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Lübeck Messerstecher-Prozess: 71-Jähriger für Jahre hinter Gitter
Lokales Lübeck Messerstecher-Prozess: 71-Jähriger für Jahre hinter Gitter
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21:43 09.02.2016
Polizeibeamte nehmen den 71-jährigen Tatverdächtigen nur kurz nach der Tat im Mai 2015 fest. Quelle: Holger Kröger

Heinz W. (Name geändert) ist wegen gefährlicher Körperverletzung zu acht Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden — der 71-Jährige wird voraussichtlich nie wieder in die Freiheit zurückkehren. „Es ist davon auszugehen, dass der Angeklagte seinen Lebensabend hinter Gittern verbringen muss“, sagte der Vorsitzende Richter Christian Singelmann gestern in der Urteilsbegründung. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass W. im Mai 2015 seinen Nachbarn Michael F. (Name geändert) mit einem Messer angegriffen und lebensgefährlich verletzt hatte.

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Das Gericht folgte mit seinem Urteil nicht der Einschätzung von Oberstaatsanwältin Ulla Hingst, die die Tat in ihrem Plädoyer als versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung gewertet hatte. W.s Verteidiger Thomas Schüller plädierte dagegen ausschließlich für eine Einstufung als gefährliche Körperverletzung. „Entgegen der Auffassung der Staatsanwaltschaft konnten wir nicht sicher ein Motiv feststellen“, sagte Richter Singelmann gestern. So sei kein konkreter Tötungsvorsatz nachweisbar gewesen.

Das Gericht sah es aber als erwiesen an, dass der volltrunkene Heinz W. sein ebenfalls alkoholisiertes Opfer Michael F. im Mai 2015 frühmorgens nach einer durchzechten Nacht mit diversen Rum-Cola-Mischungen mit einem Messer angriff und 20 Mal auf ihn einstach. Dabei habe der 71-Jährige seinem Opfer die drei „primär lebensgefährlichen“ Verletzungen am Herzen zugefügt. Anschließend habe der Verurteilte laut Singelmann F.s Telefon genommen, „in die Toilette geworfen“ und sich in einem Gartenschuppen vor der Polizei versteckt. 

Doch die Gründe und der genaue Tathergang ließen sich laut Gericht nicht zweifelsfrei rekonstruieren. Im Prozess habe W. „ausweichend geantwortet und kam nicht auf den Punkt“, so Singelmann. Mal habe der 71-Jährige das Messer gefunden und wollte es eigentlich wegwerfen — F. sei daraufhin auf ihn losgegangen. In einer anderen Variante sei der 55-Jährige mit einer Flasche auf den Angeklagten losgegangen, daraus sei ein Gerangel entstanden. Daran, dass er zugestochen habe, konnte sich W. bei beiden Schilderungen nie erinnern — er müsse es aber wohl gewesen sein, gab er zu. 

Singelmann: „Das geht in die Richtung eines Geständnisses.“

Aber auch F. schilderte mindestens zwei Versionen: Vor Gericht sagte er aus, er habe geschlafen und sei durch die Stichverletzungen wachgeworden. „Dagegen spricht aber die Spurenlage“, sagte Richter Singelmann. Auf dem Bett sei kein Blut gefunden worden, zudem hatte der 55-Jährige Abwehrverletzungen. Gegenüber der Polizei hatte F. angegeben, er habe ein Rollo hochziehen wollen. Als er deshalb neben W. stand, sei dieser mit dem Messer auf ihn losgegangen. „Fest steht nur, dass es zwischen beiden irgendwie Ärger gab“, resümierte Singelmann, „es war eine Auseinandersetzung zwischen zwei Alkoholikern.“

45 seiner 71 Jahre saß Heinz W. bereits im Gefängnis, unter anderem ab 1980 wegen Totschlags sowie ab 1991 wegen sexueller Nötigung und Missbrauch eines Kindes. Deshalb schloss sich das Gericht der Staatsanwaltschaft an, nach der Haftstrafe eine Sicherungsverwahrung anzuordnen. W. wisse nur allzu gut, „dass er unter Alkohol zu Gewalttaten neigt“. 

Aus diesem Grund — und weil W. „für die Allgemeinheit gefährlich ist“ — entschied sich das Gericht für die Sicherungsverwahrung. Singelmann: „Vor diesem Hintergrund ist es letztlich auch egal, wie hoch die Gefängnisstrafe ausgefallen ist.“

Peer Hellerling

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