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Lokales Lübeck Lübeck bekommt eine Jugendberufsagentur
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22:00 12.07.2018
Die Jugendberufsagentur bekommt in diesem Gebäude am Berliner Platz eigene Räume und einen eigenen Eingang. Quelle: Fotos: Neelsen, Dresing

Vorbild ist Hamburg. Die 2012 eingerichtete Jugendberufsagentur zieht eine Erfolgsbilanz: „Während in der Vergangenheit jedes Jahr weit über 1000 Schulabgänger aus den Beratungs- und Unterstützungssystemen verschwanden, gelingt es heute, so gut wie alle Schulabgänger gezielt anzusprechen und beim Übergang zu unterstützen.“ Auch die JBA Neumünster reklamiert Erfolge für sich. Die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen sinke, die Zahl der Lehrstellenbewerber steige. Und Lübeck?

„Kein rasanter Start, aber auf einem guten Weg.“Joachim Tag, Leiter Jobcenter

Schüler -ID

Die Schüler-Identifikationsnummer (Schüler ID) wurde 2005 als zentrale Datensammlung für alle schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen in Hamburg eingeführt. Gespeichert werden Angaben über Geschlecht, Geburtsdatum, Konfession, Einschulung, Schulwechsel, Teilnahme an Fördermaßnahmen und Herkunft. Datenschützer sehen eine solche Personenkennziffer kritisch. Neben Hamburg haben Berlin und Hessen vergleichbare Systeme, sagt die Stadt.

„Eine unbekannte Anzahl von jungen Erwachsenen wird in den Statistiken von Jobcenter, Arbeitsagentur und Schulen nicht erfasst“, heißt es in einer Vorlage für die Bürgerschaft. „Es handelt sich um junge Menschen, für die aufgrund von sozialer Benachteiligung, Ausgrenzung und Stigmatisierung die Straße ein zentraler Sozialisations- und Lebensort geworden ist und die von sozialen Einrichtungen, auch den Jugendzentren, häufig nicht mehr erreicht werden.“ Immer mehr Jugendliche „finden sich in Warteschleifen wieder“, berichtet Detlev Wulff, einer der Initiatoren der Armutskonferenz, „diese Schleifen sind häufig eine Sackgasse“.

Niemand weiß, wie viele beim Übergang von der Schule in den Beruf auf der Strecke bleiben, aber im Bildungsbericht der Hansestadt gibt es Anhaltspunkte. Von 20 Prozent, die die allgemeinbildende Schule verlassen, ist der berufliche Werdegang unbekannt. 40 Prozent der Bewerber um eine Lehrstelle gelten als Risikogruppe – sie haben keine Lehrstelle gefunden, sind in Fördermaßnahmen gelandet oder ihr Verbleib ist unbekannt. Neun Prozent eines Jahrganges verlassen die Schule ohne Abschluss. Rund 3400 Frauen und Männer unter 25 Jahren waren im Mai 2018 Kunden des Jobcenters.

Dass viele Jugendliche gezielte Hilfe nach der Schule brauchen, zeigt auch eine Umfrage des Bereichs Jugendarbeit unter 137 Besuchern von Jugendzentren aus dem November 2017. „Wie viele Leute kennst Du, bei denen die Unterstützung einer solchen JBA wichtig wäre?“, wurden die Jugendlichen gefragt. 64 kannten einen bis fünf, 23 sechs bis zehn und 29 sogar mehr als zehn. 133 von 137 befürworteten die Einrichtung der Jugendberufsagentur.

Der Zusammenschluss von Schulen, Berufsschulen, Jobcenter, Arbeitsagentur und diversen städtischen Behörden in einer Jugendberufsagentur unter einem Dach ist schon länger Thema. 2016 warb die damalige Kieler Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) dafür. Bereits im Februar 2016 beschloss die Bürgerschaft einstimmig, dass ein Konzept erstellt werden solle.

Das liegt jetzt vor. Sozial- und Jugendhilfeausschuss haben es bereits abgesegnet. Ende August muss die Bürgerschaft zustimmen. Dann gibt es eine „verbindliche Verwaltungsvereinbarung“. Die regelt, wie die neue Behörde aussehen wird. 61 Vollzeitstellen sind dafür vorgesehen, 6,5 davon müssen noch neu geschaffen werden. Über 500000 Euro wird die Agentur im Jahr kosten. Sie wird in dem Hauptgebäude von Arbeitsagentur und Jobcenter am Berliner Platz (Hans-Böckler-Straße) eingerichtet. Dafür müssen Umbauten erfolgen, die die Arbeitsagentur bezahlt. Es soll einen eigenen Eingangsbereich geben.

Der Bereich Jugendarbeit hat die 137 Jugendlichen auch danach befragt, wie sie sich eine Jugendberufsagentur vorstellen. Sie wollen eine gut erreichbare Anlaufstelle mit freundlichen, eher jüngeren Mitarbeitern und einem angenehmen Ambiente. Die freundlichen Mitarbeiter sollen sich alle gemeinsam um die jungen Leute kümmern und mögliche Hindernisse aus dem Weg räumen. Damit ihnen keiner „durch die Lappen geht“, sollen die Mitarbeiter auch zu den Jugendlichen hingehen (aufsuchende Sozialarbeit). Die Macher der Jugendberufsagentur stellen sich sogar eine „Schüleridentifikationsnummer“

(Schüler-ID) vor, damit sie wichtige Daten über ihre Kunden kennen.

„Das ist eine tolle Sache für Lübeck“, sagt Michelle Akyurt, Fraktionschefin der Grünen, „das hätte man schon vor einem halben Jahr beschließen können.“ Auch der CDU-Sozialpolitiker Carsten Grohmann spricht von einem „tollen Projekt“. Jedem Jugendlichen „können ohne Umwege Hilfe, Beratung und Vermittlung an Ort und Stelle angeboten werden“, sagt Kathleen Wieczorek, Geschäftsführerin für den operativen Bereich in der Arbeitsagentur. Jugendberufsagenturen seien heute Standard, erklärt Joachim Tag, Chef des Jobcenters. „Wir hatten in Lübeck keinen rasanten Start, sind aber jetzt auf einem sehr guten Weg“. Tag geht davon aus, dass die Lübecker Agentur „eine der besseren wird“.

Kai Dordowsky

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