wichern. „Wenn der Unterricht gestört wird, leiden darunter alle Kinder.“

Die sieben Organisationen, die die Integrationshelfer beschäftigen, wünschen sich noch mehr Unterstützung vom Land. Denn nur 40 von 200 Helfern haben unbefristete Arbeitsverträge. Die anderen müssen stets bangen, ob der Job weitergeht. „Ein langfristiger Vertrag und mehr Stunden wären toll“, bestätigte die Integrationshelferin Britta Pagenkopf. Die Mittel des Landes indes sind auf mehrere Jahre befristet. Weiher: „Wenn das Land sich zurückzieht, können wir das nicht auffangen.“

Kai Dordowsky

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