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Lübeck Lübecker entdeckt Zeitung von 1889
Lokales Lübeck Lübecker entdeckt Zeitung von 1889
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00:47 26.06.2016
Daniel Kahsnitz (27) zeigt das Titelblatt vom 14. Juli 1889, seine Großeltern Elfriede (81) und Anton (79) sitzen lesend im Garten. Quelle: Fotos: Künzel, Neelsen

„General-Anzeiger für Lübeck und Umgebung“ steht auf dem Kopf der Zeitung, darunter: Sonntag, den 14. Juli 1889. Daniel Kahsnitz (27) hat das Exemplar bei einer Haushaltsauflösung entdeckt und staunt, wie die Zeitung damals ausgesehen hat. Sie hängt nun in einem Rahmen bei seinen Großeltern und verrät manches über die Geschichte Lübecks.  

„Als ich das Datum 1889 sah, habe ich mich gleich gefragt, ob sie wohl echt ist.“ Daniel Kahsnitz (27), Lübeck

„Als ich das Datum entdeckte, habe ich mich gleich gefragt, ob die Seite wohl echt sein kann?“, erinnert sich Kahsnitz und schaut auf das gelbliche Papier. Nach Einschätzung von Archivdirektor Jan Lokers ist „die Zeitung wohl echt“, der Wert allerdings „gering“. Das Stadtarchiv habe den General-Anzeiger und viele andere Zeitungen der Zeit aus Lübeck im Original im Archiv und in der Stadtbibliothek in Verwahrung. Es gibt sogar 58 unterschiedliche, seit 1751 in Lübeck erschienene Zeitungen.

Auch die heutige „Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz“ sammelte ab 1740 regelmäßig die in Preußen erscheinenden Tages- und Wochenzeitungen sowie weitere bedeutende Zeitungen aus Deutschland und dem Ausland. Und: „Der Lübecker General-Anzeiger ist auch bei uns vorhanden“, sagt Christoph Albers und betont, dass Tageszeitungen heute immer noch eine ganz wichtige Primärquelle für viele Wissenschaftsdisziplinen, vor allem für die Geisteswissenschaften, sind.

Zurück in Kahsnitz’ Wohnzimmer: Warum das Titelblatt vom 14. Juli 1889 für den Vorbesitzer aufhebenswert war, kann der Lübecker nicht sagen. „Ihm waren wohl die Anzeigen wichtig“, sagt der Mann und erzählt, dass ursprünglich die Rückseite in einem Rahmen ausgestellt war: ganzseitig bedruckt mit Werbung von Lübecker Geschäftsleuten.

„Deutscher Natronkaffee nur allein echt von Thilo & v. Dohren, Pakete zu zehn und zwanzig Pfennig“ ist dort zu lesen. Erhältlich war der Natronkaffee in „allen bedeutenden Kolonialwarenhandlungen“

wie Fr. Storm in der Hüxstraße 59. Außerdem wird „Feines Lübecker Bratenschmalz – per Pfund 60 Pfennig“ von August Jensen, in der Hartengrube 21, angepriesen. Oder „Eimerbier, jeden Dienstag und Freitagnachmittag, von 5 bis 10 Uhr, in der St. Lorenz-Brauerei, Nebenhofstraße 12. „Eimerbier? Was soll das sein?“, fragt Kahsnitz Großvater Anton (79) schmunzelnd, während Elfriede (81) über die Anzeige lacht, die eine „Partie Damenröcke und Schürzen bei F. Dierks, Fleischhauerstraße 15“, anbietet. „Als ich klein war, haben wir immer Schürzen getragen: alltags bunte, sonntags weiße.“

Kahsnitz junior interessiert sich mehr für die Titelseite und hat diese daher nun aufgehängt. „Damals kostete das Einzelexemplar nur fünf Pfennig, und die Auflage lag bei 9000“, erzählt er und versucht auch den Leitartikel in der historischen Schrift zu entziffern. „Was gibt es Neues?“ steht über dem Text zur deutschen Außenpolitik. Aber auch die Sommerfrische an der See und das Volksfest sind darin Thema. Passiert ist in Lübeck in dem Erscheinungsjahr laut Lokers natürlich viel mehr: 1889 wird zum letzten Mal ein hölzernes Segelschiff an der Trave auf Kiel gelegt. Lübeck ist in der Hochphase der Industrialisierung, die Vorstädte schießen aus dem Boden, und auf dem Koberg wird das Denkmal für Emanuel Geibel enthüllt.

Ob Kahsnitz’ Zeitzeugnis nun wertvoll ist oder nicht, er will es auf jeden Fall behalten. In diesem Sinne betont auch der Zeitungsexperte Albers aus Berlin: „Der immaterielle Wert, insbesondere der persönliche Wert für einen Sammler, ist weitaus größer einzuschätzen als der Wert in Euro.“

Die Geschichte der Tageszeitung

1605 ist das Erscheinungsjahr für die „Relation“ des Druckers Johann Carolus aus Straßburg, die als erste richtige Zeitung überhaupt gilt. Woche für Woche schrieb Carolus wichtige Neuigkeiten zwei Dutzend Mal per Hand ab und verkaufte diese Zettel an Interessierte. Später kaufte er sich eine Druckerpresse, um seine Texte zu vervielfältigen . Laut Staatsbibliothek zu Berlin ist die älteste im Papieroriginal dort vorhandene Zeitung datiert auf den 30. Juni 1740. Auf Mikrofilm stammt die älteste Ausgabe einer in Berlin erschienenen Zeitung vom 16. August 1617.

In Lübeck beginnt die Zeitungsgeschichte laut Archivdirektor Jan Lokers (Foto) mit der ersten Ausgabe der „Lübeckischen Anzeigen“ am 6. März 1751, die seit 1870 auch Nachrichten brachte. Am 15. Juli 1882 erschien der erste „Generalanzeiger für Lübeck und Umgebung“; und 1883 gab es den „General“ – wie er damals genannt wurde – mit 3500 Exemplaren dreimal wöchentlich. Ab 1885 entwickelte sich der Lübecker General-Anzeiger – Vorläufer der LN – zu einer Tageszeitung mit liberaler Einstellung, so Lokers.

 Cosima Künzel

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