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Lübeck Lübecks Türken trauern um Terroropfer
Lokales Lübeck Lübecks Türken trauern um Terroropfer
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20:22 30.06.2016
Ayhan Mahnoli (55) verkauft in seinem Reisebüro viele Türkei-Reisen. Er spürt die wachsende Zurückhaltung der Kunden. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler (2), Kabel

„Jeder Türke hat einen Verwandten in Istanbul“, sagt Hasan Yildiz (49) vom Vorstand der Ditib-Moschee in der Fleischhauerstraße. Der Anschlag in der 15-Millionen-Metropole beschäftigt die Gemeinschaft der türkischen Einwanderer in Lübeck. In den Moscheen, in den türkischen Geschäften, in den Bekanntenkreisen ist er das beherrschende Thema. „Die Anteilnahme ist riesengroß“, sagt Hakan Demirok von der Türkischen Gemeinde Schleswig-Holstein in der Holstenstraße. „Die Anschläge tragen dazu bei, die Menschen in Angst zu versetzen, und sie haben auch wirtschaftliche Auswirkungen.“

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Unter den Einwanderern ist der Anschlag von Istanbul das beherrschende Gesprächsthema.

Große Einwanderergruppe

8035 Lübecker haben einen türkischen Migrationshintergrund (Stand 31. Dezember 2014). Die Türken sind damit nach den Polen die größte Einwanderergruppe. Wie viele von ihnen einen kurdischen Hintergrund haben, ist nicht statistisch erfasst.

Zu den wichtigsten türkischen Vereinen gehören die Türkische Gemeinde Schleswig-Holstein, mehrere Moscheevereine, der Kulturverein Türgem und der Türkische SV.

Das kann Ayhan Mahnoli (55) nur bestätigen. Er ist Inhaber eines Reisebüros in der Wahmstraße und macht einen großen Teil seines Umsatzes mit Türkei-Reisen. „Es hat eine neue Qualität bekommen“, sagt er über die Auswirkungen des Terrorismus. „In der Vergangenheit wurde die deutsche Kundschaft nach solchen Vorkommnissen zurückhaltender. Jetzt sind wir zum ersten Mal damit konfrontiert, dass wir von einem gebürtigen Türken hören: Nee, dieses Jahr verzichte ich auf den Türkei-Aufenthalt.“ Vor allem aber ist Mahnoli traurig. „Das Geschäft ist nicht das erste, woran wir denken. So schlimm wie jetzt ist es noch nie gewesen.“

Viele seiner Kunden sprächen über den Terroranschlag, sagt auch der Friseur Mustafa Tepe vom Salon Makay in der Königstraße. „Viele Leute sind traurig. Achtjährige, fünfjährige Kinder sind tot. Das ist schrecklich!“, entfährt es ihm. Ümit Özden (38), der nebenan im Phone Shop HL Handys verkauft, hat gleich nach dem Anschlag seine Verwandten angerufen, die in der Nähe des Flughafens wohnen. „Denen geht es gut. Aber es tut sehr, sehr weh, was da passiert ist.“ Trotzdem, sagt er, sei die Türkei immer noch ein sicheres Land. „Ich fliege vier Mal im Jahr dorthin.“ Wird er kein mulmiges Gefühl haben, wenn er das nächste Mal über den Atatürk-Flughafen einreist? „Nein. Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Wenn die Zeit kommt, wird es mich hier im Laden genauso erwischen.“

Die Trauer eint die türkischstämmigen Lübecker. In der politischen Bewertung allerdings gibt es Unterschiede. „Die Türkei hat meines Erachtens viele Fehler gemacht“, sagt der Reisekaufmann Ayhan Mahnoli. „Nach dem Motto: ,Der Feind meines Feindes ist mein Freund‘ wurden Gruppen unterstützt, die sich jetzt gegen die Türkei wenden.“ Sema Kul, die sich für die Türkische Gemeinde um die Integration von eingewanderten Müttern kümmert, sagt: „Ich glaube, dass Erdogan die Situation um die Türkei herum nicht realistisch eingeschätzt hat.“

Hasan Yildiz vom Moscheeverein dagegen räumt zwar Fehler der Regierung ein, beklagt aber vor allem die fehlende Unterstützung der Weltgemeinschaft. „Das Problem hätte vor fünf, sechs Jahren gelöst werden können, wenn die Uno gesagt hätte: Assad soll weg, Syrien soll eine Demokratie werden.“ Viele meinten, nur weil die IS-Kämpfer Muslime seien, habe die Türkei ein Auge zugedrückt. „Das sehe ich nicht so. Terrorismus hat keine Religion und keine Nationalität.“

Niemand rechnet damit, dass der Terror bald aufhören werde – weder in der Türkei noch anderswo. „Das kann überall passieren“, sagt Hakan Demirok von der Türkischen Gemeinde. Ayhan Mahnoli sagt: „Hundertprozentige Sicherheit wird es niemals geben. Es gibt einfach zu viele Verrückte, Perspektivlose und Irregeleitete.“

Hanno Kabel

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