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Lübeck Mieter erwarten Hilfe von der Politik
Lokales Lübeck Mieter erwarten Hilfe von der Politik
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21:26 14.11.2017
Vor einem halben Jahr trafen sich die Mieter des Brüder-Grimm-Rings bereits in einem Keller, um über ihre Situation zu berichten. Sie haben Angst, dass sie ihre Wohnungen verlassen müssen. Quelle: Roessler/privat

Rund 90 Mieter aus den Blöcken im Brüder-Grimm-Ring 53 bis 81 sind von der seit September 2016 laufenden Modernisierung betroffen. Die Mieten steigen stark an, weil Vermieter elf Prozent der Modernisierungskosten auf die Miete umschlagen dürfen. Der Mieterverein Lübeck rechnet vor, „dass die Mieten im Brüder-Grimm-Ring teilweise von bisher 5,10 auf 6,80 Euro netto kalt steigen“. Für eine 60 Quadratmeter große Wohnung seien das 102 Euro mehr pro Monat. „Die finanziellen Folgen für die Betroffenen sind dramatisch“, erklärte Thomas Klempau, Geschäftsführer des Mietervereins Lübeck, auf einem Treffen der Betroffenen mit Mieterverein und SPD-Ortsverein.

Vor einem halben Jahr gingen Mieter der Vonovia-Wohnblöcke im Brüder-Grimm-Ring in die Öffentlichkeit. Einigen von ihnen droht der Verlust ihrer Wohnung, weil Vonovia modernisiert und die Mieten stark steigen. Die Sozialbehörden raten den Betroffenen, umzuziehen.

Mieter, die von staatlichen Zuwendungen wie Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe leben, haben sich bei Sozialamt und Jobcenter gemeldet. Und erhielten ein Schreiben, dass die Mietobergrenzen in Lübeck unter den künftigen Mieten im Brüder-Grimm-Ring liegen. Aktuell erhält ein Ein-Personen- Haushalt-Haushalt maximal 380 Euro für die Wohnung. Die Folge: Entweder bringen die Mieter die Differenz selber auf, vermieten Räume unter oder suchen sich eine billigere Wohnung. Die Betroffenen leben aber zum Teil fast ihr ganzes Leben in Moisling. Ein Umzug sei nicht zumutbar, erklärte Michael Tietz vom SPD-Ortsverein. Er fordert, dass die Sozialbehörden in Härtefällen von den Mietobergrenzen abweichen. Klempau: „Für 6,80 Euro bekommt man in Lübeck keine kleine Wohnung.“

Tietz rät allen Mietern, die eine Mieterhöhung wegen Modernisierung erhalten, sofort Widerspruch einzulegen. Außerdem sollten die Betroffenen Mitglied des Mietervereins werden, um juristische Unterstützung einzuholen. Die Mitgliedsbeiträge können von Jobcenter oder Sozialamt übernommen werden, wenn Bedürftigkeit vorliege, wies Klempau auf eine Vereinbarung zwischen Mieterverein und Hansestadt hin, die bisher kaum bekannt sei. Im Brüder- Grimm-Ring habe der Mieterverein bisher nur ein Mitglied, „obwohl hier ein großes Problem besteht“, sagte der Geschäftsführer.

Karin Lenschow von der Mieter- Initiative forderte ebenfalls eine Anhebung der Mietobergrenzen und kritisierte den Vermieter Vonovia. Auf Einwände, dass bestimmte Baumaßnahmen keine Modernisierung, sondern eine Instandhaltung seien, reagiere Vonovia nicht. Instandhaltung ist nämlich allein Sache des Vermieters. Wenn die Bewohner sich dann beschwerten, dass sie höhere Miete zahlen sollen, obwohl die Modernisierung noch gar nicht abgeschlossen sei, sage Vonovia, dass es sich um Instandhaltung handele. Lenschow führt auch ein Protokoll über Beschwerden der Mieter während der laufenden Bauarbeiten. „Ich schaffe es schon gar nicht mehr, das wird ein Buch“, sagte Lenschow. Klingeln funktionieren monatelang nicht, Keller stehen voll Wasser, die Außenbeleuchtung ist defekt, Telefon und Fernseher funktionieren nicht, Handwerker kommen unangekündigt oder – wenn Mieter sich extra einen Tag frei nehmen – gar nicht. Eine Mieterin berichtete auf der Versammlung, dass Bauarbeiter ein 37 mal 50 Zentimeter großes Loch in ihr Schlafzimmer gestemmt hätten. Drei Wochen habe es gedauert, bis Arbeiter das Loch wieder schlossen. SPD und Mieter-Initiative wollen jetzt einen Brief an alle Kommunalpolitiker schreiben.

Vonovia entschuldigt sich auf LN-Anfrage bei den Mietern für die Unannehmlichkeiten. Ein reibungsloser Ablauf der Bauarbeiten sei nicht immer möglich. Der Ausfall von Klingel-, Sprechanlagen sowie Außenbeleuchtung sei bedauerlich, aber kurzfristig behoben worden. Die vollgelaufenen Keller begründet Vonovia damit, dass Lagerfugen undicht sind. Durch die Niederschläge der letzten Wochen drücke das Wasser auf die Gebäude. Arbeiten zur Abdichtung seien eingeleitet. Laut Vonovia werde „ganz klar zwischen Modernisierung und Instandhaltung getrennt“. Mieterhöhungen würden nur für Gewerke abgerechnet, „die komplett abgeschlossen sind“. Für die Erneuerung von Außenanlagen, Müllplätzen oder Hausüberdachungen werde es keine Mieterhöhung geben.

Das fordert der Mieterverein

„Als Sofortmaßnahmen“ fordert der Mieterverein Lübeck, „den Mieterhöhungsspielraum von derzeit elf auf vier Prozent der Modernisierungsinvestitionen zu begrenzen“. Das Argument, dass Mieter nach einer Modernisierung weniger Heizkosten hätten, ziehe nicht. Geschäftsführer Thomas Klempau: „Die Mieterhöhungen fallen immer deutlich höher aus als die Einsparungen bei der Heizung.“ Die Kosten für die energetische Sanierung müsste auf mehrere Schultern verteilt werden.

 Kai Dordowsky

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