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Lübeck Mehrheit gegen Kailine: Freude auf der Wallhalbinsel
Lokales Lübeck Mehrheit gegen Kailine: Freude auf der Wallhalbinsel
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11:45 30.08.2013
Grillparty vorm geretteten Hafenschuppen F: Janet Becker (v.l.), Thiemo Koch, Daniela Ketels, Butch Speck und Andreas Wangnick von der Bürgerinitiative Rettet Lübeck (Birl) feiern, dass das Projekt Kailine gekippt worden ist. Quelle: Fotos: Lena Schüch, Ulf-Kersten Neelsen (3)
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Aus für Kailine: Mit 26 von 48 Stimmen haben CDU, Grüne, Linke, Bruno Böhm (Freie Wähler) und Bastian Langbehn (Die Partei) das umstrittene Millionen-Projekt auf der Nördlichen Wallhalbinsel gekippt.

Für Kailine votieren SPD, FDP, Pirat Oliver Dedow und der Grüne Carl Howe, der als einziger seiner Fraktion für das Vorhaben stimmt. Die Bürger für Lübeck (BfL) enthalten sich. Zudem soll es eine Öffentlichkeitsbeteiligung geben, und ein Bürgerentscheid soll geprüft werden. Damit bleiben die historischen Hafenschuppen stehen und werden nicht abgerissen. Vorangegangen ist eine engagierte, hitzige, vierstündige Debatte.

„Heute treffen wir eine historische Entscheidung“, eröffnet CDU-Fraktionschef Andreas Zander den Rede-Marathon. Er warnt vor einem 40-Millionen-Euro-Risiko, wenn Kailine nicht gestoppt und der Bau von 425 Luxuswohnungen realisiert wird. Der SPD wirft Zander „Tricksereien“ vor, die den Grünen mit einem geplatzten Bündnis gedroht hat, um eine Zustimmung zu erzwingen. „Die Zeiten haben sich geändert“, ruft er. „Spätestens nach Stuttgart 21 sind größere Bauprojekte nur noch mit einer breiten öffentlichen Beteiligung möglich.“ Und Hauke Wegner (CDU) warnt: „Was die Abriss-Befürworter vorhaben, wird weder bei der jetzigen noch bei den nachfolgende Generationen auf Zustimmung stoßen.“

An der Seite der CDU stehen die Grünen. Nicht die Investoren, sondern die Bürger seien entscheidend, so Vormann Thorsten Fürter. „Welches Verhalten ist wichtig für unsere Stadt?“ Und: „Diese Fläche vor den Toren der Altstadt ist zu schade für diese Bebauung.“ Linken-Fraktionschefin Antje Jansen gibt zu: „Wir Linken haben damals mit Grünen und der SPD einen Entschluss gefasst, der nicht auf die Zustimmung der Bevölkerung stößt.“ Auch Ragnar Lüttke (Linke) ist überzeugt: „Es ist eine Bebauung, die die Bürger so nicht wollen.“

Auf der Gegenseite: die SPD. Der ist etwas ganz anderes wichtig. „Investoren werden hier keine Kosten eines Architektenwettbewerbs mehr übernehmen“, warnt Fraktionschef Jan Lindenau. Er vermutet:

„Dem Investor wird der Stuhl vor die Tür gestellt — aus politischen Gründen.“ Früher hätten CDU und Grüne für eine Bebauung der Nördlichen Wallhalbinsel gestimmt. „Und damals sollte dort ein Klein-Manhattan entstehen.“ Auch Thomas Rathcke (FDP) reagiert erstaunt: „Die Linken und Grüne waren doch für Kailine, um soziale Projekte finanzieren.“

Der komplette Senat kämpft für Kailine. „Denken Sie an den Schaden, den Sie dieser Stadt zufügen“, appelliert Bausenator Franz-Peter Boden (SPD) an die Politiker. Man könne seine Meinung nach der Kommunalwahl nicht einfach ändern. „Da muss mehr Verlässlichkeit her.“ Wirtschaftssenator Sven Schindler (SPD):

„Lübecks Perspektiven werden mit Füßen getreten.“ Sein Fazit: „Das ist ein historisch schwarzer Tag für Lübeck.“

Nach der Entscheidung um 21 Uhr sind die Investoren geknickt. Volker Schlüschen: „Ich werde jetzt klagen.“ Er sei stark enttäuscht, „dass sich die ganze CDU dem privaten Rachefeldzug von Andreas Zander anschließt“. Zander habe unter Zeugen erklärt, dass er für das Projekt sei, „aber SPD und KWL ans Bein pinkeln will“. Zander weist diese Darstellung zurück. „Diese Äußerung ist nicht von mir gekommen.“ Er behalte sich rechtliche Schritte gegen Schlüschen vor. Der Chef des Koordinierungsbüros Wirtschaft in Lübeck (KWL), Dirk Gerdes, muss die zweite Ausschreibung von Baufeldern jetzt abblasen. Gerdes setzt Hoffnung auf einen möglichen Bürgerentscheid. „Ich bin sicher, dass die Mehrheit der Bürger für Kailine stimmt.“

Am Hafenschuppen F verfolgen Mitglieder der Bürgerinitiative Birl die Debatte per Radio. Als der Stopp beschlossen ist, wird gejubelt. „Jetzt geht die Arbeit erst richtig los“, freut sich Butch Speck. „Wir wollen eine Bürgergenossenschaft gründen, das Quartier übernehmen — und mit einem neuen Nutzungskonzept verpachten.“

Saxe: „Eine ziemlich unheilige Allianz“
Mit ungewohnt drastischen Worten hat Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) gestern den Stopp für das umstrittene Bauprojekt Kailine auf der Nördlichen Wallhalbinsel kommentiert. In Lübeck habe sich „eine ziemlich unheilige Allianz aus Investitionsverhinderern und Zukunftsverweigerern gebildet“, wetterte der Rathaus-Chef. Zugleich kündigte Saxe an, dass er die Verkaufsvorlage an die Investoren Volker Schlüschen und Jürgen Wernekinck nicht zurückziehen werde. „Ich denke überhaupt nicht daran, die Vorlage wird der Bürgerschaft Ende September vorgelegt.“ Dazu sei er aufgrund der früheren Beschlüsse verpflichtet.
Der SPD-Politiker warf den Neinsagern vor, dass es einigen von ihnen gar nicht um die „schrottigen Hafenschuppen“ gehe, sondern darum, dem mit der Kailine-Vermarktung beauftragten Koordinierungsbüro Wirtschaft in Lübeck (KWL) „eins auszuwischen“. Saxe warnte erneut vor den Folgewirkungen eines Kailine-Stopps. Mehrere andere Investoren hätten sich bereits bei der Stadt gemeldet und sorgenvoll nachgefragt, ob sich die Bürgerschaft auch andere Entscheidungen anders überlegt. Der Bürgermeister lud die Abgeordneten ein, ihn zur Immobilienmesse ExpoReal in München zu begleiten, wo Lübeck in den vergangenen Jahren für die Bebauung der Nördlichen Wallhalbinsel geworben hatte. „Fahren Sie mit und hören Sie sich das Echo an.“ Vergeblich appellierte der Rathaus-Chef an die Abgeordneten, das Millionenprojekt nicht zu stoppen. dor

Josephine von Zastrow und Kai Dordowsky

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