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Lübeck Lübeck diskutiert über ein Alkoholverbot
Lokales Lübeck Lübeck diskutiert über ein Alkoholverbot
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20:13 11.07.2016
Die freie Fläche an der Krähenstraße ist einer der öffentlichen Plätze, an denen besonders viel Alkohol getrunken wird. Quelle: Christoph Brandt

Die ersten Dosenbiere werden schon zur Mittagszeit geöffnet. Sechs Personen sitzen auf den Parkbänken der kleinen Freifläche vor der Rehderbrücke zusammen. Es wird geplaudert, geraucht und getrunken. Die gleiche Szene spielt sich an mehreren Orten der Stadt ab – vor dem Rathaus, auf dem Schrangen, auf dem Klingenberg. Immer mehr Bürger, Händler und Politiker ärgern sich über öffentliche Gelage, aggressives Betteln oder Wildpinkeln. Innensenator Ludger Hinsen (CDU) will dagegen angehen (LN berichteten) – und arbeitet an einer Strategie. Diskutiert wird auch über ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen.

Jochen Mauritz (CDU).

Hinsen nimmt dabei Hinweise von Einwohnern, städtischen Mitarbeitern und Politikern auf. Einer ist Jochen Mauritz aus Travemünde. Der CDU-Politiker hat im Juni eine Anfrage im Ausschuss für Sicherheit und Ordnung gestellt. Wie kann die Stadt „ein Verbot exzessiven Alkoholgenusses auf offener Straße umsetzen?“, will Mauritz wissen. Auslöser sei der massive Alkoholgenuss von Menschen, die den Tag auf den Bänken vor dem Rathaus verbringen. „Betrunkene haben die Rathauspförtner angepöbelt“, berichtet Mauritz. Ihn stören auch aggressives Betteln und Zigarettenkippen in der Fußgängerzone.

Mauritz: „In einer Stadt sollen sich alle Leute wohlfühlen.“

Das Lübeck Management hat schon mit Hinsens Vorgänger über die Probleme am Klingenberg, an den Bushaltestellen vor dem Haerder-Center oder in der Krähenstraße diskutiert. Mit Verboten zu arbeiten, sei aber ungeheuer schwierig, erklärt Geschäftsführerin Olivia Kempke: „Wo fängt man an, wo hört man auf, und wer soll das kontrollieren?“ Die Szene werde sich nicht in Luft auflösen, gibt Silke Mählenhoff (Grüne) zu bedenken. Ein Alkoholverbot könnte auch Menschen treffen, die sich auf einer Wiese treffen und friedlich ein Bier oder einen Wein trinken. Mählenhoff hat aber Verständnis für Hinsens Vorstoß. Die Politikerin: „Verschmutzungen und Belästigungen müssen nicht sein.“

Die SPD sieht aktuell keinen Handlungsbedarf. Frank Zahn, Sprecher für Sicherheit und Ordnung: „Ich weiß nicht, ob es diese Alkoholexzesse in Lübeck überhaupt gibt.“ Rechtlich seien solche Eingriffe ohnehin schwer durchsetzbar. Die GAL ist erstaunt über den Vorstoß des Senators. „Ich habe das gar nicht als Problem wahrgenommen“, sagt die Fraktionsvorsitzende Antje Jansen. „Man kann doch die Menschen nicht aus der Öffentlichkeit verdrängen. Soll jeder, der eine Bierdose in der Hand hat, einen Strafzettel bekommen?“

Suchtexperten warnen vor einer schwierigen Debatte. Karin Mechnich, Leiterin der Awo-Drogenhilfe: „Alkohol gibt es 24 Stunden am Tag und an jeder Ecke.“ In Fußballstadien würde Bier ausgeschenkt, auf Weinfesten wie auf dem Koberg werde getrunken. Mechnich: „Warum darf man dort trinken, aber sonst auf öffentlichen Plätzen nicht?“ Friedemann Ulrich von der Suchthilfe der Vorwerker Diakonie hält Alkoholverbote für den falschen Ansatz. „Will die Stadt Bußgelder an Menschen verhängen, die ohnehin arm sind und die diese gar nicht bezahlen können? Sollen die dann in Haft gehen?“, fragt Ulrich.

Der Einsatz von Streetworkern und Sozialarbeitern, der dem Innensenator genauso vorschwebt, sei der richtige Weg. Ebenso müsse die Stadt dafür sorgen, dass es kostenlose Toiletten gebe, die die Betroffenen aufsuchen könnten.

Mitte Juli will Hinsen im Sicherheits- und Ordnungsausschuss eine Projektskizze zu seiner Strategie vorlegen. Vielleicht kommt er ja weiter, als eine seiner Vorgängerinnen. 1993 löste die damalige Innensenatorin Dagmar Pohl-Laukamp (CDU) die gleiche Debatte aus und fand viel Zuspruch. Nur geändert hat sich nichts.

So diskutiert das Netz

Ein Alkoholverbot für Lübeck wird auch auf Facebook heiß diskutiert:

Rebecca Nordmann Wer wie ein mündiger Bürger behandelt werden möchte, soll sich auch so benehmen. Es ist nicht nötig, sich zu besaufen, wo Kinder auf ihrem Schulweg längs laufen.

Jens Grün Luebeck Ein Trauerspiel, dass mündige Bürger immer mehr reguliert werden. Erst das Rauchen, dann der Alkohol, was kommt als nächstes? Darf man keine Bratwurst mehr in der Öffentlichkeit essen?

Marc Nessalc Wer soll die Einhaltung überwachen? Polizei und Verwaltung gehen personell bereits jetzt am Stock.

Sebastian Jebe Finde das ganz grauenhaft. Es betrifft nämlich meist nur die Leute, die es sich nicht leisten können, in die Bar oder Kneipe zu gehen.

Marcel Enzmann Halte ich nichts von. Randaliert und gepöbelt wird auch von nicht alkoholisierten Menschen.

Alexander Schacht Geht es darum, Probleme dadurch zu lösen, dass man sie nicht mehr sehen muss?

Feliz Da Silva Ich würde mich dafür aussprechen. Als Vorbild für die Kinder und auch zum Schutz von anderen Menschen, die doch oft von Betrunkenen belästigt werden.

Infos: facebook.com/LNOnline

Christoph Brandt und Kai Dordowsky

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