Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck So funktioniert das „Probewohnen“ für Flüchtlinge
Lokales Lübeck So funktioniert das „Probewohnen“ für Flüchtlinge
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:03 20.02.2019
Glücklich in Moisling: Seit Mai 2018 leben Mila (v.l.). Samer Neameh, Najwa Kassis mit Sofia auf dem Arm, Loulia und Naya in einer großen Wohnung der „Trave“. Quelle: 54° / Christian Schaffrath
Lübeck

2013 stand das Team Flüchtlingsbetreuung der Hansestadt das erste Mal vor der Frage: Woher bekommen wir Wohnungen für Flüchtlinge, die aus den Gemeinschaftsunterkünften ausziehen wollen? „Es gab viele Vorbehalte, an Geflüchtete zu vermieten“, erinnert sich Ulrich Kewitz vom Team Flüchtlingsbetreuung, „wir mussten die Hemmschwelle herunterfahren.“

Die Hansestadt legte zusammen mit der Gemeindediakonie das Projekt Probewohnen auf. Die Idee: Skeptische Vermieter bekommen Sicherheit, indem die Gemeindediakonie als Mieter auftritt und die Hansestadt die Kosten übernimmt. Außerdem bekommen die Flüchtlinge eine Betreuerin oder einen Betreuer der Gemeindediakonie an die Seite, die auch Ansprechpartner für den Vermieter sind. Dieses Probewohnen dauert ein Jahr. Im Erfolgsfall übernehmen die Geflüchteten den Mietvertrag. Klappt das nicht, geht der Geflüchtete zurück in eine Gemeinschaftsunterkunft.

Seit 2012 stellte die städtische Grundstücksgesellschaft „Trave“ – hier der Geschäftsführer Matthias Rasch – 200 Wohnungen für das Probewohnen bereit. Quelle: 54° / John Garve

„Bei Wohnungsbaugesellschaften wie der ’Trave’ oder dem Bauverein haben wir Erfolgsquoten von 98 Prozent“, erklärt Claudia Schwatz, Bereichsleiterin soziale Sicherung, „bei den privaten Vermietern enden 75 Prozent mit der Übernahme des Mietvertrags.“ Matthias Rasch, Geschäftsführer der städtischen Grundstücksgesellschaft „Trave“: „Aus unserer Sicht als Vermieter ist das Probewohnen ein erfolgreiches Modell, Geflüchtete in den regulären Wohnungsmarkt zu bringen und in der Stadt zu verteilen.“ Seit 2012 habe die „Trave“ rund 200 Wohnungen an Geflüchtete vergeben. Rasch: „Aktuell bestehen noch für 15 Wohnungen Probewohnmietverhältnisse.“ Die meisten seien in reguläre Mietverhältnisse umgewandelt worden.

Carsten Droßmann, Prokurist des Bauvereins: „Wir hatten bisher noch nicht den Fall, dass sich Nachbarn beschwert hätten.“ Quelle: 54° / John Garve

„Die Zusammenarbeit mit der Gemeindediakonie verlief bisher sehr gut und die Flüchtlinge haben sich gut in die jeweiligen Hausgemeinschaften integriert“, sagt Carsten Droßmann, Prokurist des Lübecker Bauvereins, „bisher hatten wir auch noch nicht den Fall, dass sich Nachbarn bezüglich der Nichteinhaltung der Hausordnung beschwert hätten.“ 22 Probewohnverhältnisse seien in unbefristete Mietverhältnisse umgewandelt worden. Droßmann: „Aktuell haben wir noch zwei Probewohnverträge.“

Samer Neameh und Najwa Kassis sind glücklich mit ihrer 124-Quadratmeter-Wohnung in Moisling. Die „Trave“ hat zwei kleinere zu einer größeren Wohnung zusammengelegt. Seit Mai 2018 wohnt das syrische Ehepaar mit seinen vier Töchtern im Rumpelstilzchenweg. Die deutsche Sprache ist kein großes Problem, für die Töchter sowieso nicht, die Mülltrennung funktioniert auch reibungslos und Probleme mit den Nachbarn gebe es auch nicht, versichern Samer Neameh und Najwa Kassis.

Soziale Kompetenzen

Die Grundstücksgesellschaft „Trave“ hat das Projekt Probewohnen mit entwickelt. Auch anderen Personen, die Probleme haben, eine Wohnung zu finden, wird der Markt geöffnet. Bei Strafgefangenen, die entlassen werden, arbeitet die „Trave“ mit der Resohilfe zusammen. Beim Probewohnen für Flüchtlinge machen auch der Lübecker Bauverein, Vonovia und diverse private Vermieter mit.

Wohlfahrtsverbände wie die Gemeindediakonie suchen die Probebewohner aus und betreuen sie ein Jahr lang, suchen die Geflüchteten regelmäßig in ihren Wohnungen auf, helfen bei Anträgen oder Problemen und stehen als Ansprechpartner für die Vermieter bereit. Die Kosten für die Unterkunft übernimmt die Stadt, es sei denn, Flüchtlinge verdienen bereits selber genug Geld.

Voraussetzungen für die Geflüchteten sind Sprachkenntnisse und soziale Kompetenzen.

Wissenschaftler der HafenCity Uni in Hamburg und der Fachhochschule Erfurt untersuchen seit August 2016, was das Lübecker Probewohnen zur Integration von Geflüchteten beiträgt. In Lübeck wurden 20 Flüchtlingshaushalte von den Wissenschaftlern befragt. „Probewohnen ist ein wesentlicher Baustein für eine gelungene Integration“, berichtet Bereichsleiterin Schwartz von ersten Ergebnissen. Das funktioniere aber nur mit einer Betreuung. Schwartz: „Ohne Betreuung ist die Gefahr groß, dass das Probewohnen scheitert.“

Die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt macht aber auch dem Probewohnen-Projekt zu schaffen. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingszuwanderung standen 200 Wohnungen zur Verfügung, aktuell sind es noch 83. „Es gibt nicht mehr so viel Leerstand“, sagt Ulrich Kewitz, aber Geflüchtete stünden auch nicht mehr so im Blickpunkt.

„Wir brauchen vor allem große Wohnungen für große Familien“, appelliert Sozialsenator Sven Schindler (SPD) an Vermieter, „auch kleine Einfamilienhäuser oder Reihenhäuser an solche Familien zu vermieten.“ Derzeit leben in den städtischen Gemeinschaftsunterkünften 20 große Familien mit bis zu zehn Personen. Wer helfen kann, kann sich an die Hansestadt wenden (fluechtlingsunterbringung@luebeck.de).

Kai Dordowsky

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

124 Absolventen verließen 2018 die Musikhochschule. Wie es nach der Campus-Zeit weitergehen kann, zeigt das Beispiel des Duos „Poems for Jamiro“. Es ist Freitag live in Lübeck zu hören.

19.02.2019

Aus der verwilderten Fläche am Spargelhof soll ein kleiner Park werden. Die Politiker entscheiden im Herbst darüber, ob sie dafür auch Geld ausgeben wollen.

19.02.2019

Familie Büttner startet neu durch: Nach einigen kleinen Schönheitsreparaturen öffnen sich am Donnerstag wieder die Türen des Traditionslokals in der Mühlenstraße.

20.02.2019