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Lokales Lübeck Lübeck braucht einen „Blackout“-Plan für Stromausfälle
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09:48 30.05.2018
Umspannwerk Stockelsdorf: Dort hat ein Kurzschluss den vierstündigen Stromausfall in Lübeck und Umgebung verursacht. Quelle: Foto: Felix König

„Blackout“ – und jetzt? „Der gesamtstädtische Katastrophenplan muss dringend überarbeitet werden“, macht Innensenator Ludger Hinsen (CDU) klar. „Wir müssen eine ,Blackout‘-Planung angehen“, erklärt Feuerwehr-Chef Bernd Neumann. „Wir nehmen das Thema auf die Agenda“, sagt Frank Zahn, sicherheitspolitischer SPD- Sprecher. Sein Pendant von der CDU stimmt zu: „Wir müssen deutlich besser vorbereitet sein“, so Jochen Mauritz. Sicherheitspolitikerin Silke Mählenhoff (Grüne): „Wir müssen das Ganze aufarbeiten.“ Denn offenbar hat Lübeck Glück gehabt: Während des Stromausfalls ist es zu keiner menschlichen Tragödie gekommen. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, so Neumann. Weil die Feuerwehr im Dezember das Szenario Stromausfall mit dem Kreis Pinneberg geübt hat.

„Wir müssen eine ,Blackout‘- Planung angehen." Bernd Neumann, Feuerwehr-Chef

Aber: In Lübeck gibt es zwar einen Plan für den Katastrophenfall, aber keinen „Blackout“-Plan für die ganze Stadt. „Wir haben alle ein Gespür dafür bekommen, dass ein Stromausfall sofort alle betrifft“, sagt Neumann. Denn die entscheidende Infrastruktur ist ausgefallen. Der Digitalfunk hat versagt – Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste waren 23 Minuten nicht erreichbar. „Wir hatten für einen begrenzten Zeitraum eine unschöne Situation“, beschreibt es Hinsen. „Das hat uns richtig in Bedrängnis gebracht“, gibt Neumann zu. Denn die Leistelle konnte die Funkwagen draußen nicht erreichen.

Aber das ist nicht alles: So war die Stadtverwaltung lahmgelegt. Die IT ist ausgefallen. Außerdem soll das Zentralklärwerk zeitweise nicht funktioniert haben. „Fäkalien sind in die Trave geleitet worden“, sagt Hinsen. Er beruhigt, es habe keine Auffälligkeiten gegeben. Die Entsorgungsbetriebe (EBL) bestätigen das nicht. Aber: „Wir haben Glück gehabt, länger hätte der Stromausfall nicht dauern dürfen“, sagt Sprecherin Cornelia Tews. Der Herrentunnel wurde ebenfalls für Stunden gesperrt. Denn dort sind Licht und Belüftung ausgefallen. „Bei Stromausfall ist der Tunnel nicht befahrbar“, warnt Neumann. Selbst wenn Rettungswagen passieren könnten, würden die Autos gar nicht durch den Stau kommen, der sich vor den Röhren bildet. Verantwortliche des Herrentunnels haben sich auf LN-Anfrage nicht dazu geäußert.

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Ein „Blackout“-Plan für ganz Lübeck betrifft daher nicht nur die Feuerwehr, sondern alle Bereiche der Stadt wie Gesundheitsamt, Verkehr, IT, Wasserversorgung, aber auch Banken, Altenheime, Tankstellen. Bisher hatte die Feuerwehr keine Leute, um einen Alarmplan auszuarbeiten, gibt Neumann zu. Zudem steht für das Land die Terrorgefahr ganz oben auf der Prioritätenliste. Danach werde ein „Blackout“-Plan erarbeitet.

Im Kreis Pinneberg gibt es den bereits. „Dass Lübeck so etwas nicht hat, wundert mich“, sagt Valerie Wilms, die dort im Kreistag sitzt und Aufsichtsratschefin der Stadtwerke ist. Detailliert ist in dem Plan aufgelistet, wer vom Stromausfall betroffen ist – und wie. So brauchen Einsatzwagen 20000 Liter Diesel pro Tag. Es muss Anlaufstellen für die Bürger geben. Sie müssen mit Notstrom und Digitalfunk ausgestattet sein, bestenfalls mit Satellitentelefon. Außerdem müssen Leute vor Ort sein. Denn die Feuerwehrleute fahren beim Stromausfall viele Einsätze. Es werden dann Kerzen, Gaskocher, Kamine benutzt – und das erhöht das Brand-Risiko.

Erster Einsatz, erster Ausfall

Im Ernstfall versagt: Der Digitalfunk für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste wurde erstmals im Notfall eingesetzt – und hat nicht funktioniert. 23 Minuten war Funkstille zwischen der Leitstelle und den Funkwagen. Der Grund: Die Notstromaggregate sind nicht angesprungen. Sie sollen die Vermittlungsstellen am Laufen halten. Diese Stellen vermitteln zwischen den Basisstationen, die wiederum die Funksignale der Beamten vor Ort auffangen. Doch die Vermittlungsstellen konnten eben nicht vermitteln, weil der Notstrom nicht lief. Für den Betrieb dieser Vermittlungsstellen ist die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) in Berlin zuständig, erklärt Torge Stelck, Sprecher Landespolizei. Berlin analysiere die Sache jetzt, Ergebnisse gibt es noch nicht. Das Ganze ist extrem wichtig. Der Lübecker Fall wird bundesweit beäugt.

Wenn der Digitalfunk ausfällt, funktioniert nicht einmal mehr der Kontakt der Retter untereinander. CDU-Sicherheitsexperte Jochen Mauritz (CDU): „Der Ausfall des Digitalfunks kann katastrophale Folgen haben.“ Denn dann bricht die Kommunikation mit Polizei und Feuerwehr zusammen. Jochen Mauritz: „Ich habe Sorge, dass wir hilflos sind.“

 Josephine von Zastrow

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