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Lübeck Gasometer wird komplett verhüllt
Lokales Lübeck Gasometer wird komplett verhüllt
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08:28 30.09.2018
Hans-Joachim Thiessen (l.) und Sven Boroch im Innern des Scheibengasbehälters. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Erst 100 Menschen haben das Innere betreten. Quelle: foto: Lutz Roessler
St. Jürgen

Sven Boroch, von den Kollegen scherzhaft der „Christo von Lübeck“ genannt, bittet zum Ortstermin durch ein 50 Zentimeter großes Loch. Wie U-Bootfahrer schwingen sich Boroch, sein Kollege Hans-Joachim Thiessen und zwei LN-Journalisten durch den engen Einstieg am Fuße des mächtigen Gasometers. Nur 100 Menschen sei es bisher vergönnt gewesen, in den riesigen Stahlbehälter zu kriechen, betont Boroch. Drinnen empfängt uns ein Raum, der an eine Kathedrale erinnert. In 65 Metern Höhe schwebt die Kuppel, die Wände werden nach unten hin immer dunkler. Das Stehen ist mühsam, denn die mächtige Scheibe, die früher auf das Gas drückte, ist halbrund. Mühsam ist auch der Weg an die Spitze des Turms. Der Aufzug ist stillgelegt. 364 Stufen sind es bis oben, haben Boroch und Thiessen gezählt.

Einblick und Weitblick

Von 1954 bis 2015 nutzte der kommunale Versorger (Strom, Gas, Wasser, Wärme) den Behälter als Reserve. 80 000 Kubikmeter Gas passten hinein. „Das reichte im Winter für eine Stunde“, sagt Unternehmenssprecher Lars Hertrampf. Heutzutage würde Gas, das als Reserve in Zeiten besonders starker Abnahme benötigt werde, in den Leitungen geparkt, sagt Hertrampf. „Das ist günstiger.“ Die Stadtwerke wollten den Gasometer vor drei Jahren abreißen, hatten sogar schon eine Genehmigung der Stadt, als in letzter Minute der Denkmalschutz dazwischen grätschte. Lübecks dickster Turm sei ein „Denkmal der Industriekultur“.

Sven Boroch, Leiter Umweltschutz und Projektleiter Gasometer, muss nun das Denkmal sichern. Denn im Laufe der Jahrzehnte, in denen die halbrunde Scheibe durch den Turm gefahren ist, haben sich die Stahlwände abgenutzt. „An manchen Stellen sind von den sechs bis acht Millimetern nur noch zwei bis vier übrig“, berichtet Boroch. Außerdem schwankt der Turm bei starken Winden, weil drinnen kein Gegendruck mehr herrscht. Boroch: „Der Gasometer ist aus 320 000 Nieten gefertigt.“ Und diese Nieten könnten nach und nach herausfallen – dazu noch andere kleine Teile. Aus 65 Metern Höhe wird so eine Niete zum Geschoss. Rund um den Turm ist Betriebsgelände. Mitarbeiter und Kunden würden gefährdet. Aber auch der Gaslieferant der Stadtwerke macht Druck. Denn nur 20 Meter vom Gasometer entfernt befindet sich die Hauptgaseinspeisung. Darauf darf nichts fallen.

Schon einmal verhüllt

2005 war der Gasometer schon einmal verhüllt. Anfang Mai zerriss ein Sturm die weiße Plastikplane, das Gerüst drohte umzustürzen. Die Feuerwehr ließ die Folie entfernen.

Abreißen geht nicht. Sanieren würde nach LN-Informationen rund zehn Millionen Euro kosten. „Jede Naht müsste neu verschweißt werden“, erklärt Unternehmenssprecher Hertrampf. Mit einer Million Euro ist die Verhüllung die günstigste Lösung. Seit dem 20. August ist die Lübecker Firma Oldenburg Gerüstbau mit dem Aufstellen eines Gerüstes beschäftigt. Spätestens Ende November soll die Schutzplane hängen. 12 000 Quadratmeter hochfeste Kunststoffplane. Die wird nicht an den Gasometer selbst gehängt, sondern an das Gerüst. Die Farbe der Plane werde weiß-grau sein. Das sei mit der Denkmalpflege abgesprochen.

Mit der Verhüllung ist der Stahlturm erstmal sicher. Aber was soll eigentlich aus ihm werden? Vorschläge wie von Altbürgermeister Bernd Saxe (SPD), den Gasometer zum Lager von städtischen Akten zu machen, sind genauso vom Tisch wie Überlegungen, den denkmalgeschützten Trum für Veranstaltungen zu nutzen. Es gebe zwei Probleme, sagt Bürgermeister Jan Lindenau (SPD). Erstens sei der Turm ohne Gas nicht so stabil. Zweitens würden die Temperaturen im Innern sehr stark schwanken. Lindenau: „Für die Lagerung von Akten ist er deshalb nicht geeignet.“ Als Kulturtempel ebenfalls nicht. Denn rundherum ist Betriebsgelände, da tun sich die Stadtwerke schwer mit herumlaufenden Besuchern. „Wir denken intensiv über eine andere Nutzung nach“, erklärt der Bürgermeister, „denn auf Dauer ist der Gasometer eine finanzielle Belastung für die Stadtwerke.“ In alle Überlegungen sei die Denkmalpflege eingebunden.

Kai Dordowsky

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