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Lübeck Lübscher Polizeiterror in NS-Zeit
Lokales Lübeck Lübscher Polizeiterror in NS-Zeit
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22:26 14.08.2018
Lübeck

Er kann sprichwörtlich aus den Vollen schöpfen. „Denn es gibt zu dieser Zeitepoche viele bedeutende Akten im Stadtarchiv“, sagt Dr. Jan Lokers, „den Umfang in Seiten kann man aber nicht genau bemessen.“ Der Archivdirektor ist über das Promotionsvorhaben sehr erfreut; schließlich sei schon viel über die mittelalterliche und ältere Geschichte der Hansestadt recherchiert worden, aber im Vergleich dazu viel weniger zum 20. Jahrhundert.

Deshalb hat Lokers schon vor einiger Zeit einen Katalog mit Forschungsthemen erstellt, und auf dieser Liste findet sich auch das brisante Polizei-Thema. „Ich habe nach meinem Master an der Uni Hamburg ein Praktikum im Lübecker Stadtarchiv gemacht, und seitdem ist der Kontakt eigentlich nie abgerissen“, erklärt Doktorand Eike Daniel Loeper, der selbst aus Mölln stammt, „und das Thema hat mich dann sofort interessiert.“

Es soll vor allem untersucht werden, welche Kontinuitäten und Brüche in der Organisations- und Personalstruktur der Polizei im Vergleich zu anderen norddeutschen Städten festzustellen sind. Und aus den Quellen zu Verfolgung und Widerstand in der NS-Zeit sollen darüber hinaus Erkenntnisse über die Biografien der Täter gewonnen werden, allen voran Polizeipräsident Walther Schröder und dessen Stellvertreter Joachim Petsch sowie die Gestapoleiter Wilhelm Bock und Alexander John.

Für Archivchef Jan Lokers stellt sich die Frage: „Wie hat der Terrorapparat vor Ort eigentlich genau funktioniert? Schließlich gibt es die Aussage, dass die Gestapo in Lübeck nur aus 35 Mann bestand.“ Wie habe man also mit dieser überschaubaren Personaldecke so viel Druck in der Bevölkerung erzeugen können, so dass nur ganz wenige es gewagt hätten, den Mund aufzumachen. „Wahrscheinlich gab es ein etabliertes Netzwerk an Denunzianten“, spekuliert er vorsichtig. Leider seien die Akten der Gestapo 1945 kurz vor Kriegsende – wie in vielen anderen Städten auch – noch schnell beseitigt worden.

„Historisch bemerkenswert ist ebenfalls die Tatsache, dass etliche Spitzenbeamte aus Lübeck unter den Nazis richtig Karriere gemacht haben“, so Lokers. „Es gab eine Riege von Lübecker Männern, die sich einen Ruf erarbeitet haben, der bis nach Berlin drang. Im Sinne Hitlers müssen das ,tüchtige Männer‘ gewesen sein“, merkt er noch sarkastisch an.

Beispiel Polizeipräsident Walther Schröder – schon 1925 in die NSDAP und SA eingetreten ging es für ihn nach 1933 in der Hansestadt stets bergauf; über die Ämter als „Senator der inneren Verwaltung“

und „Polizeiherr“ wurde er schließlich SS- und Polizeiführer in Lettland und damit einer der Hauptakteure im Kernland des Mordes an den Juden im Baltikum und Teilen Weißrusslands.

In Riga arbeitete er mit Otto- Heinrich Drechsler, Lübecks Oberbürgermeister, zusammen. „Dorthin wurden im Dezember 1941 die Lübecker Juden deportiert, die von diesen Männern schon in ihrer Heimatstadt verfolgt worden waren – eine ganz furchtbare Episode der Geschichte“, erklärt Lokers. Von Schröder sei das Zitat überliefert: „Ich war ein Schöngeist und habe mich um diese Dinge nie gekümmert.“

Polizei und Nationalsozialismus – Stadtarchiv sucht Fotos und Dokumente

Bis 1980 war die Polizeiverwaltung in Lübeck im ehemaligen Gestapo-Gebäude, dem Zeughaus, untergebracht, in dessen Keller Gefangene von den Nazis verhört, gefoltert und in die Vernichtungslager abtransportiert worden sind.

Im Jahr 2002 war eine Ausstellung im Behördenhochhaus zu sehen, die sich einem ganz dunklen Kapitel der Polizei-Historie widmete. So wurde 1942 in Lübeck das „Polizeibataillon 307“

aufgestellt. Geworben wurden aktive Polizisten und Zivilisten, die zu alt für den Wehrmacht- Dienst waren. Die bis zu 500 Männer verübten Massenmorde in Osteuropa.

Wer Fotos und Dokumente zum Thema „Die Lübecker Polizei zwischen Demokratie und Diktatur“ hat – Kontakt zum Stadtarchiv: Telefon 0451/1224150, E-Mail archiv@luebeck.de, jan.lokers@luebeck.de

Michael Hollinde

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