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Lübeck Lübecks Bausenatorin: „Die Brücken sind unsere Sorgenkinder“
Lokales Lübeck Lübecks Bausenatorin: „Die Brücken sind unsere Sorgenkinder“
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07:16 09.08.2017
Joanna Glogau (46, parteilos) ist seit Mai Bausenatorin. Quelle: Maxwitat

Lübecker Nachrichten: 100 Tage sind Sie jetzt Bausenatorin. Was war Ihre prägendste Erfahrung?
Joanna Glogau: Was schwierig in Lübeck ist, ist, dass viele Themen sehr emotional diskutiert werden. Das liegt daran, dass sie eine Vorgeschichte haben, die ich nicht immer in allen Einzelheiten kenne. Dann ist es manchmal ziemlich überraschend, welche Wendungen Gespräche nehmen – die eigentliche Sache scheint dabei in den Hintergrund zu rücken.

LN: Geben Sie ein Beispiel.
Glogau: Das Thema Bäume ist ein ganz emotionales Thema in Lübeck – nach wie vor. Da gibt es eine tatsächliche persönliche Betroffenheit. Ich versuche, gut zuzuhören und zu ergründen, was die Menschen wirklich bewegt. Vielleicht gelingt es mir so, den einen oder anderen Grabenkampf zu beenden.

LN: Was ist das größte Problem?
Glogau: Im Moment diskutieren wir den Verkehr sehr ausführlich. Wir haben sehr viele Beteiligte, die im Straßenraum bauen. Alles eigenständige Behörden – je mehr Akteure, desto schwieriger ist die Koordination. Aber ich möchte, dass wir gut im Gespräch sind. Es wird uns nicht gelingen, immer die städtischen Interessen gegenüber Land und Bund durchzusetzen. Aber ich werde immer wieder dafür werben. Es gibt eine übergeordnete Abstimmung, aber wir werden häufig erst kurzfristig informiert.

LN: Was tun Sie noch gegen den Stau, außer Gespräche zu führen?
Glogau: Erst einmal fahre ich persönlich Rad und Bus. Und das sehr konsequent. In Lübeck haben wir mehr als 50 000 Binnen-Pendler, also Menschen, die in Lübeck leben und arbeiten. Für den Verkehr in der Stadt ist es wichtig, wie diese Menschen von A nach B kommen.

LN: Das heißt konkret?
Glogau: Als Stadtverkehrsplanung wollen wir versuchen, den Anteil an Radfahrern zu erhöhen. Dazu bauen wir – wo das möglich ist – Radwege und Fahrradstraßen aus. Wir bringen Markierungen an, die dem Schutz des Radfahrers dienen. Diese Maßnahmen sind natürlich nicht immer konfliktfrei. Denn die Straße wird ja nicht breiter. Wenn wir dem Radfahrer mehr Raum zubilligen, dann müssen sich die anderen den verbleibenden Raum teilen. Wir müssen diese Rücksichtnahme aber einfordern.

LN: Wollen Sie die Lübecker zum Radfahren erziehen?
Glogau: Ich habe keine erzieherischen Ambitionen. Aber ich glaube, dass es gut ist, die Vorzüge des Fahrradfahrens stärker zu betonen. Jeder Quadratmeter ist nur einmal da. Alles nach dem Auto auszurichten und keinen Platz mehr für Busse, Radfahrer und Fußgänger zu haben, kann nicht die Alternative sein. Es ist nicht so, dass ich die Zwänge nicht kenne – ich bin selbst viele Jahre mit dem Auto zwischen Lübeck und Kiel gependelt. Mit Sicherheit ist aber das Stärken des Radfahrers im Stadtverkehr wichtig, um die Verkehrsbelastung insgesamt zu senken.

LN: Ist Freiburg Ihr Vorbild?
Glogau: Wir prüfen, ob deren Konzepte sich auf Lübeck übertragen lassen. Dass es Freiburg geschafft hat, den Anteil der Radfahrer zu erhöhen, war übrigens eine Entwicklung über viele Jahre.

LN: Die Wirtschaft würde sagen: Lübeck ist Hafen, Logistikstandort, . . .
Glogau: In der Innenstadt ist es sicher eine gute Sache, den Fahrradverkehr zu stärken. Das wird für den Hafen und den Zuliefererverkehr keine Lösung sein.

LN: Da sind wir bei Possehlbrücke und den Baustellen. Gibt es eine Lösung?
Glogau: Unsere besonderen Sorgenkinder sind die Brücken, die Nadelöhre dieser Stadt. Wir müssen sie ja instand halten – eine Sperrung ist keine Lösung. Wir werden mit den Baustellen eine Zeit leben müssen. Aber wir versuchen, die Beeinträchtigungen zu minimieren. Das machen wir mit vielen kleinen Maßnahmen, wie Ampelschaltungen zu optimieren – oder an der Possehlbrücke die Regel für die Radfahrer. Wir versuchen, sehr flexibel zu sein, und beobachten die Verkehrsentwicklung. Aber: Es gibt auch unterschiedliche Sichtweisen. An der Possehlbrücke gibt es Befürworter der Ampel – und Gegner.

LN: Was ist Ihr größtes Projekt?
Glogau: Was den Verkehr angeht, ist es die Possehlbrücke. Es ist eine sehr schwierige Baumaßnahme, der wir sehr viel Aufmerksamkeit schenken – und die wir voranbringen müssen. Die ist für die Stadt ganz wichtig, weil dann andere Baumaßnahmen folgen wie das Projekt Bahnhofsbrücke. Sie muss fertig werden.

LN: Und wird sie im Juni 2018 fertig?
Glogau: Das ist unser Plan.

LN: Ein Projekt, auf das Sie sich freuen?
Glogau: Worauf ich mich besonders freue, ist die Neugestaltung des Buddenbrookhauses. Das wird ein sehr spannendes und schönes Projekt, weil dort Baumaßnahme und Ausstellung ineinandergreifen. Es gibt aber auch kleinere Maßnahmen, die sehr, sehr spannend sein werden. Wie die Sanierung des Pavillons im Garten der Overbeck-Gesellschaft. Der ist zwar versteckt, aber ein Kleinod.

LN: Sehen Sie sich eher als Verwalterin oder als Gestalterin?
Glogau: Das eine lässt sich nicht vom anderen trennen. Sie müssen das Verwaltungshandeln beherrschen und auf dieser Klaviatur spielen können, sonst bekommen Sie nichts umgesetzt. Aber Sie müssen gestalterische Impulse setzen, sonst bekommen Sie bestimmte Maßnahmen nicht bewegt.

LN: Was ist Ihre Vision?
Glogau: Mir geht es um Zukunftsgestaltung, um einen transparenten Prozess dorthin. Konkret: Wir haben veraltete Planungsgrundlagen wie den Flächennutzungsplan oder den Verkehrsentwicklungsplan. Doch unsere Welt hat sich verändert. Mir geht es darum, mit neuen Plänen die Stadtentwicklung der Zukunft zu gestalten.

LN: Das klingt abstrakt. Gibt es ein Projekt, das Sie voranbringen wollen?
Glogau: Sind Sie enttäuscht, wenn ich sage: Das sehe ich nicht als meine Aufgabe an? Ich stelle die geordnete, städtebauliche Entwicklung in den Vordergrund. Ich glaube, es ist ein wirklich großer Erfolg, wenn es uns gelingt, den Flächennutzungsplan fortzuschreiben.

LN: Das heißt: Sie sind mehr die Frau für den großen Plan?
Glogau: Ja, das denke ich. Einen Flächennutzungsplan fortzuschreiben, ist nicht sexy, denn es ist eine abstrakte Ebene. Aber sie hat ganz konkrete Auswirkungen auf die Stadt und auf das einzelne Bauvorhaben. Im Augenblick behindert diese fehlende Grundlagenplanung einzelne Projekte. Wir müssen Zielabweichungen starten, dadurch dauern die Verfahren insgesamt länger. Wir haben Schwierigkeiten, Fördermittel einzuwerben, weil die Grundlagenplanung dafür fehlt – und und und. Wir müssen mit diesem Instrumentarium spielen, um einen Mehrwert für diese Stadt zu erhalten. Die Grundlagen zu schaffen, scheint mir der richtige und angemessene Weg zu sein.

Interview: Josephine von Zastrow

Sie setzt auf Kommunikation

1000 Mitarbeiter gehören zum Dezernat von Bausenatorin Joanna Glogau (46, parteilos). Zurzeit besucht sie ihre Leute in den Büros, auf Bauhöfen und Lagerplätzen. „Der persönliche Kontakt ist eine ganz wichtige Aufgabe“, sagt sie. Ihr Credo: „Kommunikation ist das A und O.“ Glogau wurde von BfL, FDP und Grünen für das Amt vorgeschlagen und von der Bürgerschaft mit Unterstützung der CDU gewählt.

LN

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