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Lübeck Miese Finanzen: Stadt sucht Kämmerer per Headhunter
Lokales Lübeck Miese Finanzen: Stadt sucht Kämmerer per Headhunter
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09:32 17.12.2015
„Das ist eine herausragende Position. Aber die Situation in Lübeck ist hochproblematisch.“ Rainer Kersten, Bund der Steuerzahler
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Lübeck

Lust auf 1,5 Milliarden Schulden? Ein jährliches Defizit von 60 Millionen Euro und mehr? Auf marode Brücken, kaputte Straßen, gesperrte Schulen und auf geschlossene Konzertsäle? Wer traut sich? Na? Niemand. Die Stelle des Kämmerers ist seit mehr als einem halben Jahr unbesetzt. Oder korrekt ausgedrückt: Die Stelle des Bereichsleiters Haushalt und Steuerung. Dort wird jedes Jahr der Finanzplan der hochverschuldeten Hansestadt aufgestellt, den Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) dann als Finanzsenator vertreten muss. Die Bürgerschaft verabschiedet den Finanzplan jeweils Ende November für das Folgejahr. In diesem Jahr hat Projektleiter Manfred Uhlig den lübschen Haushalt aufgestellt — kommissarisch. Das Volumen beträgt 800 Millionen Euro — und hat vor allem viele Minuszeichen. Denn seit 2000 gibt die Stadt jedes Jahr mehr aus, als sie einnimmt. Einzige Ausnahme: 2008.

„Wir haben uns tatsächlich eines Headhunters bedient“, sagt Saxe. Ein Novum für Stellen im öffentlichen Dienst. Denn interne Bewerber gibt es nicht. „Es ist ein Versuch.“ Es werde immer schwieriger, Mitarbeiter für hochqualifizierte Positionen zu finden. Bisher ist die Bewerbersuche erfolglos geblieben. Schuld daran ist nach Saxes Ansicht die gute Konjunktur. Daher fänden solche Leute Jobs in der Wirtschaft. Zwar habe der Headhunter ihm bereits Kandidaten genannt, „aber sie haben unsere Anforderungen nicht erfüllt“, sagt Saxe. Meist kamen sie aus wesentlich kleineren Städten.

Das Problem: Die Verwaltung bietet Sicherheit — aber wenig Geld. Der Gesuchte muss Akademiker sein oder die Prüfung für den höheren Dienst in der Verwaltung bestanden haben. Die Stelle wird je nach Qualifikation mit A 14 oder A 15 dotiert. Macht ein Jahresgehalt ab 46000 und 56000 Euro aufwärts. „Ein Controller verdient in der freien Wirtschaft mehr“, sagt SPD-Fraktionschef Jan Lindenau, Vorsitzender des Hauptausschusses. Ein Hochschulabsolvent könne mit 60 000 Euro anfangen — und habe gute Aufstiegschancen. „Das ist in der Verwaltung nicht der Fall.“ Daher glaubt Lindenau, dass das Bewerberfeld überschaubar ist — und sich vor allem Mitarbeiter aus den Verwaltungen anderer Städte bewerben, die in einem Wechsel nach Lübeck einen Aufstieg sehen. Aber: „Wir haben in Lübeck die kaufmännische Buchführung“, so Lindenau. Das sei in vielen anderen Städten noch nicht der Fall. Da werde der Finanzplan nach der alten Kameralistik erstellt.

„Solche Besetzungen sind ein Problem“, gibt Jochen von Allwörden, Geschäftsführer des Städteverbandes Schleswig-Holstein, zu. So würden Verwaltungen händeringend IT-Leute, Bauingenieure und Erzieher suchen. „Wir stehen zunehmend in Konkurrenz zu Unternehmen.“ Das bestätigt Rainer Kersten, Geschäftsführer des Bundes der Steuerzahler Schleswig-Holstein. „Diese Stellen sind zwar ordentlich bezahlt, aber nicht üppig“, sagt Kersten. Dafür steige aber die Arbeitsbelastung in einer Chefposition enorm an. Kersten: „Da nimmt man die Arbeit mit nach Hause.“

Aber Kersten sieht auch ein lübsches Problem. „Die Situation in der Hansestadt ist hochproblematisch.“ Es gäbe viel Streit zwischen dem Bürgermeister und der Bürgerschaft. „Das lädt sich dann auf der Position des Bereichsleiters Haushalt ab.“ Nicht persönlich, sondern was das Arbeitspensum angeht, da der Finanzplan vor der Bürgerschaftssitzung immer wieder unter Zeitdruck erneuert werden muss.

Die Verwaltung selbst haben auch CDU und Grüne als Ursache ausgemacht. „Anscheinend hat Lübeck ein Imageproblem“, sagt Finanzexperte Lars Rottloff (CDU). In der Verwaltung seien Stellen auch mit SPD-Parteimitgliedern besetzt worden. „Das trägt nicht zur Motivation bei Nicht-Parteimitgliedern bei.“ Für Rottloff ist klar: „Da Saxe als Finanzmann kein Experte ist, brauchen wir auf dieser Stelle einen Spezialisten.“ Grünen-Vormann Thorsten Fürter hat ebenfalls die vergleichsweise geringe Bezahlung als Ursache ausgemacht — und Saxe. „Er steht in dem Ruf, seine Bereiche nicht ordentlich zu führen.“

Josephine von Zastrow

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