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Lübeck „Mindestens fünf Fußtritte gegen Kopf und Schulter“
Lokales Lübeck „Mindestens fünf Fußtritte gegen Kopf und Schulter“
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20:51 21.06.2016
Kam es in der Lübecker Justizvollzugsanstalt zu einem gewalttätigen Übergriff eines JVA-Beamten? Quelle: Fotos: Hellerling, Dpa

Als wäre der Stoff im Mammutprozess gegen zwölf mutmaßliche Räuber aus Litauen nicht schon umfangreich genug: Gestern befasste sich die 7. Große Strafkammer des Kieler Landgerichts nicht mit den Überfällen auf Juweliere und Pfandhäuser in Düsseldorf, Kiel und München, sondern mit der weihnachtlichen Meuterei von vier Gefangenen der JVA Lübeck-Lauerhof.

In einem Raubprozess vor dem Kieler Landgericht wird die Geiselnahme in der Lübecker JVA erneut zum Thema – Drei Zeugen werfen den Gefängnis-Beamten körperliche Übergriffe vor.

„Der Beamte, der vorher nicht gewagt hat, was zu sagen und was zu machen, ist dann hingegangen und hat zugetreten.“ Zeuge G.

Im Mittelpunkt der Zeugenbefragung standen mögliche Übergriffe von Beamten auf die Meuterer nach ihrer Festnahme. Hintergrund: Eugenijus F. (38), einer der zwölf Angeklagten im Schleswiger Mammutprozess, war Heiligabend 2014 am Aufruhr beteiligt. Die zu späte Einbeziehung von Polizei und Staatsanwaltschaft hatte später JVA-Leiterin Agnete Mauruschat das Amt gekostet. Und Gerüchte um angeblich betrunkene und gewalttätige Beamte befeuert.

Das Urteil des Lübecker Landgerichts gegen Eugenijus F. vom April 2016 – zwei Jahre und neun Monate Haft wegen Gefangenenmeuterei und versuchten Raubes eines Schlüsselbunds – wäre im Fall einer Kieler Verurteilung in eine Gesamtstrafe miteinzubeziehen. Mögliche Misshandlungen F.s durch JVA-Mitarbeiter müssten sich dabei strafmildernd auswirken, sagen seine Verteidiger.

Der damals ebenfalls in Lübeck einsitzende Strafgefangene S. (38) erklärte gestern vor Gericht, ein JVA-Beamter habe Heiligabend einem bereits am Boden fixierten Geiselnehmer „mindestens fünf bis sechs Fußtritte gegen Schulter und Kopf“ versetzt. „Dann habe ich mich umgedreht, weil ich es nicht mehr sehen konnte“, sagte der Zeuge. Einem anderen JVA- Beamten warf er wiederholte Trunkenheit im Dienst vor. Weil der Zeuge solche Beschuldigungen bisher nicht erhoben habe, stellte der Staatsanwalt ihm umgehend ein Strafverfahren wegen Falschaussage und übler Nachrede in Aussicht.

Ein zweiter Lübecker Strafgefangener (48) will ebenfalls besagten Beamten bei Fußtritten beobachtet haben. Dieser habe dem festgenommenen Geiselnehmer „mehrmals ins Gesicht getreten“ – direkt neben dem Weihnachtsbaum, den man zuvor gemeinsam geschmückt habe. Der dritte Zeuge G. (34) sagte wörtlich: „Der Beamte, der vorher nicht gewagt hat, was zu sagen und was zu machen, ist dann hingegangen und hat zugetreten.“

Das Ermittlungsverfahren gegen den Beamten sei noch nicht abgeschlossen, teilte F.s Verteidiger Jan Kürschner gestern mit. Schlimmer als Fußtritte seien jedoch die psychischen Folgen der überlangen Einzelhaft, die Eugenijus F. in 16 Monaten regelrecht zermürbt hätten.

Hinzu komme mangelhafte ärztliche und psychologische Betreuung in der Justizvollzugsanstalt. „Da würde jeder kaputtgehen“, sagt der Rechtsanwalt. Mehrmals habe das Kieler Landgericht in der Hansestadt einen humaneren Umgang mit Eugenijus F. angemahnt, der an einer schweren Depression leide und einen Suizidversuch unternommen habe. Inzwischen wurde F. in die JVA Neumünster verlegt.

Um den Ablauf des Mammutprozesses gegen die litauischen Räuber nicht zu gefährden, hatte die Kieler Strafkammer F.s Verfahren abgetrennt. Die Verhandlung gegen die übrigen elf Litauer wird am Freitag in Schleswig mit dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft fortgesetzt.

 Thomas Geyer

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