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Lübeck Aus Jens-Uwe wird Jen Schulz
Lokales Lübeck Aus Jens-Uwe wird Jen Schulz
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12:06 31.12.2018
Rote Perücke, farbenfrohe Bekleidung: Jen Schulz (65) beim Bummel durch die Stadt. Quelle: John Garve/Agentur 54°
Lübeck

Jens-Uwe Schulz hat sich Ende Oktober bei Facebook geoutet. „Ich bin dabei, als Frau zu leben“, schrieb sie und stellte ein Foto in die geschlossene Gruppe. „Ich hatte große Angst vor den Reaktionen“, sagt sie, „aber ich habe eine ungeheure Akzeptanz erlebt.“ Jens-Uwe Schulz hat 65 Jahre als männliches Wesen gelebt, jetzt will er eine Frau sein. Als Jen Schulz geht sie Ende des Jahres in Rente.

Drei Jahre lang muss Jen Schulz als Frau leben, dann kann sie vor Gericht eine Personenstandsänderung beantragen. Zwei Gutachter prüfen dann, ob Frau Schulz es ernst meint. Nach erfolgreicher Überprüfung kann sie dann endgültig den weiblichen Vornamen annehmen. „Jen ist ein Name für beide Geschlechter“, erklärt Schulz, „das fand ich am einfachsten.“ Später will sie Jen-Sophia heißen.

Jen Schulz beim Interview in der LN-Redaktion. Quelle: 54° / John Garve

„Ich habe das Empfinden, als Frau leben zu wollen, durch mein ganzes Leben geschleppt“, erzählt Jen Schulz, „das fing in der Kindheit an.“ Aber Schulz wuchs in den 1960er Jahren in einem Dorf auf, da war Transsexualität ein Tabu. „Ich konnte mit niemandem darüber sprechen, dass ich im falschen Körper lebe.“ Der Mann lernte Buchhändler, Maschinenschlosser und studierte Sozialpädagogik. Fast sein ganzes Leben ist er politisch aktiv, früher bei den Linken, heute bei der Wählergemeinschaft GAL.

1984 zog er nach Lübeck. 30 Jahre lang lebte er „mit meiner Frau in einer glücklichen Beziehung“. Seine Frau ist gestorben. Drei Jahre vor ihrem Tod berichtete Schulz ihr von seiner Transsexualität. Das sei ihm sehr schwer gefallen. Noch schwerer sei der Gang zur 92-jährigen Mutter gewesen. „Sie hat es mit ungeheurer Gelassenheit aufgenommen“, erzählt Schulz, „dann habe sie jetzt eben eine Tochter.“

Jens-Uwe Schulz in seinem Leben als Mann. Quelle: Kai Dordowsky

Schulz ist sicherlich nicht stadtbekannt, aber auch kein No-Name in Lübeck. Er war Landesvorsitzender der Linken, er war 2011 Bürgermeisterkandidat, er leitete den Sozialausschuss der Bürgerschaft, er arbeitete in der Fraktionsgeschäftsführung von Freien Wählern & GAL. Schulz war immer einer der Stillen, kein Marktschreier. Jetzt, als Frau, fällt sie auf. 1,92 Meter groß, dunkelrote Perücke, ein Hang zu farbenprächtiger Kleidung. „Auf der Straße spüre ich manchmal irritierte Blicke“, sagt die 65-Jährige, „aber nur von Frauen, die merken etwas.“

Die Betonung der Weiblichkeit verfolgt einen Zweck. „Was man nicht verbergen kann, muss man betonen“, sagt Jen Schulz, „ich will mir meine Entschlossenheit zeigen und meine neue Rolle erlernen.“ Frau-Sein muss ein Mann tatsächlich erlernen. Schulz achtet darauf, wie sie sich hinsetzt. Sie trägt gerne hohe Absätze, „weil die einen schlanken Fuß machen“. Sie lackiert die Fingernägel und schminkt sich. Das braucht manchmal auch zwei Anläufe.

Das behördliche Verfahren

Das Verfahrenbeginnt mit einem schriftlichen Antrag der transsexuellen Person beim Amtsgericht. Das Gericht holt zwei voneinander unabhängige Gutachten von Sachverständigen ein, die auf Grund ihrer Ausbildung und ihrer beruflichen Erfahrung mit der Transsexualität ausreichend vertraut sind. Die Gutachter nehmen auch dazu Stellung, ob sich das Empfinden der Antragstellerin oder des Antragstellers mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr ändern wird. Außerdem hört das Gericht den Antragsteller oder die Antragstellerin persönlich an.

Die Zeiten, in denen Jens-Uwe vier gleiche Hemden kaufte und damit gut über die Runden kam, sind vorbei. Jen Schulz hat Spaß an Farben, an Oberbekleidung und an Damenwäsche. „Die habe ich erst im Internet bestellt, aber heute gehe ich problemlos in die Damenabteilungen von Kaufhäusern.“ Bei der Auswahl der Brille „bin ich schon vor Jahren auf ein Damenmodell umgestiegen“, und bei der Wahl der Perücke habe sie sich beraten lassen. Auch wenn das nach Klischee klingt, die Frage nach den Schuhen muss einfach sein: Jens-Uwe hatte vier Paar, Jen hat 16 Paar.

Die Entscheidung, als Frau weiterzuleben, ist gefallen. Eine tiefgreifende Entscheidung aber steht noch aus. Die nach der medizinischen Geschlechtsumwandlung mit Operationen und Hormonbehandlung. Jen Schulz: „Ich weiß es einfach noch nicht. Wenn diese Frage ansteht, bin ich 68.“

Kai Dordowsky

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