Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Messerstecherei: Freispruch für 76-Jährigen
Lokales Lübeck Messerstecherei: Freispruch für 76-Jährigen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:50 14.11.2016
Anzeige
Lübeck

Vehbi S. (alle Namen geändert) ist freigesprochen worden. Richter Christian Singelmann verkündete gestern früh am Lübecker Landgericht das Urteil im Prozess um einen versuchten Ehrenmord. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der 76-Jährige die Tat nicht begangen hat, und er kommt auch nicht auf freien Fuß, sondern wird in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Außerdem muss er 30400 Euro Schmerzensgeld an das Opfer Irfan H. zahlen und die Kosten des Verfahrens tragen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Vehbi S. am 30. März den heute 74-jährigen Irfan H. lebensgefährlich verletzt hatte.

„Die wahnhafte Störung besteht bis heute fort.“ Christian Singelmann,

Richter

Weil er vermutete, dass seine Ex-Frau vor Jahren ein sexuelles Verhältnis mit H. hatte, lauerte S. dem Opfer vor einer Sportsbar am Lübecker Zob auf und griff es an (die LN berichteten). Mit einer elf Zentimeter langen Klappmesserklinge verletzte S. den vermeintlichen Kontrahenten so sehr, dass dieser notoperiert werden musste und bis heute unter den Folgen der Attacke leidet. „Drei Messerstiche seitlich in den Kopf und Hals, einer in den Oberschenkel und einer in den vorderen Hals“, so Singelmann. Ein Zeuge verhinderte an dem Tag das Schlimmste, indem er S. am Arm festhielt.

Während Dolmetscher Mustafa Kurtoglu für die teils schwerhörigen Rentner ins Türkische übersetzte, erklärte der Richter in der Urteilsbegründung: „Zuerst sah es so aus, als ob wir es mit einer ,Blutrache’ oder einem versuchten Ehrenmord zu tun haben würden.“ Im Prozess hätten einige Aussagen des Angeklagten aber vermuten lassen, dass eine psychische Erkrankung vorliege. So hatte Vehbi S.

behauptet, dass Irfan H. versucht habe, sich vor ihm zu verstecken, absichtlich nicht neben ihm im Bus gesessen habe und ihn in der Moschee beobachtet hätte. Andere Männer sollten sich außerdem über die Affäre unterhalten haben. Zeugen und Nebenkläger H. gaben allerdings an, den 76-Jährigen nur flüchtig zu kennen. Kurz vor der Tat hatte S. angeblich Bekannte in der Bar über ihn und die Affäre seiner Ex-Frau mit dem 74-jährigen H. reden hören. Einer der beiden Männer hatte aber bereits in einer Verhandlung ausgesagt, dass er den Angeklagten nur vom Sehen kenne – und dessen ehemalige Frau überhaupt nicht.

„Der Angeklagte deutete völlig alltägliche Dinge um“, so Richter Singelmann. Er habe sie als Beweis für ein Verhältnis gesehen, das es wahrscheinlich nie gegeben habe. Ein gerufener, psychologischer Sachverständiger kam während des Prozesses dann zu der Auffassung, dass der Angeklagte unter einer wahnhaften Störung leide und im Wahn handelte. Deshalb sei seine Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit mindestens erheblich eingeschränkt gewesen. Oberstaatsanwältin Ulla Hingst plädierte deshalb auf Freispruch und eine anschließende Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus – die Verteidiger des Angeklagten und die Nebenklage schlossen sich an. Eine Alternative zur Unterbringung in einem Krankenhaus sieht man momentan nicht. Es sei nicht auszuschließen, dass der Angeklagte eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. Vehbi S. wird eine lange Zeit in der Klinik verbringen. „Die wahnhafte Störung besteht bis heute fort. Der Angeklagte sieht sich nicht als krank, weshalb es noch schwieriger sein dürfte, ihn zu behandeln“, erklärte Singelmann.

Tomma Petersen

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige