Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Lübecker Firmenidee: Im Internet zum Arzt
Lokales Lübeck Lübecker Firmenidee: Im Internet zum Arzt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:03 07.02.2017
Er kann Patienten-Gespräche quasi von überall aus machen: Professor Georg Griesinger von der Uniklinik Lübeck ist sehr zufrieden mit der neuen Online-Sprechstunde. Quelle: Fotos: Christian Wese, Lutz Roeßler
Innenstadt

Keine langen Anfahrtswege zur Praxis, keine ewigen Aufenthalte in Wartezimmern: Der normale Arztbesuch könnte bald ausgedient haben. Denn das Lübecker Start-Up-Unternehmen Patientus bietet auf einer Online- Plattform via Webcam Sprechstunden zwischen Arzt und Patient an. „Das Interesse aus der Ärzteschaft ist sehr groß“, sagt Nicolas Schulwitz, Geschäftsführer der zwei Jahre alten Firma. „In den nächsten Jahren wollen wir uns auf dem deutschen Markt etablieren“, sagt der Diplom-Ökonom. Bisher haben sich rund 15 bis 20 Fachärzte bei Patientus registriert. Und täglich kommen neue Anfragen dazu. Ist die Online-Sprechstunde ein Zukunftsmodell?

Prof. Georg Griesinger räumt den Jungunternehmern gute Chancen ein. „Es wird großartig angenommen“, sagt Griesinger, der die Online- Plattform bereits seit mehreren Monaten nutzt. „Meine Patienten kommen aus ganz Deutschland. Jeder Weg zum Arzt, der vermeidbar ist, spart wirklich eine Menge Zeit.“ Der Direktor des Kinderwunschzentrums der Uniklinik nutzt die Online-Sprechstunde besonders für Vor- und Nachbesprechungen, aber auch Erstgespräche zum Kennenlernen macht Griesinger teilweise über Webcam. Doch nicht alles kann die Online-Sprechstunde ersetzen. „Fragt mich ein Patient, welche Krankheit er hat, dann sage ich: Kommen Sie in die Praxis. Ich kann das nicht aus der Ferne beurteilen.“

Auch bei der Ärztekammer Schleswig-Holstein wird das Konzept der Online-Sprechstunde schon seit Längerem diskutiert. Wolfram Scharenberg, Sprecher der Ärztekammer, sieht Vorteile darin — macht aber gleichzeitig auf die geltende Gesetzeslage aufmerksam. „Laut bestehender Berufsordnung ist eine Fernbehandlung verboten“, sagt Scharenberg.Und das hält er auch für sinnvoll. „Kann ein Arzt wirklich eine Diagnose stellen, ohne den Patienten vor sich zu haben? Und was ist mit den sensiblen Krankheitsdaten? Diese Fragen muss sich jeder Patient stellen“, sagt Scharenberg. Sinnvoll hält er die Online-Sprechstunde bei einem bestehenden Arzt-Patienten-Verhältnis im Sinne einer Nachuntersuchung oder Beratung sowie für ländliche Gebiete, wo ältere Menschen lange Wege sparen könnten. Man müsse sich nun einmal mit der neuen Technik weiterentwickeln. „Auch das Fernbehandlungsverbot wird sich ganz sicher ändern — oder es wird komplett abgeschafft“, sagt Scharenberg.

Seit mehr als zwei Jahren feilt Nicolas Schulwitz mit seinem Geschäftspartner nun schon an Patientus. „Wir konnten uns eine Zukunft nicht vorstellen, in der es diese Möglichkeiten nicht gibt“, sagt Schulwitz. Für seine Vision hat er eine Festanstellung bei einer deutschen Krankenversicherung aufgegeben und sich mit seinem Geschäftspartner selbstständig gemacht. Schulwitz: „Mal gucken, wohin es führt. Noch sind wir mit unserem Produkt in der Form die Ersten auf dem Markt.“

Patientus
10 Mitarbeiter hat das junge Unternehmen mit Sitz in der Fischergrube in Lübeck. 2011 ist die Idee einer Online-Sprechstunde entstanden. 2012 begann die Umsetzung.
Die sensiblen Patientendaten werden bei der Online-Sprechstunde durch eine Peer-to-Peer-Verbindung (direkte Verbindung ohne zwischengeschalteten Server) verschlüsselt. Der Patient benötigt einen Computer mit Internetzugang und eine Webcam.

Hannes Lintschnig

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!