Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Mädchen und junge Frauen in der Suchtfalle
Lokales Lübeck Mädchen und junge Frauen in der Suchtfalle
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:36 21.09.2017
Die ständige Nutzung des Smartphones kann sich zu einer Sucht entwickeln. Gerade bei jungen Menschen steigt die Zahl der Betroffenen immer weiter. Quelle: Fotos: Hollinde, Epd
Anzeige
St. Jürgen

Eine Botschaft ist Dr. Gallus Bischof besonders wichtig: „Sucht als Krankheit hat völlig zu Unrecht einen schlechten Ruf; sie gilt als ein psychisches Leiden wie andere auch und hat nichts mit Schuld oder moralischem Versagen zu tun.“ Es handele sich schlicht um ein erlerntes Verhalten, das in eine Sackgasse geführt habe, die man mit guten Erfolgsaussichten wieder verlassen könne, stellt der Experte klar.

Suchtleiden zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Mit den Folgen haben sich in den vergangenen drei Tagen 400 Experten auf dem 10. Deutschen Suchtkongress auf dem Uni-Campus befasst.

„Entstigmatisierung“ sei also angesagt, so sein Plädoyer, dem sich sicherlich auch die anderen 400 Sucht-Fachleute anschließen, die sich drei Tage lang zu ihrer Jahrestagung erstmals auf dem Uni-Campus getroffen haben. Es ist die größte Veranstaltung zum Thema Abhängigkeitserkrankungen in Deutschland.

Dass das Thema Sucht sowohl eine gesundheitspolitische als auch eine gesellschaftliche Herausforderung ist, zeigen folgende Zahlen: 1,8 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig, gut eine halbe Million sind glücksspielsüchtig, etwa 560000 Bundesbürger onlineabhängig. „Und 1,8 Millionen können als medikamentenabhängig eingestuft werden“, ergänzt der Kongresspräsident, der ansonsten in der Lübecker Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie tätig ist.

Eins der großen Themen, das laut Bischof in den vergangenen Jahren in der Forschung boomt, ist – wie erwartet – die Abhängigkeit von digitalen Medien. Schädlicher Gebrauch und süchtige Nutzung nehmen hier vor allem bei jüngeren Menschen deutlich zu. Der Präsident der Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie, Prof. Rainer Thomasius, bilanziert, etwa zehn Prozent der Patienten in kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen seien internetsüchtig.

„Aber oftmals wird die Problematik zu spät erkannt, so dass man nicht mehr sehr viele eigene Handlungsmöglichkeiten hat und schon eine Therapie angeraten ist“, weiß Experte Dr. Kai Müller von der Universitätsmedizin Mainz. Ein wesentliches Kriterium, um die Abhängigkeit bei Betroffenen rechtzeitig zu erkennen, sei der vorhandene Kontrollverlust und die verminderte Steuerungsfähigkeit des problematischen Verhaltens.

„Hobbys, Freunde, Kontakte spielen auf einmal nur noch die zweite Geige hinter dem Smartphone oder werden komplett vernachlässigt“, führt der Diplom-Psychologe aus. Er empfiehlt Eltern, frühzeitig mit dem Kind in einen „konstruktiven“ Dialog zu treten und rät zu einem Maßnahmenkatalog – „zum Beispiel kann es sinnvoll sein, feste nutzungsfreie Tage oder Zeiträume zu vereinbaren; Motto ,Dann kommt das Handy in die Handygarage’“. Außerdem verweist er darauf, dass Eltern auch Vorbild seien und ebenfalls eine verantwortungsvolle Nutzung eines Handys oder des Internets beherzigen sollten.

„Wir beobachten auch neue Suchtgefahren im Bereich der sozialen Netzwerke, vor allem bei Mädchen und jungen Frauen. Dieses Feld ist bisher relativ wenig erforscht“, sagt Dr. Hans-Jürgen Rumpf, der in Lübeck die Uni-Forschungsgruppe „Substanzbezogene und verwandte Störungen“ leitet (die LN berichteten). „Wir haben gute Behandlungsmöglichkeiten“, so der Hinweis seines Mainzer Kollegen Müller, „aber wir müssen die Betroffenen auch erreichen können.“ In den entsprechenden Therapie-Einrichtungen finde man meist Jungs und Männer, die eher mit Onlinespielsucht zu kämpfen haben.

Um Süchten vorzubeugen, sei es generell wichtig, „Menschen in ihrer Persönlichkeit zu stärken“, betont Dr. Gallus Bischof, der in seiner Funktion als Vizepräsident der Gesellschaft für Suchtpsychologie den Kongress nach Lübeck geholt hat. Und bezüglich Alkohol und Nikotin appelliert er, die Verfügbarkeit dieser Produkte weiter einzuschränken – „das ist hier nachweislich das wirksamste Präventionsmittel.“

 Von Michael Hollinde

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige