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22:23 06.02.2018
Die Kita „Drachennest I“ im Hochschulstadtteil wird Lübecks erste „Demokratie-Kita“. Leiterin Janiene Gursupp (l.) und Melina Hohnroth demonstrieren, wie eine Parlamentssitzung im Kindergarten aussehen könnte. Quelle: Felix König
St. Jürgen

Um die jüngste Entscheidung gab es ein längeres Tauziehen. Das Kita-Parlament – acht Kinder, die gewählte Fachkraft Melina Hohnroth und Kita-Leiterin Janiene Gursupp, debattierten über das Ziel des Kita-Ausflugs zum zehnjährigen Bestehen. Die Stimmung unter den Kindern war eindeutig. Es sollte in eine kommerzielle Spiellandschaft gehen. Doch da musste die Kita-Leiterin ihr Veto einlegen. „Ich bin schließlich auch für die Finanzen zuständig“, sagt Janiene Gursupp, die von den Kindern „die Königin“ genannt wird. Die Demokratie-Kita einigte sich schließlich auf den Wildpark Trappenkamp. Einigkeit herrschte dagegen, dass die Kinder ohne ihre Eltern fahren wollen.

Es gibt eine Verfassung, es gibt eine Parlament und seit gestern gibt es auch eine Urkunde. Die vor zehn Jahren eröffnete Kita „Drachennest I“ im Hochschulstadtteil ist seit gestern eine Demokratie-Kita. Landesweit ist sie die neunte Einrichtung mit diesem Titel.

„Demokratie in der Kita bedeutet nicht ’Kinder an die Macht’, sondern dass Beteiligungs- und Beschwerderechte verbindlich geregelt werden“, erklärt Awo-Landesvorsitzender Wolfgang Baasch. Die Awo setzt in Schleswig-Holstein ein bundesweit einmaliges Projekt um, für das sich schon Medien wie der britische „Guardian“ und die überregionale „Süddeutsche Zeitung“ interessiert haben. Das „Drachennest I“ ist die achte Awo-Einrichtung, die als „Kinderstube der Demokratie“ zertifiziert ist. Außerdem gibt es eine Kita eines anderen Trägers, die ebenfalls über Verfassung, Parlament und Urkunde verfügt. Schleswig-Holstein sei in Sachen Beteiligung Vorreiter für ganz Deutschland, betont Klaus Meeder vom Kieler Sozialministerium. Studien würden zeigen, dass schon kleine Kinder Demokratie erlernen können.

Das sei genau der richtige Zeitpunkt, Demokratie zu lernen, sagt Bürgermeister Bernd Saxe (SPD): „Erwachsene lernen das nicht mehr.“ Saxe erinnert an die „Kinderrepubliken“, mit denen die Awo zu Beginn der Weimarer Republik bis zu 1000 Kinder in großen Ferienlagern versammelte. Saxe: „Die bildeten ein Parlament, wählten eine Regierung und legten Regeln fest. Das war das erste Demokratieprojekt der Awo.“ Er freue sich, dass die Arbeiterwohlfahrt die Idee wieder aufgegriffen habe. In den „Kinderstuben der Demokratie“ würden die Kleinen lernen, andere Meinungen zu tolerieren, Minderheiten zu beachten und Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren. In Zeiten, in denen „antidemokratische Kräfte“ Zulauf erhielten, sei das kein Beiwerk. Der Bürgermeister: „Ich hoffe, dass das ganz viele Nachahmer findet.“

Das Kita-Parlament tagt in der Regel einmal im Monat. Entscheidungen werden protokolliert und von den Kinder-Parlamentariern in den Gruppen mitgeteilt. Schon die Namensfindung für die Kita war demokratisch geprägt. Und eine der ersten Entscheidungen des Parlaments betraf die Gestaltung der Außenspielfläche. Demokratie in der Kita verlange auch von den Mitarbeiterinnen und den Eltern einiges ab, sagt Awo-Landesvorsitzender Baasch. Die Mitarbeiterinnen müssten lernen, dass Kinder mitentscheiden. Und die Eltern würden sich auf ein großes Abenteuer einlassen. Baasch: „Manchmal ist es mit der Demokratie auch nicht so einfach.“

Dass zur feierlichen Zertifizierung ihrer Kita so viele wichtige Erwachsene kamen, fanden die Kinder schon aufregend. Aber die wahren Helden sind eben doch andere. Als Kita-Leiterin Gursupp den Bürgermeister ankündigte, wollten einige Kinder wissen, ob Bibi Blocksberg auch komme. Gursupp: „Die hatte leider keine Zeit.“

Die Arbeiterwohlfahrt

Die Arbeiterwohlfahrt Schleswig- Holstein unterhält insgesamt 90 Kitas in Schleswig-Holstein. 58 Einrichtungen sind in der Awo Schleswig-Holstein gGmbH organisiert. Diese 58 Kitas sollen bis 2020 alle als „Kinderstuben der Demokratie“ zertifiziert sein.

In der Kita „Drachennest I“ arbeiten zehn pädagogische Fachkräfte. Zusätzlich helfen drei Servicekräfte in der Küche, ein FSjler/-in und drei ehrenamtliche Mitarbeiter bei den alltäglichen Aufgaben.

 Kai Dordowsky

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