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Lübeck Diskriminierung und Unwissenheit sind Alltag
Lokales Lübeck Diskriminierung und Unwissenheit sind Alltag
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15:01 30.11.2018
Hartmut Evermann arbeitet seit fast 18 Jahren bei der Lübecker Aids-Hilfe. Der Verein verkauft Teddybären mit der berühmten roten Schleife. Quelle: Kai Dordowsky
Lübeck

Hartmut Evermann, Mitarbeiter der Aids-Hilfe, rät HIV-Infizierten davon ab, sich am Arbeitsplatz zu outen. „Das Risiko des Mobbings ist zu groß“, sagt der 59-jährige Berater, „ich habe in den 18 Jahren, die ich hier berate, keine Hand voll Menschen erlebt, die sich am Arbeitsplatz zu ihrer Erkrankung bekannt haben.“

Aids-Kranke dürften jeden Beruf ausüben, sagt Evermann, nur bei Chirurgen gebe es Ausnahmen. „Bis vor kurzem durften Betroffene auch keine Piloten sein, aber das wurde aufgehoben“, erklärt der Berater. Der Umgang mit den HIV-Infizierten sei immer noch geprägt „von irrationalen Ängsten“, sagt Evermann, „ganz oft haben Menschen ein Bild von Aids, das aus den 1980er Jahren stammt.“

1500 Schleswig-Holsteiner leben mit Aids

1500 Schleswig-Holsteiner leben nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts mit einer HIV-Infektion. Im vergangenen Jahr sind laut Institut 55 Neuinfektionen registriert worden. 15 Menschen sollen 2017 an Aids gestorben sein.

Die Lübecker Aids-Hilfe besteht seit 32 Jahren. Bis vor zwei Jahren war die Beratungsstelle in der Engelsgrube untergebracht, seitdem sitzt sie im Kreuzweg in Bahnhofsnähe. Die Aids-Hilfe beschäftigt zwei pädagogische Mitarbeiter und eine Verwaltungskraft. 20 bis 25 Menschen arbeiten ehrenamtlich mit. Das Angebot wird durch Stadt, Land, Spenden und Stiftungen finanziert.

Besonders groß seien Vorbehalte gegen die Aids-Kranken im Gesundheitswesen. Evermann erzählt, wie einem Betroffenen in einer Reha-Klinik die Wassergymnastik verweigert wurde. Zahnarztpraxen verweigern die Behandlung oder verschieben sie ans Ende der Sprechstunde, „weil sie danach das ganze Behandlungszimmer desinfizieren wollen“, berichtet der Berater.

Zubehör für einen Schnelltest, mit dem nach Angaben der Aids-Hilfe eine Infektion festgestellt werden kann. Dabei wird etwas Blut aus der Fingerkuppe abgenommen und in eine Testapparatur gegeben. Der HIV-Selbsttest zeigt das Ergebnis – ob sich Antikörper gegen das Virus gebildet haben – nach ungefähr einer Viertelstunde an. Quelle: Kai Dordowsky

Mit Resolutionen gegen Diskriminierung und Aufklärungskampagnen wie „Wissen verdoppeln“ versuchen Aids-Beratungsstellen in ganz Deutschland, modernes Wissen über die Krankheit zu verbreiten. „HIV-Infizierte, die medizinisch behandelt werden, sind nicht mehr ansteckend“, sagt Evermann. Eine HIV-Behandlung unterdrücke die Vermehrung von HIV im Körper, betont die Deutsche Aids-Hilfe (DAH), das Virus sei dann im Blut nicht mehr nachweisbar.

„Dann ist auch eine Übertragung auf sexuellem Wege nicht mehr möglich“, erklärt die DAH und spricht von Schutz durch Therapie. Eine Infektion über gemeinsam benutzte Trinkgläser, Fitnessgeräte oder Toiletten sei „vollkommen abwegig“, sagt Ulf Hentschke-Kristal vom Vorstand der DAH. Das wüssten laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung lediglich zehn Prozent der Bevölkerung.

Unwissenheit herrscht aber oft auch bei Erkrankten. Hartmut Evermann schätzt, „dass bundesweit bis zu 14 000 Menschen mit einer HIV-Infektion leben, aber nichts davon wissen.“ Die Lübecker Aids-Hilfe wirbt deshalb für kostenlose und anonyme Schnelltests. Der 59-jährige Berater: „Nur wer von seiner HIV-Infektion weiß, kann sich behandeln lassen.“

Die Beratungsstelle im Kreuzweg bietet immer wieder an bestimmten Tagen solche Schnelltests an – unter ärztlicher Aufsicht. Evermann: „Man kann diese Tests auch in Apotheken kaufen und selbst vornehmen.“

Kai Dordowsky

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