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Lübecks offene Brandwunde

Was geschah wirklich im Januar 1996? Lübecks offene Brandwunde

Der Fall Hafenstraße: 20 Jahre nach dem Feuer in der Asylbewerberunterkunft mit zehn Toten ist noch kein Täter ermittelt. LN Online zeigt mit einem Online-Dossier in Bild, Wort und Video, was über den Fall bekannt ist.

Die Brandkatastrophe an der Lübecker Hafenstraße: Zehn Menschen verlieren 1996 ihr Leben. Die Feuerwehr kämpft gegen das Flammenmeer, ein Wagen mit einer aus der Reserve herangezogenen Drehleiter stürzt bei den Löscharbeiten gegen das brennende Haus.

Quelle: Wolfgang Langenstrassen

Lübeck.. Es wurde ein Tag, an dem ganz Lübeck weinte. Frühmorgens, noch im Dunkeln, waren die Feuerwehren auf eisigen Straßen ausgerückt, weil eine Asylbewerberunterkunft an der Hafenstraße brannte. Sechs Kinder und vier Erwachsene konnten nicht mehr gerettet werden. Sie starben in den Flammen. 35 Asylsuchende wurden verletzt, viele schwer. Die Ermittler waren sicher, dass das Feuer im Haus gelegt worden war, in der ersten Etage, vielleicht zusätzlich im Eingangsbereich. Der Brandanschlag aber wurde nie aufgeklärt. Der oder die Täter sind bis heute nicht gefunden.

Ideologisch beladener Streit

Die Tragödie ist über die vielen Jahre eins geblieben: ein ideologischer Streit darüber, ob der Brand von Rechtsradikalen oder einem oder mehreren Asylbewerbern selbst gelegt worden ist. Er nährt eine Diskussion darüber, ob unsere Justiz immer mit gleich scharfem Schwert in alle Richtungen ermittelt. Je nach politischer Couleur steht das Urteil fest – in einhelliger Ignoranz der Faktenlage. Die nämlich ist erstaunlich dünn, auch zum 20-jährigen Jahrestags des Feuers am 18. Januar 2016. Wird es Zeit für eine neue Sicht der Dinge?

Ein Online-Dossier zum Brand in der Hafenstraße - unter anderem mit dem Augenzeugenbericht einer damaligen Lokalreporterin im Video, einer interaktiven Timeline zu den Geschehnissen und einer Grafik vom Brandhaus - finden Sie unter www.LN-Online.de/Hafenstrasse

Die Menschen, die in dem viergeschossigen Gebäude, einem früheren Seemannsheim etwas außerhalb der Lübecker Alstadt, eine Bleibe gefunden hatten, kamen aus Angola, aus Zaire, aus Togo, aus dem Libanon. In ihrer Heimat tobten Bürgerkriege. Die Menschen wollten vor allem eines: ein besseres Leben. Eine einzige Nacht hat diesen Traum brutal zerstört.

Die Menschen, die an jenem Morgen vor dem Brandhaus stehen, liegen sich in den Armen. Unter ihnen sind neben Schaulustigen auch Hausbewohner, die die Flucht aus den Flammen nur leichtverletzt überlebt haben. Sie werfen sich auf den nassen Boden und schreien vor Verzweiflung, während die Zahl der Kamerawagen von Fernsehsendern anwächst. Andere schweigen. Stehen da wie paralysiert. Sie stehen unter Schock.

Es ist gerade erst hell, als Staatsanwaltwalt Michael Böckenhauer vor der rauchenden Brandruine eine improvisierte Pressekonferenz gibt. Es gebe einen Verdacht gegen vier Mecklenburger. Die jungen Männer aus Grevesmühlen werden vorläufig festgenommen. Ausländerhass soll ihr Motiv sein. Ein Taxifahrer will sie am Lübecker Hauptbahnhof gesehen haben. Der Kassenbeleg einer Tankstelle, die nur sechs Kilometer südlich des Tatorts liegt, beweist, dass die Grevesmühlener zur Tatzeit in Lübeck waren. Drei der vier Verdächtigen haben frische Spuren versengter Haare. Sie liefern dafür haarsträubende Erklärungen.

Vier Neonazis unter Verdacht

Ein schneller Fahndungserfolg ist das, was an jenem Januartag 1996 von allen herbeigesehnt wird. Gut und Böse lassen sich so einfacher in Schubläden schieben. Mölln ist nur 32 Kilometer entfernt. Dort stecken drei Jahre vorher Neonazis zwei von Türken bewohnte Häuser in Brand. Drei Menschen sterben. 1994 haben Neonazis einen Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge verübt. Die Stadt steht am Pranger. National und international.

Doch wie sich herausstellt, haben die Lübecker Ermittler vorschnell gehandelt. Der Verdacht gegen die jungen Leute, die der rechtsradikalen Szene zugerechnet werden, lässt sich angeblich nicht weiter erhärten. Obwohl einer der Verdächtigen vor einem Justizbeamten ein Geständnis abgelegt hat, es nach dem Besuch der Kripo widerruft. Stattdessen gerät ein Hausbewohner ins Visier der Fahnder. Er heißt Safwan E., ein Libanese. Einem Rettungssanitäter gegenüber soll er die Tat gestanden haben („wir waren’s“).

Sein Motiv soll ein Streit unter Nachbarn sein. Acht Monate später wird Safwan E. in Lübeck der Prozess gemacht. Im Sommer 1997 wird er freigesprochen. Doch der Bundesgerichtshof hebt das Urteil auf. Ein zweiter Prozess gegen den Libanesen vor dem Landgericht Kiel endet im November 1999 erneut mit einem Freispruch. Größte Panne der Anklage: Ein BKA-Dolmetscher hat Einlassungen von Safwan E. fehlerhaft übersetzt.

Bürgerrechtsorganisationen fordern eine Wiederaufnahme der Ermittlungen gegen die ersten Tatverdächtigen aus Mecklenburg. Auch Ex-Bürgermeister Bouteiller will das. Die Kritiker werfen der Staatsanwaltschaft schlampige Ermittlungen vor. Gabriele Heinecke, Anwältin von Safwan E., wird deutlicher: „Das war eine Vertuschungsaktion von staatlicher Seite. Die Staatsanwaltschaft hat offen die Verteidigung der Grevesmühlener übernommen.“ Ein hinreichender Tatverdacht gegen die Grevesmühlener habe immer bestanden. „Wenn die Staatsanwaltschaft sich nicht bewegt, muss sich ein Untersuchungsausschuss des Landtags mit dem Hafenstraßen-Brand befassen“, fordert Heinecke. Warum? „In den 90er Jahren hat es, wie wir heute wissen, mehr rechtsradikale Straftaten gegeben, als wir uns seinerzeit vorstellen konnten.“

Die Lübecker Anklagebehörde sieht keinen Anlass, die Ermittlungen wiederaufzunehmen. Es gebe keine neuen Erkenntnisse. Über die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses entscheide allein der Landtag, erklärt Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW). Heinrich Wille, damaliger Chefermittler der Staatsanwaltschaft, hält eine Wiederaufnahme des Verfahrens für Unsinn. „Merkwürdigkeiten sind keine Beweise“, sagt er.

Die Sammelunterkunft an der Hafenstraße ist längst abgerissen. An ihrer Stelle steht ein schlichter grauer Gedenkstein auf einem Parkplatz. Die verdächtigten Grevesmühlener leben weiter in Mecklenburg-Vorpommern. Safwan E. ist noch in Deutschland zu Hause. Lübeck hat er verlassen.

Von Curd Tönnemann

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In einem Dossier haben wir die wichtigsten Fakten zu dem furchtbaren Brand in der Lübecker Hafenstraße 1996 zusammengestellt. Mit Grafiken, Videos, einer interaktiven Timeline und Berichten.

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