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Lübeck Missbrauch: Anklage gegen Chatpartner
Lokales Lübeck Missbrauch: Anklage gegen Chatpartner
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21:53 17.08.2017
Philipp F. und Stefan G. wurden im Juni in Lübeck verurteilt. Jetzt stehen die Chatpartner vor Gericht. Quelle: Foto: Lutz Roessler

Einer der schrecklichsten Missbrauchsfälle der letzten Jahre ist im Juni zu Ende gegangen. Philipp F. und Stefan G. (alle Namen geändert) wurden vor dem Landgericht Lübeck zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie die zweijährige Tochter von Philipp F. zwischen August und November 2016 mehrfach auf grausamste Weise sexuell missbraucht hatten. Ihre Taten nahmen sie auf Video auf und verbreiteten sie im Internet. Deswegen sind Ermittlungen und Verfahren mit dem Urteil gegen die beiden Männer noch lange nicht abgeschlossen. Rund 50 Chatpartner sollen den Missbrauch im Internet zum Teil live verfolgt haben. Am Donnerstag wurde am Landgericht Erfurt die erste Anklage gegen einen dieser Chatpartner erhoben.

Dem 34-jährigen Manuel W. wird von der Staatsanwaltschaft gemeinschaftlicher schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes vorgeworfen. Via Skype soll der Mitarbeiter einer Kunststofffabrik die Taten des Philipp F. im April 2016 verfolgt und ihm mitunter Anweisungen zu seinen Handlungen gegeben haben. „Der Mann hat bei der polizeilichen Vernehmung bereits gestanden“, berichtet die Oberstaatsanwältin und stellvertretende Sprecherin Anette Schmitt-ter Hell. Am ersten Verhandlungstag sei nur die Anklage verlesen worden, „der Verteidiger hat eine erneute geständige Einlassung seines Mandanten aber angekündigt“, so Schmitt-ter Hell weiter. Der Mann befände sich in Untersuchungshaft, parallel zu diesem Verfahren würden Ermittlungen wegen der Verbreitung von Kinderpornografie in einem anderen Kontext gegen ihn laufen.

„Es sind sehr schwierige Ermittlungen“, hatte Ulla Hingst, Sprecherin der Lübecker Staatsanwaltschaft, bei Prozessbeginn hinsichtlich dieser „Zuschauer“ gesagt. Man hätte es mit Datenmengen im zweistelligen Terabyte-Bereich zu tun.

Dass dem Missbrauch überhaupt ein Ende gesetzt werden konnte, ist der Naivität – so nannte es damals auch ein Gutachter im Prozess – von Philipp F. geschuldet: Am Sonntag, 6. November 2016, um kurz nach 6 Uhr morgens schickte der Vater der Zweijährigen einem Chatpartner in einer Internet-Kontaktbörse Fotos seiner misshandelten Tochter. Er tat das, ohne zu wissen, wer der Mann hinter dem anderen Bildschirm eigentlich war.

Schockiert von den Bildern, leitete der Zeuge – eigentlich auf der Suche nach homosexuellen Kontakten – sie an die Behörden weiter. Wenige Tage später wurden Philipp F. (28) und Stefan G. (47) festgenommen. Die Videos und Chats wurden ihnen zum Verhängnis. Keine Zweifel, die Beweislast war erdrückend. Die Männer räumten die Taten am ersten Verhandlungstag ein. Was Richtern, Anwälten und Sachverständigen nicht ersparte, die Aufzeichnungen immer wieder ansehen zu müssen. Am Ende lautete das Urteil: Zehn Jahre und neun Monate für den knapp 30-jährigen Philipp F., der aufgrund einer „tiefgreifenden seelischen Abartigkeit“ als vermindert schuldfähig eingestuft wurde. Sein Komplize, der rund 20 Jahre ältere Stefan G., wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Möglich wurden die Urteile, weil einer von rund 50 Chatpartnern nicht wie Manuel W. gehandelt hat. Der Prozess gegen ihn wird am 7. und 8. September fortgesetzt.

 Luisa Jacobsen

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