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Lübeck Lübecks bunte, liebenswerte Meile
Lokales Lübeck Lübecks bunte, liebenswerte Meile
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22:13 03.09.2016
Bunt und vielfältig: Schon kurz nach 16 Uhr füllte sich die Clemensstraße, in der The Red Whips als erste Band aufspielten. Quelle: Fotos: Maxwitat (2), Neelsen
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Wer die einstige Bordellstraße am Vormittag eines beliebigen Werktages betritt, mag nicht so recht an den Wandel der roten Meile in eine bunte Meile glauben: Graffiti an fast allen ursprünglichen Jugendstil-Häusern, teils mit Brettern vernagelte Fenster, Müllcontainer und einfach in einem Karton abgestellte Altkleider vor der Haustür – und keine Menschenseele weit und breit.

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Die Clemensstraße hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt – Studentenwohnungen statt Bordell-Apartments, Feiern auf engstem Raum in der liberalen Zone – Clementis sind ein Völkchen für sich.

Szenenwechsel: Gestern brummte es nur so vor Menschen in der Clemensstraße, denn das dritte Clemensstraßen-Festival war angesagt. Ein Foodtruck mit veganem Essen, der „Tonfink“, „One Fair Trade“ mit seinem Joghurteis-Fahrrad und etliche andere hatten sich in der engen Straße postiert. Die Straße füllte sich ab 16.30 Uhr mehr und mehr – Menschen mit kleinen Kindern, alte Damen, bunt gewandete junge Leute schlenderten an den Ständen vorbei und lauschten der Musik der Lübecker Band The Red Whips, die das Festival eröffnete.

Sebastian Vogl (35) und Neele Brümmer (21) waren eigens wegen der Band gekommen. Sie probierten das aus Kaffeekirschen hergestellte, koffeinhaltige Getränk „Caté“, das der Lübecker Bastian Muschke vor zwei Jahren „erfunden“ hat. „Schmeckt irgendwie Richtung Eistee, schön fruchtig“, sagt Sebastian. Später am Tag hatten sich übrigens noch Poems for Jamiro, Matten Zwei, Welcome inside the Brain und DJ Kollektiv Katzenhaus angesagt.

Der Erlös des Festivals soll übrigens für einen guten Zweck gespendet werden – für ein Kinder-Projekt im Senegal. Organisiert haben das Fest Drew Hickling (28) und Lennart Ohm (24), die häufig zu Gast in der Clemensstraße sind und vor einem halben Jahr die Firma „Show & Shine“ Veranstaltungstechnik gegründet haben, mit der sie schon zweimal den Strandsalon und einmal den Krähenteich technisch ausgestattet haben. Ihr Ansprechpartner in der Clemensstraße steht hinterm Tresen in der „No. 12“: Lutz Zimmermann (53). „Die ersten beiden Feste waren unfassbar schön“, sagt er. Mit einigen sehr schrägen Aktionen, wie er schmunzelnd berichtet. Nie käme er auf die Idee, den Jungs ins Programm zu quatschen.

Der Mann, der als Bühnen- und Beleuchtungstechniker die ganze Welt gesehen hat, kam zurück in seine Heimatstadt. „Eigentlich“, sagt Zimmermann, „wollte ich die Bar gar nicht machen, aber dann hat mich Jörg Sellerbeck bequatscht.“ Der Wirt der „No.12“ liebt die Clemensstraße mit all ihren Facetten. Er schwärmt nicht nur von „Lübecks einzigem Jugendstil-Ensemble inmitten dieser Backstein-Wüste“ und einer Straße, die schon ursprünglich zum Feiern gebaut sei. Der Kiez Clemensstraße sei „unglaublich liberal“ und bunt. Dass die von der Stadt in Haus Nr. 7 untergebrachten Mieter teils etwas problematische Verhaltensweisen an den Tag legten, störe ihn nicht. „Zu einem funktionierenden Kiez gehört auch, dass die Leute, die nicht so gut klar kommen, auch einen Raum haben.“

Der „Blaue Engel“, das Herz der Clemensstraße, wurde einige Jahre von Studenten geführt. Doch irgendwann ist das Studium zu Ende, die Akteure ziehen weg. Inzwischen führt Gastronom Arne Mangold die Kultkneipe, in der jeden Mittwoch das „Café Welcome“ für Flüchtlinge stattfindet. Zimmermann ist der festen Überzeugung, dass eines Tages wieder mehr Studenten hier Einzug halten. „Ich liebe diese Straße und weiß, dass sie sich gut entwickeln wird.“

Historie

1722 führt ein gewisser Hinrich Eggers in der kleinen Straße, die bis 1927 Clemenstwiete heißt, einen Betrieb namens „Der weiße Engel“. Ab 1800 taucht das Haus in Lübecker Adressbüchern immer wieder als „Engel“ auf, jetzt wohl bereits unter Leitung diverser Bordellwirte.

1900 wird das gesamte Lübecker Bordellwesen in der Clemenstwiete zusammengeführt, der Bereich zur Böttcherstraße hin abgesperrt.

2006 schließt das letzte Bordell, 2007 wird der Bebauungsplan geändert – die Clemensstraße ist jetzt Mischgebiet. Wenig später erwirbt Jörg Sellerbeck die Häuser 8 und 10 und saniert sie. Auch der gebürtige Lübecker Heinrich Holk investiert, kauft die Häuser 5, 6 und 12 und verpachtet sie zum Teil an Studenten. 2009 übernimmt Künstler Tiemo Schröder die 5, saniert das Haus und führt es seitdem als Atelierhaus.

 Sabine Risch

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